Wenn es den Nikolaus wirklich gibt, dann verschenkt er in diesem Jahr nur diese CD: „Walk on a wild side“ von der Siggs Pack Big Band. Mit 74 Minuten ist sie pickepackevoll – und fast doppelt so lang gerät die Livevorstellung des Albums im fast vollen Kulturschuppen Meckenbeuren.

Wo soll man beginnen bei dieser Blütenlese der Bigband-Preziosen? Am besten mit dem Anfang, bei Glenn Millers swingender Erkennungsmelodie „In the mood“. Schon hier zeigt sich Bandleader Stefan Siggs Gespür für die Auswahl pfiffiger Arrangements, die finessenreich aufs Bekannte noch eins draufsetzen, es temperamentvoll umspielen – und so wird der Oldie zum spektakulären Bigband-Jazz von heute.

„Blues in Frankies Flat“ aus dem Count Basie-Repertoire ist eine aufreizend augenzwinkernde Nummer, die klingt, als würde man Frankieboy Sinatra beim Aufreißen einer schönen Frau an der Bar zusehen. Und im halbleeren Whiskyglas summt dabei angedüdelt eine Fliege; oder ist es die gestopfte Soloposaune von Peter Hohl? Wo wir schon bei Frauen sind, darf die Sängerin Natascha Flamisch nicht unerwähnt bleiben. Und zwar zuvorderst mir ihrer größten Glanznummer „Sunshine of your Love“ von Cream. Die Band spielt den Rockkracher in der berühmten Orchestervariante von Ella Fitzgerald. Natascha Flamisch faucht, sie schnurrt, sie bettelt, sie schmiegt ihre Stimme an die Band, wie sich der Kuchenteig an die Backform schmiegt – und sie bleibt dabei stets der Chefkoch, der bestimmt, wie heiß der Ofen werden soll. Wer bei dieser Nummer der puren Begierde keine roten Ohren kriegt, hat auch sonst keine stark durchbluteten Körperzonen.

Und dann ist da noch Nicholas Gordon, der Mann von „Down Under“. Bei diesem Konzert ist er allerdings ganz obenauf: Er ist ein begnadeter Crooner, seine Stimme macht Michael Bublé Konkurrenz und bleibt noch in den dynamischsten Phasen des schweren Bluesfetzers „Feeling Good“ ein Musterbeispiel an Lässigkeit. Wenn er dann den Mambo-Klassiker „Sway“ singt, wünscht man sich jemanden, der die Stühle wegstapelt und Platz zum Tanzen macht. Zumal Nicholas dem Song mit einem kleinen Ziehen seiner Stimme jenes Sahnehäubchen an Schwung verleiht, das deutlich macht, dass seine Lässigkeit hier nichts anders als die eleganteste Form der Anspannung ist.

Ihr Meisterstück gelingt der Big Band mit Elmer Bernsteins Filmmusik „Walk on the wild side“ – eigentlich eine über zehn Minuten lange Suite in mehreren Teilen. Mit einem coolen Groove läuft Heiner Merks E-Bass an, die Bläser inszenieren einen Blues der entspannten Schwerenöterei – und dann folgt eine rasante Swingpassage mit einem hochfliegend inspirierten Sopransax-Solo des virtuosen Multiinstrumentalisten Markus Kerber; ein von Coltrane geküsster freier Gesang. Und unversehens wandelt sich der Charakter des Stücks abermals, zur betörenden Ballade, in der das Sopransaxofon sich in Anmut hüllt, über dem sacht wiegenden Klavierspiel von Lothar Kraft und der Big Band, die in allen Klangfarben wabert – als übersetzten sie das Spiegelbild einer Blumenwiese, das sich auf einem leise bewegten Sees zeigt, in Musik.

Siggs Pack Big Band hat eine Unzahl von Solisten aufgebaut. Kein Stück zeigt das besser als „Sunny side of the street“, in dem alle fünf Mitglieder des Posaunensatzes einander abwechselnd die Soli in die Hand geben. Und ein ganz besonderes Wunder in solistischen Angelegenheiten ereignet sich zwischen Markus Kerber und dem riesengroßen Nachwuchstalent Michael Reiss in Charlie Parkers „Au Privace“: Die beiden Saxofonisten verschlingen ihre Soli ineinander, die zusammen zu einem endlosen Flattern abheben – und Markus Kerber gibt seinem jungen Bandkollegen dann Gelegenheit, den letzten Rest der nicht schon längst geplätteten Erwartungshaltungen an die Wand zu spielen.

15 Euro sind nicht zuviel für die CD einer Big Band, der auf der Bühne mehr große Momente glücken, als man Finger an den Händen hat. Erhältlich ist die CD übrigens bei Amazon.