Mathilda hat Glück. Seit Montag darf die Achtjährige wieder in die Schule. Zwar nur zwei Schulstunden am Tag für eine Woche, dann wieder eine Woche Homeschooling, aber es ist ein Anfang. Langsam zurück zum Präsenzunterricht. „Ihre beiden Brüder sind ganz neidisch. Auch sie würden gerne wieder zur Schule gehen“, erzählt Mutter Angela Pittermann. Der 12-Jährige Marius und der zehnjährige Julian gehen in die siebte und fünfte Klasse am Markdorfer Bildungszentrum. Sie müssen sich noch gedulden, dabei würden sich die Jungs so sehr einen festen Zeitpunkt wünschen, ab wann sie wieder in die Schule dürfen.

Angela Pittermann
Angela Pittermann | Bild: Jörg Büsche

„Es fehlt einfach die Perspektive„, so Pittermann. Keiner könne sagen, wie lange die Kinder noch von zuhause aus, lernen müssen. Im Haus Pittermann gestalten sich die Wochen derzeit „zäh“, auch wenn sich im Vergleich zum ersten Lockdown im Frühjahr die Situation verbessert hat. So finden regelmäßig Videokonferenzen statt, die dem Tag eine Struktur geben und dafür sorgen, dass die Kinder zu einem festen Zeitpunkt vor einem digitalen Endgerät sitzen. Der Nachteil: Die langen Bildschirmzeiten, die Angela Pittermann für problematisch hält. Deshalb ist es ihr auch wichtig, nachmittags und am Wochenende mit den Kindern draußen unterwegs zu sein.

„Denn die Bewegung kommt derzeit einfach zu kurz. Es findet kein Sportunterricht und kein Vereinsleben statt.“
Angela Pittermann, Mutter

Angela Pittermann wünscht sich bessere Versorgung mit digitalen Endgeräten

Von der Politik würde sich die dreifache Mutter wünschen, dass die Schüler mit digitalen Endgeräten schneller und besser versorgt werden. „Wir haben nun noch ein weiteres digitales Endgerät auf eigene Kosten anschaffen müssen, um unseren Kindern parallele Videokonferenzen zu ermöglichen“, so Pittermann. In vielen Haushalten sei dies aber nicht möglich und es fehlen immer noch Endgeräte, denn ein oder zwei Endgeräte reichen für größere Familien nicht aus.

„Hätte jeder Schüler ein von der Schule zur Verfügung gestelltes einheitliches Endgerät wären schon viele digitale Probleme gelöst und alle hätten den gleichen Ausgangsstand, das fände ich wirklich wichtig“, sagt Pittermann. Auch würde sie sich wünschen, dass die Schulen und Lehrer besser unterstützt werden, sei es mit einem IT-Beauftragen oder Fortbildungen. Hier müsse mehr getan werden. „Es kann auch nicht sein, dass regelmäßig am Montagmorgen Moodle abstürzt“, äußert Angela Pittermann Unverständnis über die Lernplattform.

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Nachdem nun für die Grundschulen erstmal eine Lösung gefunden wurde, hofft sie, dass der Wechselunterricht auch an den weiterführenden Schulen für alle Klassen umgesetzt wird. Der soziale Kontakt untereinander und zu den Lehrern sei sehr wichtig. „Die Kinder haben so viele Fragen, die ich als Mutter auch nicht immer beantworten kann“, so Pittermann, die drei Vormittage in der Woche im Mehrgenerationenhaus arbeitet. Da auch ihr Mann Johannes Pittermann im Labor arbeiten muss, müssen die Kinder dann selbstständig lernen, die Oma steht im Notfall zur Verfügung. Das klappe zwar ganz gut, doch beobachte sie auch, wie die Motivation bei den Kindern in den vergangenen Wochen gesunken sei. Im Bekanntenkreis und im beruflichen Umfeld bekommt sie mit, dass immer mehr Familien an ihre Belastungsgrenzen stoßen. „Viele sagen, dass sie nicht mehr lange durchhalten“, so Pittermann.

Bei Familie Kayser beginnen die Vorbereitungen für die Woche am Sonntagabend

Petra Kayser, ebenfalls Mutter von drei Kindern, hat es aufgegeben, zu planen. „Es kommt, wie es kommt und wir versuchen das Beste daraus zu machen. Wir können an der Situation nicht viel ändern.“ Für sie beginnt die Schulwoche bereits am Sonntagabend, wenn die Aufgaben bereit gestellt werden und diese heruntergeladen oder ausgedruckt werden müssen. Denn aus Erfahrung weiß auch Petra Kayser: Auf Moodle kann man sich Montagsmorgens nicht verlassen. Die Plattform fällt dann regelmäßig wegen Überlastung aus. „Da wundert man sich schon, warum man das nach all den Wochen mittlerweile nicht besser in den Griff bekommt.“ Das Vertrauen in das Kultusministerium sei bei ihr und anderen Familien nicht mehr allzu groß.

„Wir bekommen als Eltern die Briefe weitergeleitet, die vom Kultusministerium verschickt werden und diese wirken wenig verlässlich.“
Petra Kayser, Mutter

Für die Kinder, die elfjährigen Zwillinge Philipp und Sarah sowie die 15-jährige Anja, beginnt der gemeinsame Tag so, dass mindestens einer um 7.45 Uhr zu ersten Videokonferenz vor dem PC sitzt. „Wir starten dann gemeinsam und halten uns nach dem Stundenplan.“ Alle drei sind Schüler am Bildungszentrum und Petra Kayser ist mit dem Einsatz der Schule eigentlich ganz zufrieden. „Die machen das gut, aber es ist natürlich vom Lehrer abhängig. Bei vielen läuft es gut, bei einzelnen weniger“, so ihr Eindruck. In den Pausen versucht auch sie, die Kinder zu Bewegung zu animieren und sei es nur eine Runde auf dem Trampolin springen im Garten.

Petra Kayser
Petra Kayser | Bild: Kayser, Petra

Den Kinder fehlen der Schulalltag und die sozialen Kontakte

Sorgen machen ihr Überlegungen, was die Kinder derzeit außerhalb des Schulalltages verpassen. So hat ihre älteste Tochter noch im Herbst einen Tanzkurs angefangen, dieser wurde aufgrund des Lockdowns unterbrochen. Philipp und Sarah sind begeisterte Turner, mittlerweile findet vom TV Markdorf ein digitales Kraft- und Aufbautraining statt, mehr ist nicht möglich. „Es ist schade, dass ihnen diese Zeit abhanden kommt. Da ist einfach das Gefühl, es fehlt was, vor allem die sozialen Kontakte“, so Petra Kayser.

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Sie arbeitet im Homeoffice und versucht, sowohl der Betreuung der Kinder als auch den eigenen beruflichen Aufgaben gerecht zu werden. „Man kommt nicht wirklich hinterher und es gibt immer irgendwo etwas zu tun“, sagt Kayser. Aber dass Homeschooling und Homeoffice kein Selbstläufer seien, sei klar. Auf die Frage, wann sie ihre Kinder wieder in der Schule sitzen sieht, antwortet sie: „Nicht vor Ostern.“ Und auch danach rechnet sie nicht mit einem Regel-, sondern höchstens Wechselunterricht. Dabei sei der Kontakt zu Gleichaltrigen besonders wichtig. Sie würde sich wünschen, ein festes Ziel vor Augen zu haben, dies sei aber momentan leider nicht möglich. „Egal, wie sich die Zahlen verbessern, es hilft und ändert nichts.“