Bürgermeister Robert Scherer ist fasziniert von Technik, alter ebenso wie neuer. In seinem Büro im Rathaus steht sein privates Saba-Radiogerät „Meersburg“, Baujahr 1954. Als Dienstwagen fährt er seit kurzem einen „turboblauen“ Audi Q5 e-tron mit neuester Plug-in-Hybrid-Technologie. Auch bei der Meersburger Stadtentwicklung geht es ihm darum, Altes und Neues stimmig zusammenzufügen.

„Die Stadt steht für Kultur und Geschichte“

„Die Stadt steht für Kultur und Geschichte. Wir leben davon“, sagt er, betont aber sogleich: „Wenn wir das nicht in Einklang bringen, das aber auch nicht zukunftsweisend weiterentwickeln, dann geht‘s den Bach runter“ – gerade in puncto Tourismus. Das Ziel sei: „Wir müssen es schaffen, die Leute länger in Meersburg zu halten.“

Wilma und François Morin mit der Ehrenmedaille von Louveciennes, der französischen Partnerstadt Meersburgs, die beide am 19. Januar 2019 als erste Auswärtige für ihre Verdienste um die Jumelage erhielten.
Wilma und François Morin mit der Ehrenmedaille von Louveciennes, der französischen Partnerstadt Meersburgs, die beide am 19. Januar 2019 als erste Auswärtige für ihre Verdienste um die Jumelage erhielten. | Bild: Sylvia Floetemeyer

Endlich ein Parkhaus

Einen ersten wichtigen Schritt in die Zukunft machte die Stadt im Februar mit der Verabschiedung des Stadtentwicklungsplans Meersburg 2030. Ein weiterer Höhepunkt folgte im November mit dem Spatenstich für das neue Parkhaus an der Fähre, über das viele Jahre lang diskutiert worden war.

Auch ein Aufzug zwischen Ober- und Unterstadt scheint denkbar

Erstmals scheint – nach positiver Rückmeldung von der Denkmalbehörde – auch ein Aufzug zwischen Ober- und Unterstadt zumindest denkbar zu sein. Mit der Umsetzung weiterer, kleinerer Projekte soll es 2020 weitergehen, so dem Wasserspielplatz an der Seepromenade, neuen Nutzungen für städtische Gebäude, wie das „Alte Zollhaus“ und Teile der Gred, Sitzbänken am BSB-Hafen und Sitzstufen am Bismarckplatz sowie dem Abriss der früheren Post auf dem Bleicheplatz, der zunächst als Parkraum dienen soll.

Zusage für neues Stadtsanierungsgebiet

In puncto Stadtentwicklung stehen für 2020 laut Scherer vor allem weitere Sondierungsgespräche an, etwa zu den Themen Aufzug und Uferrenaturierung. Scherer hebt hervor, man sei mit dem Regierungspräsidium und dem Landesdenkmalamt in sehr gutem Kontakt. Ein positives Ergebnis dieser Zusammenarbeit sei, dass man Meersburg erneut ein Stadtsanierungsgebiet bewilligt habe. Scherer betont: „Es geht um das Miteinander.“ Alle Seiten müssten sich bewegen, so wie jetzt beim Parkhaus. Scherer unterstreicht: „Meersburg 2030 dient für uns alle, aufgrund der überwältigenden Beteiligung der Bürgerschaft, als roter Faden: Den darf man nicht beiseiteschieben. Es ist aber klar, dass man nicht alles auf einmal durchziehen kann.“

Hotelpläne auf dem Hämmerle-Areal verzögern sich

Dabei gibt Motorradfan Scherer auch als Bürgermeister gern Gas. Doch das Tempo der Vorhaben ist eng an die Finanzlage gekoppelt. Zum Jahresende klaffte im Haushalt 2019 noch eine Lücke von rund 6 Millionen Euro. Denn anders als geplant konnte die Stadt das frühere Hämmerle-Areal noch nicht an den bisher ungenannten Investor verkaufen, der darauf ein Hotel bauen will. Die Verhandlungen seien komplizierter als gedacht.

Ein Knackpunkt sei die geplante Tiefgarage mit 200 Parkplätzen, die Stadt und Hotel je etwa zur Hälfte nutzen wollen. Scherer betont: „Wir wollen eine optimale Nutzung für beide Seiten, das umzusetzen ist schwer.“ Er sei aber zuversichtlich, dass man 2020 eine Lösung finden werde. Die Mittel seien bereits im Haushalt eingeplant, notfalls werde man aber „einen Plan B haben“, etwa eventuell übergangsweise einen Kredit aufnehmen.

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Therme: „Ziel ist schwarze Null“

Die Therme ist längerfristig eine finanzielle Belastung für die Stadt: 2018 fuhr sie einen Verlust über 682 000 Euro ein, für 2019 ist ein ähnlich schlechtes Ergebnis vorhergesagt. Scherer sagt, man wolle die Defizite reduzieren. Er räumt ein, es sei kaum zu schaffen, dass die Therme je gewinnbringend arbeiten werde. „Mein Ziel ist eine schwarze Null.“ Das wolle man durch neue Angebote erreichen und sei dabei mit dem neuen Geschäftsführer Fabian Dalmer auf einem guten Weg. Scherer unterstreicht aber: „Ein wirklicher Gewinn durch die Therme ist: Die Stadt kann Schwimmkurse anbieten, die außerhalb der Saison top belegt sind. Mir ist wichtig: Die Therme und das Freibad sind nicht nur für Touristen da, sondern vor allem für die Meersburger.“

Erweiterung des Kindergartens

Als Projekte, die ihm 2020 persönlich besonders am Herzen liegen, nennt Scherer zuerst die Planung der Kindergartenerweiterung und die Sonderausstellung im Vineum über die 1920er Jahre in Meersburg. Als große Aufgaben der kommenden Jahre, die man aber anstoßen müsse, nennt der Bürgermeister Stichworte wie: Seewärme, bezahlbaren Wohnraum schaffen, ohne dabei alles privaten Bauträgern zu überlassen, Verkehrsinfrastruktur und Mobilitätskonzept verbessern, die Teilorte fördern.

Kooperationen zur Sanierung von Spielplätzen

Bei der Modernisierung und Erweiterung des Spielplatzes an der Uferpromenade zu einem Wasserspielplatz im Frühjahr 2020 werde man es nicht belassen, verspricht Scherer. Man werde die rund zehn Spielplätze „Stück für Stück weiter angehen, ausbessern, eventuell ersetzen“. Dabei wolle die Stadt neue Wege gehen, Unterstützer suchen und Kooperationen eingehen, etwa mit der Therme, aber eventuell auch mit Privatunternehmen.

Bürgerbus und B 31 Themen auf der Verkehrsagenda

„Ich hoffe, dass wir das Bürgermobil 2020 angehen können.“ Die Stadtverwaltung wolle die dafür nötigen Gelder in den Haushalt einstellen, über den der Gemeinderat im Januar beraten werde. Auch der Weiterbau der B 31-neu beschäftige die Stadtverwaltung intensiv. Die Stadt sei für einen flächenreduzierten Verbrauch beim Bau der neuen Trasse. Scherer wiederholt seine Aussage von 2018: „Den Knoten Daisendorfer Straße sehen wir nicht“, sondern „immer noch einen getrennten Zubringer zur Fähre“. Denn die Daisendorfer Straße sei Hauptschulweg, auch topografisch schwierig und deshalb unfallträchtig.

Bei der Aktion „Narren gegen Blutkrebs!“ der Schnabelgierezunft lassen sich am 6. August 303 Menschen als Knochenmarkspender typisieren. Monja Endress (links) und Silvia Keck werben als lebendige Wattestäbchen um Stammzellenspender.
Bei der Aktion „Narren gegen Blutkrebs!“ der Schnabelgierezunft lassen sich am 6. August 303 Menschen als Knochenmarkspender typisieren. Monja Endress (links) und Silvia Keck werben als lebendige Wattestäbchen um Stammzellenspender. | Bild: Sylvia Floetemeyer

Gebühren teils stark erhöht

In jüngster Zeit hat die Stadt etliche Gebühren teils sehr stark angehoben, zuletzt die Friedhofs- und Bestattungsgebühren. Angestrebt ist eine Kostendeckung, wenn dies möglich ist. Doch wie vermittelt man das den Bürgern, die für einzelne Leistungen teils das Doppelte oder mehr zahlen müssen? „Indem wir offen damit umgehen. Mit unserer Verwaltung kann man reden. Wir sagen, wie‘s ist.

Beim Friedhof sind wir nicht die einzige Gemeinde, die erhöht, und beim Kindergarten wird‘s nie Kostendeckung geben.“ Die Elternbeiträge dafür decken laut Kämmerei derzeit rund 14 Prozent der tatsächlichen Kosten. Scherer sagt, die Stadtverwaltung gehe „Dinge an, die in den letzten Jahren nicht angegangen wurden“. Er betont: „Wir wollen die Bürger nicht ärgern.“ Aber die Stadt habe auch ihre fiskalischen Knebel.

Warum ist eine Beerdigung so teuer?

Warum eigentlich ist eine Beerdigung so teuer? „Zum einen Teil, weil wir in Deutschland und die Lohn- und Produktionskosten so hoch sind. Aber auch der Anspruch von uns Deutschen an eine Dienstleistung ist extrem gestiegen.“ Scherer betont: „Ich sehe die Stadt Meersburg als Dienstleister. Und das Anspruchsdenken unserer Kunden ist ja auch so – mit dem Unterschied: Bei uns wird‘s schwierig, in bestimmten Bereichen kostendeckend zu arbeiten.“

Es mangelt an Personal

Die Aufgaben für die Kommunen seien enorm gestiegen bei gleichzeitig zunehmendem Fachkräftemangel. Parallel dazu würden die „Gesetzgebung immer anspruchsvoller, aber auch die Ansprüche der Bürger“. Eine gewisse Zeit lang könne man das mit dem vorhandenen Personal auffangen, aber irgendwann komme man an seine Grenzen. Ein extremes Beispiel sei die Kinderbetreuung: „Das Angebot im erzieherischen Bereich wird immer vielfältiger und das ist ja auch schön.“ Aber das verlange auch immer mehr Personal. Ab 2025 haben Eltern zusätzlich einen Rechtsanspruch auf ganztägige Betreuung von Kindern in der Grundschule. „Wie soll das eine kleine Stadt bewältigen?“

Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (links) und sein bayerischer Kollege Markus Söder erklimmen die Burgweganlage in Meersburg, wo sie am 23. Juli 2019 die „Südschiene“ wiederbeleben.
Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (links) und sein bayerischer Kollege Markus Söder erklimmen die Burgweganlage in Meersburg, wo sie am 23. Juli 2019 die „Südschiene“ wiederbeleben. | Bild: Sylvia Floetemeyer

Kein Respekt vor Amtsträgern

Scherer sagt: „Ich bin sicher, wenn die Umgangsformen weiterhin so verrohen, dann brauchen wir uns nicht zu wundern, dass keine Kandidaten mehr gefunden werden und übrigens auch keine Mitarbeiter für den Öffentlichen Dienst.“ Er fährt fort: „Wenn wir nur noch Prellbock sind, dann wird‘s auch schwieriger, Mitarbeiter zu motivieren, im Öffentlichen Dienst zu arbeiten, egal in welcher Position.“

„Eine handvoll Mal unter der Gürtellinie angegangen“

In den zweieinhalb Jahren, seit Scherer sein Amt angetreten hat, „bin ich eine handvoll Mal unterhalb der Gürtellinie angegangen worden. Das schlucke ich nicht so einfach weg, weil ich meinen Job mit Überzeugung und mit Engagement mache.“ Er erzählt von der Eröffnung des Freibades, die man 2019 wegen Personalmangels um eine Woche verschieben musste. Am Eröffnungssamstag begrüßten Scherer und Betriebsleiter Fabian Dalmer die Besucher und standen wegen des verspäteten Saisonstarts Rede und Antwort.

Bei den Badegästen sei das so gut wie kein Thema gewesen, aber per E-Mail und auf Facebook seien teils heftige Anwürfe eingegangen: „was uns einfalle, ob der Bürgermeister seinen Laden nicht im Griff habe“, sagt Scherer. Ihn frustriert: „Du wirst persönlich angegangen für Dinge, die du nicht ändern kannst.“ Auch nachdem der Gemeinderat sich für einen neuen Betreiber für den Mittelaltermarkt entschieden habe, habe es auf Facebook „entsprechende Kommentierungen gegeben, in denen die Verwaltung und der Rat angegangen wurden“. Unverschämt sei oft auch der Umgang mit städtischem Personal.

„Gefährlich, wenn Halbwahrheiten und Lügen verbreitet werden“

Scherer stellt insgesamt fest: „Diese zunehmende Verrohung der Sprache, die Angriffe – diesen Negativverlauf nehme ich immer mehr wahr und man ist dem hilflos ausgesetzt.“ Scherer betont: „Da fehlt der Respekt gegenüber Menschen. Ob es Mitarbeiter der Verwaltung sind, oder Gemeinderäte oder andere: Jeder Mensch hat Anspruch auf Respekt. Und man hat immer einen Respekt vor anderen zu haben.“ Er schließt: „Es gibt halt Menschen, die reden nicht mit einem, sondern sie urteilen über einen – und das ist ganz gefährlich, vor allem, wenn Halbwahrheiten und Lügen verbreitet werden.“

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