Gewerbeflächen am Bodensee sind knapp. In Meckenbeuren vis a vis vom Flughafen Friedrichshafen erschließt die Gemeinde gerade einen neuen Standort mit 4,5 Hektar. 1,3 Hektar davon wollte eine oberschwäbische Firma kaufen, doch daraus wird nun nichts, wie der Inhaber auf Anfrage bestätigt hat. Die knappe Ratsmehrheit ist hinter verschlossenen Türen dem Vorschlag des Bürgermeisters gefolgt und hat sich nicht für den in der Nachbarschaft ansässigen Mittelstandsbetrieb, sondern für einen der größten Baukonzerne in der Ukraine entschieden, wie SÜDKURIER aus Ratskreisen erfuhr.

„Ich bin sehr enttäuscht, dass wir nicht zum Zuge kommen“, sagt der Inhaber, der nicht genannt werden will. Er ging nach vielen Gesprächen mit Bürgermeister Andreas Schmid und dem Hauptamtsleiter noch im Mai davon aus, dass der Verkauf der Baufläche an sein Unternehmen quasi Formsache ist. Die Ratsentscheidung wurde allerdings auf Juni verschoben. Dass sein Unternehmen dann mit einem Mitbewerber konkurriert, habe er nicht gewusst. Seine Firma entwickelt und baut hochmoderne Produktionsanlagen und will expandieren.

Europa-Zentrale am Flughafen

Das will offensichtlich auch der Baukonzern aus der ukrainischen Hauptstadt Kiew, den „vor acht Wochen hier noch niemand auf dem Plan hatte“, so ein verwunderter Gemeinderatsvertreter. Was die KAN Development, die große Immobilien konstruiert, entwickelt und managt, auf dem vergleichsweise winzigen Gewerbestandort in der oberschwäbischen Provinz vorhat, klingt abenteuerlich. Der Konzern wolle hier im wirtschaftsstarken Südwesten seine Europa-Zentrale platzieren und sei scharf auf die Nähe zum Flughafen, der nur einen Steinwurf entfernt ist. Eine bequeme An- und Abreise per Privatjet sei wichtig. Darüber hinaus ist von Firmen und Startups die Rede, die auf dem Areal angesiedelt werden sollen. Mehr als drei Viertel der künftigen Mieter habe man bereits – wenn auch noch nicht das Grundstück.
 

Nun ist KAN Development aber nicht irgendein Unternehmen im fernen Osten. Igor Nikonov machte im Erdgashandel ein Vermögen, bevor der Oligarch das Unternehmen 2001 gründete und ihm bis 2014 als Präsident vorstand. Dann wechselte er im Juli 2014 nach der Revolution auf dem Maidan in die Kiewer Stadtregierung – als erster Stellvertreter von Bürgermeister Vitali Klitschko. Der Ex-Boxer habe „berüchtigte Bauunternehmer“ wie Nikonov in seiner Nähe geduldet, schrieb „Die Welt“ kurz vor Klitschkos Wiederwahl im September 2015. Denn eins der größten Probleme der ukrainischen Hauptstadt war und ist die illegale Bebauung. Laut „Welt“ sprechen Umweltschützer von 400 Hektar Parkfläche, die die korrupte Stadtverwaltung seit 2003 privaten Baufirmen zur Verfügung stellte.

Konzern ist gut im Geschäft

KAN Development gehörte zu den Profiteuren. Der Konzern baute weit vor der orangenen Revolution 2014 ein Mega-Projekt nach dem nächsten – und ist nach wie vor gut im Geschäft. Das weist beispielsweise der „Marktbericht Bauwirtschaft – Ukraine“ der Germany Trade & Invest in Bonn aus. Im April 2014 führte der Konzern die Liste der größten Einzelhandelsprojekte in Kiew an – mit dem 139 000 Quadratmeter großen Shoppingparadies „Respublika“, das in diesem Jahr fertig werden soll. Aber es geht noch größer: Mit der „Comfort Town“ ist gleich ein ganzes Stadtviertel in Kiew auf über 500 000 Quadratmeter mit über 4000 Appartements neu entstanden, auch wenn heute viele davon in der teuren „Geisterstadt“ leer stehen und als Ferienwohnung gemietet werden können. Bauherr: KAN Development.

Was will der Konzern mit 13 700 Quadratmeter an einem Regionalflughafen, wo die Gebäude nur 17 Meter in den Himmel wachsen dürfen? Bürgermeister Andreas Schmid möchte zum nichtöffentlichen Beschluss des Grundstücksverkaufs nicht Stellung nehmen, solange der Vertrag nicht unter Dach und Fach ist. Offen bleibt auch, ob KAN Development mehr als die öffentlich ausgeschriebenen 115 Euro pro Quadratmeter erschlossenes Bauland im neuen Gewerbegebiet zahlen will. Die in Ratskreisen genannte Summe von rund 120 000 Euro wäre für die ukrainische Firma nicht mehr als ein Taschengeld. Womöglich hätte auch die oberschwäbische Firma in ihrer Not solche Mehrkosten für Grund und Boden berappt – wenn sie von einem Bieterwettbewerb gewusst hätte. Doch davon sei nie die Rede gewesen.

 

Gewerbegebiet Flughafen

  • Auf einer Fläche von 5,8 Hektar entsteht derzeit auf der Gemarkung von Meckenbeuren das neue Gewerbegebiet am Flughafen. Die reine Gewerbefläche beträgt zirka 4 Hektar. Im Mai 2015 wurde der Planentwurf vom Gemeinderat beschlossen, derzeit laufen die Erschließungsarbeiten. Die verkehrsgünstige Nähe zum Flughafen, zur Schiene und zur Bundesstraße B 30 sind eindeutige Pluspunkte des Areals.
  • Bislang wurde nur ein Flächenverkauf von der Gemeinde Meckenbeuren bekannt gegeben. Die Firma Maucher, die in Friedrichshafen lange nach Erweiterungsflächen gesucht hat, zieht am neuen Standort vier Produktionsbetriebe zusammen. An Interessenten für die neuen Gewerbegrundstücke mangele es nicht, erklärte Bürgermeister Andreas Schmid erst kürzlich.
  • Die Flächenverfügbarkeit in der Region Bodensee-Oberschwaben ist aus vielerlei Gründen in aller Regel ziemlich begrenzt, konstatiert der Regionalverband Bodensee-Oberschwaben. Gerade im Bodenseekreis "sind die Gewerbeflächen sehr begrenzt", stellt Verbandsdirektor Wilfried Franke fest. Um Gewerbeentwicklung weiter zu ermöglichen, arbeitet der Verband mit den Städten und Kommunen in der Region an einem Gewerbeflächen-Entwicklungskonzept. (kck)