Laut ruft ein Verletzter um Hilfe, unter seiner zerfetzten Jacke wird verätzte Haut sichtbar, er schreit vor Schmerzen. Ein anderer liegt mit einer Kopfverletzung bäuchlings und regungslos auf einer Palette, wo ihn mit apathischem Blick sein Kollege fixiert. Seine Beine gehorchen ihm nicht mehr. Ein Container, beladen mit Fässern voll verschiedener Chemikalien, ist vom Gabelstapler gefallen, die Türen flogen auf, die Fässer wurden zerdrückt und beschädigt, eine Flüssigkeit läuft aus und giftige Dämpfe vernebeln den Hof einer Fabrik. Der Staplerfahrer gerät in Panik, eine Kollegin setzt einen Notruf ab.

Ein Unfallopfer wird zur Reinigung ins Dekontaminationszelt gebracht.
Ein Unfallopfer wird zur Reinigung ins Dekontaminationszelt gebracht. | Bild: Anette Bengelsdorf

20 Vertreter nationaler und internationaler Zivilschutz- und Hilfsorganisationen, darunter das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK), das Technische Hilfswerk (THW) aus Bonn sowie verschiedene Organisatoren wie Ärzte ohne Grenzen oder UN World Food sowie der ehemalige libysche Gesundheitsminister als Vertreter der Vereinigung von Rotem Kreuz und Rotem Halbmond (IFRC), sind im Rahmen eines zweitägigen Seminars bei Zeppelin Mobile Systeme (ZMS) in Meckenbeuren zusammengekommen und verfolgen mit großer Aufmerksamkeit eine Übung zur Intervention nach einer CBNR-, einer chemisch-biologisch-radiologisch-nuklearen Katastrophe, bei der neue Produkte zum Einsatz kommen.

Innerhalb von 20 Minuten bauen vier Helfer der Johanniter einen voll eingerichteten Behandlungsraum für Schwerverletzte auf.
Innerhalb von 20 Minuten bauen vier Helfer der Johanniter einen voll eingerichteten Behandlungsraum für Schwerverletzte auf. | Bild: Anette Bengelsdorf

Martinshörner sind zu hören, ein mobiles Labor der analytischen Task-Force (MATF) und ein Einsatzfahrzeug des THW treffen ein. Fahrer und Besatzung sind bereits mit ABC-Schutzanzügen sowie Gasmasken und Pressluftflaschen ausgerüstet. Mit den Sensoren des Fahrzeugs versuchen sie zunächst, das Gas und die austretende Flüssigkeit zu analysieren, was jedoch nicht gelingt. Zwei Einsatzkräfte müssen das Fahrzeug verlassen, nehmen Proben der Umgebungsluft und der ausströmenden Flüssigkeit, die sie durch eine Klappe ins mobile Labor, einen hermetisch abgeschlossenen Schutzraum, geben. Ein Mitarbeiter untersucht die Stoffe dort innerhalb von drei bis vier Minuten auf ihre Zusammensetzung und ordnet sie einer Gefahrenstufe zu. Bis zu acht Stunden kann sich das Fahrzeug im Ernstfall im kontaminierten Gebiet bewegen und den Einsatzkräften Schutz bieten.

Die Proben werden durch eine Klappe ins hermetisch abgeschlossene, mobile Labor gereicht.
Die Proben werden durch eine Klappe ins hermetisch abgeschlossene, mobile Labor gereicht. | Bild: Anette Bengelsdorf

Mit Blaulicht sind die Johanniter eingetroffen und bauen innerhalb von 20 Minuten aus einem kleinen Container einen voll eingerichteten Behandlungsraum für Schwerverletzte auf. Diese Container sind lufttransportfähig und können am Ort der Katastrophe ohne Kran oder Stapler aufgestellt werden. Das Unfallopfer mit der Kopfverletzung wird auf einer fahrbaren Krankentrage zuerst ins orangerote Dekontaminationszelt gebracht. Die Kleider werden ihm vom Körper geschnitten, bevor er sorgfältig abgespült wird. Erst wenn er messbar sauber ist, kann er an die Johanniter zur weiteren Versorgung übergeben werden.

Ein Unfall mit Chemikalien wird auf dem Werksgelände von Zeppelin Mobile Systeme für eine Übung realistisch nachgestellt.
Ein Unfall mit Chemikalien wird auf dem Werksgelände von Zeppelin Mobile Systeme für eine Übung realistisch nachgestellt. | Bild: Anette Bengelsdorf

Die THW-Retter kümmern sich jetzt um ihre eigene Dekontamination. Am Heck des MATF-Fahrzeugs duscht sich einer nach dem anderen im Schutzanzug ab. Durch eine Schleuse mit Überdruck gelangt er danach ins Innere, wo er entkleidet nochmals duschen wird, bevor er endgültig den sauberen Schutzraum betreten kann.

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Vorsichtig wird das dekontaminierte Opfer jetzt umgebettet und ins "Triage"-Zelt gebracht, wo ein Arzt und Helfer eine erste Diagnose stellen und den Verletzten in eine von vier Gruppen einsortieren. Als Typ zwei, schwer verletzt, wird er in den Behandlungsraum gebracht. Sein Kollege, dessen Haut an Brust und Armen vollkommen zerstört ist – das Verätzungsmakeup ist – das ist erschreckend realistisch – kommt als Typ-eins-Patient, dessen Leben akut gefährdet ist, nach der Vorbereitung in den mobilen Operationssaal, wo er notfallmäßig behandelt werden kann. Zur Weiterbehandlung würde er im Ernstfall in das nächstgelegene Krankenhaus transportiert.

Sanitäter Kevin und Notarzt Otmar Schläfer versorgen das Unfallopfer im mobilen Operationssaal.
Sanitäter Kevin und Notarzt Otmar Schläfer versorgen das Unfallopfer im mobilen Operationssaal. | Bild: Anette Bengelsdorf

"Dies ist keine Verkaufsveranstaltung", betont Thomas Müller. Vielmehr wolle man in den Seminaren von den Helfern aus erster Hand erfahren, wo im Katastrophenfall die Bedürfnisse sind. "Wir wollen uns im Bereich Katastrophenschutz weiterentwickeln", sagt der Projektleiter im Bereich mobiler Zivilschutz bei ZMS. Um geeignete Produkte entwickeln zu können ist die Industrie dabei auf das Feedback der Nichtregierungsorganisationen angewiesen.

Bevor die Opfer versorgt werden können, müssen Proben der Luft und der auslaufenden Flüssigkeit genommen und analysiert werden.
Bevor die Opfer versorgt werden können, müssen Proben der Luft und der auslaufenden Flüssigkeit genommen und analysiert werden. | Bild: Anette Bengelsdorf

So war in einem Bericht über Jemen interessant zu hören, mit welchen Problemen die humanitären Akteure, die sich zwischen zwei Kriegsparteien bewegen, täglich konfrontiert sind. Auch berichteten die NGOs, welche Probleme sie mit ihrer Ausrüstung haben, sowohl in der Anwendung, als auch in der Transportlogistik. "Meines Wissens nach hat es eine solche Veranstaltung auf Einladung der Industrie bisher nicht gegeben", sagt Vertriebsleiter Alexander Lutz.

Bereits im Schutzanzug mit Atemschutzmaske treffen die Helfer des THW am Unfallort der Übung ein.
Bereits im Schutzanzug mit Atemschutzmaske treffen die Helfer des THW am Unfallort der Übung ein. | Bild: Anette Bengelsdorf

Dabei sind die multinationalen Hilfsorganisationen medizinischer und nichtmedizinischer Bereiche auf einheitliche Standards ihrer Ausrüstung angewiesen, damit diese auch im Ernstfall wie ein Zahnrad ineinandergreifen. Anders als nach einem Chlorgasangriff in Syrien, hat sich das Übungs-Opfer von seinen Verätzungen schnell wieder erholt. Lachend stellt er sich am Ende der Übung, die Dank der Expertise von THW, Johannitern und Notärzten, reibungslos abgelaufen ist, den Fotografen.

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