Anschnallen und die Plexiglashaube schließen! Das Seil spannt sich und schon geht es mit dem Segelflugzeug steil hinauf in die Luft, so dass für eventuelle Bedenken wie Höhenangst oder Schwindelgefühle gar keine Zeit bleibt. Innerhalb weniger Sekunden ist die notwendige Höhe erreicht und das Seil wird ausgeklinkt.

Markdorf aus der Vogelperspektive: Beim Flug mit dem Segelflugzeug ist außer dem Flugwind nichts zu hören und das Gefühl von Freiheit ist sprichtwörtlich.
Markdorf aus der Vogelperspektive: Beim Flug mit dem Segelflugzeug ist außer dem Flugwind nichts zu hören und das Gefühl von Freiheit ist sprichtwörtlich. | Bild: Claudia Wörner

Die Nase des Flugzeugs senkt sich in die Waagrechte und von jetzt an ist Gleiten angesagt. Zu hören ist nur noch der Flugwind und das Gefühl in der Luft ist einfach unglaublich schön. Wie eine Spielzeuglandschaft sieht die Welt etwa 300 Meter unter dem kleinen Segelflugzeug aus. Rechts geht der Blick zum Gehrenberg, links schweift er über den Bodensee.

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Flugvergnügen ist abhängig von der Thermik

In Runden kreist der Segelflieger über Markdorf und mit jedem Kreis kommen Kirchturm und Häuser etwas näher. Da an den bereits kühlen Herbsttagen die zum längeren Gleiten notwendige Thermik fehlt, ist das Vergnügen in luftiger Höhe bereits nach fünf oder sechs Minuten wieder vorbei. Routiniert peilt Fluglehrer Helmut Westermann das Gelände der Segelfliegergruppe Markdorf an, die Räder setzen auf der Wiese auf und das Flugzeug hoppelt fast punktgenau zurück zum Ausgangspunkt der luftigen Reise.

Fluglehrer Helmut Westermann hatte im Alter von 14 Jahren seinen ersten Alleinflug und ist seit 1985 Fluglehrer.
Fluglehrer Helmut Westermann hatte im Alter von 14 Jahren seinen ersten Alleinflug und ist seit 1985 Fluglehrer. | Bild: Claudia Wörner

„Wenn ich in der Luft bin, relativiert sich alles und ich kann toll abschalten“, sagt Westermann, der im Alter von 14 Jahren seinen ersten Alleinflug hatte und seit 1985 Fluglehrer ist. Sehr bewusst ist ihm, dass man bei einem Fehler im Segelflugzeug weder eine Knautschzone noch einen Airbag hat. „Man muss sich absolut konzentrieren, aber die Freiheit in der Luft fasziniert mich bei jedem Flug aufs Neue.“

Zurück auf Los: Falls nach der Landung zum Startpunkt einige Meter fehlen, wird das Segelflugzeug zurückgezogen.
Zurück auf Los: Falls nach der Landung zum Startpunkt einige Meter fehlen, wird das Segelflugzeug zurückgezogen. | Bild: Claudia Wörner

Einer in der Luft, drei Mann am Boden

Von wenigen Minuten bis zu mehreren Stunden, je nach Thermik, kann ein Flug mit dem Segelflugzeug dauern. Die Landung erfolgt nicht zwingend am Startpunkt in Markdorf. „Sie kann auch auf einem anderen Flugplatz oder bei Bedarf auf einem Acker oder einer Wiese erfolgen“, berichtet Westermann. „Das ist aber keine Notlandung, sondern beim Segelfliegen ganz normal.“ Deshalb werde schon im Vorfeld vereinbart, wer den Pilot samt Flugzeug mit dem Hänger abholt. Überhaupt sei das Segelfliegen keine One-Man-Show, sondern Teamsport. Will einer in die Luft, braucht er drei Mann am Boden: den Startleiter, einen Helfer beim Start und jemanden, der die Seilwinde bedient. „Das ist ein Geben und Nehmen“, sagt Westermann.

Start frei bei der Segelfliegergruppe Markdorf: Innerhalb weniger Sekunden wird das Segelflugzeug mit der Seilwinde nach oben in luftige Höhen gezogen.
Start frei bei der Segelfliegergruppe Markdorf: Innerhalb weniger Sekunden wird das Segelflugzeug mit der Seilwinde nach oben in luftige Höhen gezogen. | Bild: Claudia Wörner

Segelfliegergruppe Markdorf

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Mit 14 Jahren der erste Alleinflug

Aktuell haben die Markdorfer Segelflieger mit 15 Schülern eine starke Jugendgruppe. Zu ihr gehören Justin Bauer, Simon Müller und Luis Kaufmann – alle drei zwischen 16 und 17 Jahren alt. „Im ersten Moment war es schon komisch, gar keine Instruktionen mehr zu bekommen und nur noch das Flugzeug zu hören“, erinnert sich Simon Müller an seinen ersten Alleinflug. So wie Westermann war er 14 Jahre alt. Es sei schon cool gewesen, dass sein Fluglehrer ihm das Flugzeug anvertraut hätte.

Nachwuchs der Segelfliegergruppe Markdorf (von links): Die Jugendlichen Simon Müller, Luis Kaufmann und Justin Bauer hatten alle bereits ihren ersten Alleinflug.
Nachwuchs der Segelfliegergruppe Markdorf (von links): Die Jugendlichen Simon Müller, Luis Kaufmann und Justin Bauer hatten alle bereits ihren ersten Alleinflug. | Bild: Claudia Wörner

Natürlich würden dem ersten Alleinflug mehrere Flüge vorausgehen, bei denen der Fluglehrer nichts mehr sagen, geschweige denn eingreifen müsse, ergänzt Fluglehrer Westermann. „Trotzdem war ich schon nervös, als ich zum ersten Mal allein im Segelflugzeug saß“, erinnert sich Luis Kaufmann, der erst vor wenigen Wochen allein über Markdorf segelte. Cool findet Simon Müller auch, dass er mit seinen 16 Jahren auf dem Privatgelände der Segelflieger mit dem Auto fahren darf, um nach dem Start das 1000 Meter lange Seil von der Seilwinde zum Startplatz zurückzubringen.

Fliegen ist noch schöner: Für den 16-jährigen Simon Müller ist es aber auch cool, dass er auf dem Privatgelände der Segelfliegergruppe mit dem Auto fahren darf, um das Seil nach dem Start zurückzuholen.
Fliegen ist noch schöner: Für den 16-jährigen Simon Müller ist es aber auch cool, dass er auf dem Privatgelände der Segelfliegergruppe mit dem Auto fahren darf, um das Seil nach dem Start zurückzuholen. | Bild: Claudia Wörner

Papiersammlungen finanzieren das Hobby

Das Vereinsleben der Segelflieger spielt sich aber nicht nur in der Luft ab. Um ihr Hobby so günstig wie möglich betreiben zu können, sammeln die rund 45 Mitglieder der Segegelfliegergruppe seit 50 Jahren Altpapier und Altkleider. In diesem Jahr stand bereits die 200. Sammlung auf dem Plan des Vereins. Jedes Mal kommen 60 bis 80 Tonnen Papier zusammen. Pro Tonne gibt es vom Landratsamt 35 Euro. „Das ist unsere wichtigste Einnahmequelle“, betont Westermann.

Der „Tower“ der Segelfliegergruppe Markdorf: Der Flugleiter koordiniert den Ablauf der Flüge vom Start bis zur Landung und hält über Funk Kontakt zum Piloten.
Der „Tower“ der Segelfliegergruppe Markdorf: Der Flugleiter koordiniert den Ablauf der Flüge vom Start bis zur Landung und hält über Funk Kontakt zum Piloten. | Bild: Claudia Wörner

„Toll, dass dieses Geld von unseren Mitgliedern erwirtschaftet wird“, sagt Vorsitzender Andreas Betz. Dabei würden alle an einem Strang ziehen. „Die Aktionen tun unserem Vereinsleben gut und schweißen uns zusammen“, ergänzt Helmut Westermann. Man mache die Arbeit eben für den Verein, sagt Simon Müller. „Deshalb ist das Fliegen für uns hier so günstig wie sonst nirgends.“ In Zahlen: Ein Flug – egal wie lang – kostet 7,50 Euro.

Einer fliegt, drei Leute sind für ihn am Boden im Einsatz: Philipp Hestermann hat Dienst an der 320 PS starken Seilwinde, mit der die Segelflugzeuge in die Höhe gezogen werden.
Einer fliegt, drei Leute sind für ihn am Boden im Einsatz: Philipp Hestermann hat Dienst an der 320 PS starken Seilwinde, mit der die Segelflugzeuge in die Höhe gezogen werden. | Bild: Claudia Wörner

Wenn die Sonneneinstrahlung im Herbst immer weniger wird, endet die Saison der Segelflieger. Die Wintermonate nutzen die Mitglieder, um die neun vereinseigenen Segelflugzeuge und das Ultraleichtflugzeug mit Motor zu warten und in Schuss zu halten. Soll es im Frühjahr doch wieder hoch hinauf in die Markdorfer Luft gehen. Dabei sind auch Passagierflüge immer wieder und unkompliziert möglich.