Oguz Han Bucan ist allein. Sonst ist niemand in der Werkstatt. Das heißt: in einem der Arbeitsräume fürs Lackieren. Der Auszubildende im zweiten Lehrjahr bereitet zwei Arbeitsproben vor, die er demnächst vorlegen muss. Müsste er das nicht, wäre er an diesem Tag auch nicht hier. Obwohl Freitag ist, ein ganz normaler Werktag also. Nicht jedoch im Malerbetrieb Schley in Markdorf – denn dort wurde die Normalität vor zwei Wochen verändert. „Wir arbeiten nur noch an vier Tagen in der Woche“, erklärt Andreas Schley. Den Grund nennt der Malermeister auch. Es sei keineswegs ein Mangel an Aufträgen, der zu diesem Schritt gezwungen hätte – im Gegenteil.

Malermeister Andreas Schley (links) begutachtet eine Arbeit von Oguz Han Bucan und gibt Tipps.
Malermeister Andreas Schley (links) begutachtet eine Arbeit von Oguz Han Bucan und gibt Tipps. | Bild: Jörg Büsche

Die Freitagsstunden wurden auf die übrigen Werktage verlegt, sodass die sechs Malergesellen und die drei Auszubildenden im Unternehmen nun einen 9,25- statt eines Acht-Stunden-Tages haben. „Nein, wir wollten unsere Attraktivität erhöhen“, erklärt Malermeister Schley dazu.

Der Impuls kaum aus der Handwerkszeitung

Auf die Idee gebracht haben ihn Artikel in der Handwerkszeitung. Dort werde schon länger diskutiert, welche Schritte mittelständische Unternehmen, insbesondere Handwerksbetriebe, unternehmen können, um bei Ausbildungsplatzbewerbern, aber auch bei ausgelernten Fachkräften zu punkten. „Wir haben das Modell natürlich im Team diskutiert“, erklärt Schley. Und die Mitarbeiter reagierten positiv. Obgleich es ihnen einen geringen Lohnverzicht abverlangt – sie arbeiten seit 14 Tagen anderthalb Stunden weniger pro Woche.

Der zusätzliche freie Tag reizte: die zusätzliche Freizeit, aber auch die Möglichkeit, dann mehr Zeit für Erledigungen zu haben. „In allen Betrieben geht das nicht“, räumt Andreas Schley ein. Wenn Mitarbeiter zum Beispiel fünf Tage in der Woche erreichbar sein müssen, dann haben sie wenig von der Vier-Tage-Woche, weil sie am freien Tag ständig zum Telefon greifen müssen. Entspannung haben sie dann keine.

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Acht Stunden auf dem Dach reichen

„Für uns wäre die Vier-Tage-Woche schwierig“, zeigt sich der Markdorfer Zimmermeister Johannes Beck skeptisch. Dafür sei die zu erledigende Arbeit zu sehr vom Wetter abhängig. Bei Aussicht auf einen Regenmontag würde da der freiwillige Verzicht auf einen sonnigen Freitag wenig sinnvoll.

„Ohne die Grundrechungsarten geht es nicht in unserem Gewerkt“, erklärt Zimmermeister Johannes Beck.
„Ohne die Grundrechungsarten geht es nicht in unserem Gewerkt“, erklärt Zimmermeister Johannes Beck. | Bild: Jörg Büsche

Johannes Beck führt jedoch noch ein Argument an. „Nach acht Stunden auf dem Dach ist jeder froh, wenn er Feierabend hat.“ Gerade bei hohen Temperaturen sei die Arbeit zum Teil doch recht schwer, trotz aller Hilfsmittel. Eine zusätzliche Stunde sei für Zimmerleute kaum verlockend, „schon gar nicht für die älteren Mitarbeiter“.

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Eine ganze Generation fehlt

Und damit ist Zimmermeister Beck bei seinen Sorgen angelangt. „Uns fehlt die mittlere Generation, die Leute zwischen 30 und 50.“ Auszubildende habe er. Ebenso wie Mitarbeiter im fortgeschrittenen Alter. Die Tafel vor dem Beck‘schen Zimmereibetrieb wirbt indes für weitere Fachkräfte. Wie händeringend sie gebraucht werden, geht aus dem Schild jedoch nicht hervor. „Das ist ja im gesamten Handwerk dasselbe Problem, damit haben wir alle zu ringen.“ Dass in dieser Situation kaum Hilfe zu erwarten sei, daran habe er sich fast gewöhnt.

Die Suche nach geeigneten Fachkräften begegnet einem auch in Markdorf am Straßenrand.
Die Suche nach geeigneten Fachkräften begegnet einem auch in Markdorf am Straßenrand. | Bild: Jörg Büsche

Beck klingt bitter, wenn er von seinen Erfahrungen berichtet. „Die Agentur für Arbeit hat uns drei Bewerber zum Gespräch angekündigt, aber die sind gar nicht erst gekommen.“ Die Werbetrommel für die Branche rühre ein Kollege an den Schulen – so etwa beim „Marktplatz Beruf“ der Realschule. Und das Ergebnis sei recht durchwachsen. „Wenn Leute zu uns kommen, die die Grundrechenarten nicht beherrschen, wird es schwierig.“ Weder bei der Mathematik noch bei Deutsch könne ein Auge zugedrückt werden. „Sonst ist das Scheitern bei der Gesellenprüfung vorprogrammiert.“

Das Netz ist auch keine Hilfe

Zimmermeister Marius Beck, der den Betrieb seines Vaters übernehmen will, berichtet von den vergeblichen Versuchen, per Internet und in den sozialen Medien Fachkräfte zu gewinnen. „Das haben wir auch nicht selbst gemacht, sondern jemanden beauftragt, der sich auskennt“, erklärt er. Und da sich der Markdorfer Tag der Wirtschaft zunehmend auf den Handel sowie die örtlichen Industrieunternehmen konzentriert, sei da auch kaum Öffentlichkeit zu erreichen, erklärt Johannes Beck.

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Etwas Aussagekräftiges im Industriegebiet aufzubauen, bedeute zudem sehr großen Aufwand. So bleibe nur noch: „Augen und Ohren offen zu haben und die Fühler in alle Richtungen auszustrecken“, erklärt der Handwerksmeister. „Noch geht es ja gut, noch haben wir ja reichlich Aufträge, aber wie sieht es in fünf Jahren aus?“ Dann, wenn etliche Betriebe aus Altersgründen übergeben werden müssen.

Mega-Perspektiven – und keiner weiß es

Auch Erich Wild ist ratlos. „Wo sind bloß die ganzen Leute?“, fragt sich der Elektromeister. Als langjähriges Vorstandsmitglied der Elektroinnung Bodenseekreis beobachtet er die Abnahme von qualifizierten Fachkräften in seiner Branche bereits seit geraumer Zeit.

Das Handwerk habe ein Imageproblem, glaubt Elektroinstallateurmeister Erich Wild.
Das Handwerk habe ein Imageproblem, glaubt Elektroinstallateurmeister Erich Wild. | Bild: Jörg Büsche

Aus seiner Sicht habe das Handwerk das Nachsehen, weil in der Industrie mehr verdient werde. Hinzu komme ein massives Image-Problem. Kaum jemand kenne die Arbeitsabläufe. Ebenso wenige wüssten um die „Mega-Zukunft“, die den Nachwuchs im Handwerk erwarte. Und Wild bezweifelt, dass das für alle anderen Bereiche des Wirtschaftslebens gilt, in die aus seiner Sicht allzu viele junge Menschen nach dem Abitur und nach dem Studium streben.

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Brennereianlagenhersteller Arnold Holstein setzt auf gezielte Nachwuchsförderung im eigenen Unternehmen. Damit habe er durchaus Erfolg, sagt er. | Bild: Jörg Büsche

Doch in der Diskussion gibt es auch eine eher positive Stimme: die von Arnold Holstein. In seinem Unternehmen kümmere man sich immer schon intensiv um den Nachwuchs. Es bleibe aber auch kaum anderes übrig angesichts des leer gefegten Arbeitsmarktes. Und ganz wichtig: „Man muss drauf achten, dass das Team zusammen passt“, betont Holstein.