Der Lehrer habe nichts verraten, erklärt Jan. Der 13-Jährige schildert, wie er zum Schreiben gekommen ist. Nicht zum Schreiben von Aufsätzen, Erörterungen oder Interpretationen, sondern zum Schreiben von Gedichten.

„Eigentlich hat das Gedichteschreiben als Spiel begonnen – im Deutschunterricht. Es hat sehr viel Spaß gemacht. Und dann ...
„Eigentlich hat das Gedichteschreiben als Spiel begonnen – im Deutschunterricht. Es hat sehr viel Spaß gemacht. Und dann haben wir gelernt, wie man etwas verkürzt, alles ein bisschen besser macht.“ Jan, 13 Jahre | Bild: Jörg Büsche

Am Anfang standen einfache Sätze und Begriffe, die Jan und seine Mitschüler dann zusammentrugen, komponierten – zu einem Gedicht, von dessen Wirkung am Ende dann die gesamte Klasse überrascht war. So überrascht wahrscheinlich wie es nun die Besucher der Preisverleihung des Schreibwettbewerbs Jung-Literaten, kurz Ju-Li, gewesen sind, als sie „Die letzte Rettung“ hörten.

Das Publikum bei der Preisverleihung des ersten Ju-Li-Schreibwettbewerbs des BZM-Gymnasiums.
Das Publikum bei der Preisverleihung des ersten Ju-Li-Schreibwettbewerbs des BZM-Gymnasiums. | Bild: Jörg Büsche

Hoffen hilft immer

„Grau asphaltierte Welt“ beginnt Joachim Dorn, der Rezitator. Seine Stimme ist tonlos, rau, hart, fast brutal. „Alle Pflanzen verreckt / Niedergewalzt vom Beton / Alle Existenzen ausgelöscht / In den Trümmern thront der Tower …“ Dabei hat Dorn vor wenigen Momenten noch so erfreut geklungen. Darüber, dass derart viele Schüler – 47 an der Zahl – Texte eingesandt haben für den neuen Schreibwettbewerb des Gymnasiums am Markdorfer Bildungszentrum. Und als der Sprachlehrer Dorn von der Qualität der Gedichte und kleinen Prosastücke schwärmte, da sprühte er echte Begeisterung in den oberen Lesesaal.

Joachim Dorn rezitiert ein Gedicht.
Joachim Dorn rezitiert ein Gedicht. | Bild: Jörg Büsche

Doch jetzt: Trübsal, Düsternis, Gedrücktheit – die Gedrücktheit und Düsternis des gedichteten Endzeitszenarios, an dem neben Mira, Jule und Marina auch Jan mitgeschrieben hat. Den grau lastenden Beginn ebenso wie das überraschende Ende des Gedichts, bei dem das Sprießen eines Pflanzensamens den Beton spaltet, um seine Blätter „gen Sonne“ zu treiben. Zuletzt bekam Dorns Stimme sehr viel Wärme. Und es dauerte lange Momente, bis das Publikum applaudierte.

„Ich habe den Aushang im Schulgebäude gesehen. Und mich dann entschlossen, beim Schreibwettbewerb mitzumachen. Dass wir selbst was ...
„Ich habe den Aushang im Schulgebäude gesehen. Und mich dann entschlossen, beim Schreibwettbewerb mitzumachen. Dass wir selbst was überlegen können für unsere Geschichten, finde ich ganz toll.“ Annika, elf Jahre | Bild: Jörg Büsche

Gesprochen wird Literatur noch besser

Kornelia Schaub kennt alle Wettbewerbstexte. Die Leiterin der BZM-Bibliothek hat der zehnköpfigen Jury angehört, die die eingereichten Erzählungen, Romanfragmente und Gedichte beurteilen sollten – durften. „Mich hat es ja schon beim Lesen beeindruckt“, erklärt die Bibliothekarin. Nun aber, durch den mündlichen Vortrag entfalte vieles noch einmal eine ganz eigene zusätzliche Wirkung, sagt Kornelia Schaub. Vielleicht ist es ja diese zusätzliche Wirkung, die die Gymnasialdirektoin Diana Amann meinte, als sie vom „ältesten und kraftvollsten Zauber“ sprach. Ihre Begrüßung bei der Preisverleihung begann sie mit einem Zitat aus dem Harry-Potter-Roman. Mit den Worten, die ihr literarischer Schulleiter-Kollege Professor Dumbledore in die magische Wirkung von Sprache, von Poesie und Prosa fasste.

„Nein, Schreiben ist überhaupt nicht uncool. Das finden auch meine Freunde. Also die, denen ich meine Geschichten zeige.“ ...
„Nein, Schreiben ist überhaupt nicht uncool. Das finden auch meine Freunde. Also die, denen ich meine Geschichten zeige.“ Jannik, zwölf Jahre | Bild: Jörg Büsche

Aus Schülern werden Sprachmagier

Ein bisschen ging es dann tatsächlich zu wie auf Hogwarts, der Schule für Zauberei und Hexenwerk in Joanne K. Rowlings „Harry-Potter“. Denn auch dort, im Roman, müssen bei aller Talentiertheit manche Fertigkeiten erst reifen. Ein Prozess, den Pia (13) durchaus im Deutschunterricht unterstützt sieht. Insbesondere, wenn der Unterricht von Lehrern wie Uwe Aderhold gestaltet wird. Uwe Aderhold nämlich sei auch der Impulsgeber gewesen für den gesamten Literaturwettbewerb, so hatte es Joachim Dorn den Besuchern in der Bibliothek berichtet. Keine Tricks, aber sinnvolle Tipps hält nämlich auch der Literaturunterricht fürs kreative Schreiben bereit. Wohlgemerkt: Hilfen für das Wie, nicht für das Was. Ihre Freiheit bei den Themen über das, was sie zu Papier beziehungsweise in die Datei bringen, die wissen die Schüler sehr wohl zu schätzen. Diese Freiheit ist ihnen sehr wichtig.

„Das Schreiben von Geschichten ist was ganz Eigenes. Man kann seine Gefühle dabei aufs Papier bringen. Und ich finde es gut, dass ...
„Das Schreiben von Geschichten ist was ganz Eigenes. Man kann seine Gefühle dabei aufs Papier bringen. Und ich finde es gut, dass ich im Deutschunterricht auch Unterstützung bekommen habe, Tipps fürs Schreiben.“ Pia, 13 Jahre | Bild: Jörg Büsche

Pia, die Preisträgerin im Bereich „Unterstufe Prosa“ nutzte sie für ihre „Schönste Umarmung der Welt“. Für eine Geschichte, in der Menschen willkürlich als Terroristen abgestempelt, inhaftiert und umerzogen werden. Und die 13-Jährige zeigt in ihrer Kurzgeschichte, dass einfache Gesten der Nähe mitunter letzte Freiheiten, manchmal auch Rettung sein können.

Christiane Oßwald, Bürgermeisterstellvertreterin in Markdorf, liest einen der ausgezeichneten Schülertexte vor.
Christiane Oßwald, Bürgermeisterstellvertreterin in Markdorf, liest einen der ausgezeichneten Schülertexte vor. | Bild: Jörg Büsche

Talent braucht Förderung

Ganz ohne Hilfe von außen geht es aber auch nicht. Nicht einmal bei der Literatur, nicht einmal bei Schreibwettbewerben, die im Falle des neuen Ju-Li-Wettbwerbs des BZM-Gymnasiums sowohl den Beistand von der Stadt, wie auch die Unterstützung vom Kreis sowie vom Land bekommen haben. Zuschüsse flossen aus der Stadtkasse wie auch aus dem Kultusministerium. „Zu Danken habe wir auch unserem Förderverein“, vergaß Schulleiterin Amann nicht, zu erwähnen.