Ernst Marschall ist 99. Und er liest gerne. Inzwischen geht das aber kaum noch, da die Sehkraft seiner Augen stark abgenommen hat. „Zum Glück gibt er Hörbücher“, sagt der Markdorfer. Über die „Bayerische Hörbücherei für Blinde, Seh- und Lesebeeinträchtigte“ wird er regelmäßig mit Lektürevorschlägen versorgt. Doch er stöbert auch im Katalog, was ihn interessieren könnte. „Gerne historische Romane“, erklärt Ernst Marschall, „aber auch geschichtswissenschaftliche Bücher“. Zum Beispiel „Thurn und Taxis“, die Geschichte des Postwesens in der Frühen Neuzeit von Wolfgang Behringer. Der 99-Jährige hat sich Wolfgang Behringers Buch „Thurn und Taxis„ also bestellt und angehört.

Die Medien-Revolution des Kurier-Dienstes

Als „schwere Kost“ bezeichnet Marschall das historische Werk, gleichwohl habe er es überaus interessant gefunden. Skizziert das Buch doch einen frühen Modernisierungsprozess, der kaum zu überschätzen ist. Revolutioniert der zuverlässige Briefverkehr, den Franz von Taxis seit 1490 garantiert doch das gesamte Nachrichtenwesen. Taxis' Neuerungen geschehen auf Geheiß des Kaisers hin, die „perfekte Organisation der Stafettenreiter“ bildet dann aber die Grundlage für den sich daraus entwickelnden regelmäßigen Postkutschendienst, der von eminenter Bedeutung für die gesellschaftliche Entwicklung werden sollte. Bleibt das Reisen fernerhin nicht mehr vor allem dem Adel vorbehalten – abgesehen von Pilgern, Händlern und bestimmten, auf Mobilität angewiesene Berufsgruppen –, sondern wird breiteren Kreisen möglich.

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Was Ernst Marschall beim Hören des Behringer-Buches erst auffiel, dann verwunderte, war der Umstand, dass in der Arbeit über den Aufbau der Nachrichtenübermittlung im Habsburgerreich, über die Kurierverbindung zwischen Innsbruck und den Niederlanden, Frankreich, Rom und Spanien der Ort Markdorf mehrfach genannt wird. Heute weiß Marschall, dass die Stadt am Gehrenberg „zu Beginn des 16. Jahrhunderts ein bedeutender Postknotenpunkt gewesen ist“.

Ernst Marschall aus Markdorf hat sich mit den Anfängen des Postwesens in der Gehrenbergstadt beschäftigt.
Ernst Marschall aus Markdorf hat sich mit den Anfängen des Postwesens in der Gehrenbergstadt beschäftigt. | Bild: Jörg Büsche

Wie bedeutend Markdorf damals war, das ging jedoch nicht aus dem Buch von Wolfgang Behringer hervor. Um so weniger, als das von Marschall verwendete Hörbuch einen schwerwiegenden, aber hörbuch-typischen Nachteil hat. „Es werden keine Anmerkungen mitgelesen“, erklärt der 99-Jährige. Die Folge: auf einen wichtigen Zusammenhang kam Marschall erst viel später. Er wollte sich ja auf die Suche nach Spuren des frühen Markdorfer Postwesens machen. Und weitere Hinweise erhoffte er sich im Markdorfer Stadtarchiv. Vom Material, das ihm Walter Hutter, der Stadtarchivar, zur Verfügung stellte.

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Hutters Vorgänger, der verstorbene Manfred Ill, hatte zwar zum Markdorfer Postwesen geforscht – seine Recherchen bezogen sich jedoch auf eine spätere Phase, nicht auf die der Frühen Neuzeit. Also musste sich Marschall selbst auf die Suche machen. „Dafür habe ich einen mir bekannten Heimatforscher zurate gezogen, Josef Auer aus Eichstätt.“ Der versierte Historiker besorgte sich den Thurn-und-Taxis-Band von Wolfgang Behringer – und wurde darin bald fündig. Zumal Behringer sich unter anderem auch auf eine Arbeit von Fritz Ohmann bezieht, „Die Anfänge des Postwesens und die Taxis„. Ohmanns 1909 veröffentlichte Dissertation, in der er die Stadt Markdorf wiederholt erwähnt. Eben diese Quellenangabe aber wird in der Hörbuchfassung nicht mitgelesen, bedauert Marschall.

Markdorf war Knotenpunt fürs kaiserliche Nachrichtenwesen

Ohmann schreibt, dass 1516 die Postverbindung von Innsbruck, der kaiserlichen Residenz, in die Niederlande neu strukturiert wird. Fortan gehen die Reiter nicht nur Richtung Schweiz weiter, sondern auch gen Freiburg, um von dort nach Ensisheim, der Habsburger Hauptresidenz im Elsass, zu gelangen. Aus der früheren einfachen Relaisstation Markdorf, in der sich die Tag und Nacht für Taxis reitenden Boten mit frischen Pferden versorgten, wurde ein richtiges Postamt. Welche Bedeutung es hatte, macht ein anderer Hinweis Ohmanns klar: „1517 finden wir Anton und Severin von Tassis zeitweise in Markdorf.“ Sie gehören zu den Begründern der Augsburger Postmeister-Dynastie.

Ernst Marschall hält es aber auch für möglich, dass die Anfänge der Markdorfer Post in dem Bereich zu suchen sind, wo heute an der B-33-Ortsdurchfahrt das Restaurant Lamm steht.
Ernst Marschall hält es aber auch für möglich, dass die Anfänge der Markdorfer Post in dem Bereich zu suchen sind, wo heute an der B-33-Ortsdurchfahrt das Restaurant Lamm steht. | Bild: Jörg Büsche

In dieser frühen Phase, so erklärt Ernst Marschall, habe die Post noch als Staffetendienst funktioniert. Die kaiserlichen Kuriere tragen versiegelte Felleisen mit sich. Und an den Relaisstationen wechseln sie die Pferde oder sie reichen das Felleisen mit den Briefschaften darin weiter. Anders in Markdorf. Hier, wo ja drei Postwege zusammentrafen, galt es, die Post zu sortieren und neu zu verteilen. „Ich hab‘ mir da so meine Gedanken gemacht“, erklärt Ernst Marschall. Ausgehend von den Pferden, die nun in hinreichender Zahl vorhanden sein mussten. An die Markdorfer Verteilerstation musste ein Stall, eine Remise, angegliedert sein, außerdem Unterkünfte für die Reiter, Wohngebäude für weitere Bedienstete. „Aber auch Schmiede, Sattler und Seiler waren unentbehrlich und mussten in räumlicher Nähe vorhanden sein. Ebenso war eine Pferdetränke und eine Pferdeschwämme erforderlich“, schreibt Marschall in seinem Aufsatz über die „Anfänge des Postwesens in Markdorf um 1500“.

Der Markdorfer Posthalter, ein Medien-Unternehmer

Die Posthalter, von Berufs wegen des Lesens und Schreibens kundig, agierten als Unternehmer, genauer: als frühe Medienunternehmer, die sich aufs schnelle und verlässliche Überbringen von Nachrichten verlegt hatten. Die zur Verschwiegenheit verpflichtet waren, die aber auch gewisse Privilegien genossen. Marschall vermutet, dass die von Kaiser Maximilian angeordnete Einrichtung des Markdorfer Postknotenpunkt zwar in die Hände des Hauses Taxis“ gelegt war, dass dieses dabei aber auf die Unterstützung der Markdorfer Bürgerschaft angewiesen war. „Die Stadt Markdorf musste mit Sicherheit ihre Geldtruhen öffnen und ihren Teil zum Aufbau einer Station beitragen.“ Es war denn aber auch die Bürgerschaft – und keineswegs nur die von Markdorf –, die vom Postverkehr profitierte. Transportierten die Taxisschen Reiter doch nicht die Habsburger Post in ihren Felleisen, sondern in gewissem Umfang auch das, wofür andere Absender bezahlten. Ein weiteres Geschäftsprinzip der Taxis war die Gewinnorientiertheit.

Auch der Philosoph Montaigne machte 1580 Station in Markdorf

Wo sich diese Station befunden hat, das sei unklar. Michel de Montaigne, adliger Philosoph und Staatsmann, berichtet 1580 von seiner Einkehr im Markdorfer „Wappen von Köln“, dem späteren Gasthof Ochsen. Ebenso gut aber könnte die Poststation dort gestanden haben, wo heute das „Lamm“ ist, vermutet Marschall. In dieser Frage hofft er auf die Ergebnisse weiterer Forschungen im Markdorfer Stadtarchiv, aber auch in Innsbrucker Archiven.