Die Zahl der mit dem Coronavirus Infizierten sinkt, aber noch gibt es zahlreiche Erkrankungen, glücklicherweise häufig mit mildem Verlauf. Gleichzeitig sind seit Anfang April fast alle Corona-Maßnahmen aufgehoben. Wie schätzen die Allgemeinmediziner Florian Sattler und Burkhard Hole die Situation ein?

Das menschliche Immunsystem sei zu kompliziert, als dass sich der Verlauf einer Coviderkrankung vorhersagen lasse, sagt der Markdorfer Internist Burkhard Hole. „Die Beschwerden bewegen sich zwischen kaum vorhanden und schwer.“ Geimpfte Patienten hätten in der Regel einen milden Verlauf. Er schätzt, dass etwa ein Drittel der Infizierten eine Arztpraxis für einen PCR-Test aufsucht.

„Ich glaube aber, dass wir von einer hohen Dunkelziffer an Infizierten ausgehen können“, sagt Hole. Zwischen fünf und 20 PCR-Tests werden aktuell täglich in seiner Markdorfer Praxis abgenommen, Tendenz sinkend. „Wer dreimal geimpft ist und leichte Symptome hat, kann sich auch ohne PCR-Test in Quarantäne begeben und muss nicht extra in die Praxis kommen“, empfiehlt Hole.

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Arzt rät weiterhin zur Vorsicht

Nichtsdestotrotz rät Burkhart Hole weiterhin zur Vorsicht. „Jetzt ist Eigenverantwortung gefragt“, betont der Internist. Abhängig von der Zahl seiner Impfungen könne sich jeder selbst überlegen, wie viel Schutz er für sich brauche. Wichtig ist ihm der Hinweis, dass Corona noch nicht vorbei sei.

Mit Blick auf die gescheiterte Impfpflicht würde Hole zwei verschiedene Krankenkassentarife für Geimpfte und Nichtgeimpfte begrüßen. „Nicht jedem ist klar, wie teuer eine Behandlung auf der Intensivstation ist.“ Deshalb sei es im Sinn der gesamten Versichertengesellschaft, wenn Ungeimpfte einen höheren Beitrag zu leisten hätten.

Dr. Burkhard Hole, Hausarzt und Internist in Markdorf.
Dr. Burkhard Hole, Hausarzt und Internist in Markdorf. | Bild: Jörg Büsche

Vierte Impfung macht für Menschen über 70 Sinn

Aktuell kommen Patienten in erster Linie zur vierten Impfung in die Praxis von Burkhard Hole. „Sie wird für über 70-Jährige und für Menschen mit Vorerkrankungen empfohlen“, informiert er. Die vierte Impfung mache Sinn und er rate dazu. Ansonsten ist er in Sachen Impfung der Meinung, dass jetzt jeder letztendlich selbst für sein Glück zuständig sein. „Es gibt keinen Mangel mehr an Impfstoffen.“

Die hohe Zahl an Impfungen hätte schon eine gewisse Unruhe für den Praxisablauf zur Folge gehabt. Nun habe sich die Situation zumindest in diesem Bereich beruhigt.

Unveränderter Ansturm an Patienten

Einen unveränderten Ansturm erkrankter Menschen stellt Florian Sattler in der Klufterner Familienpraxis fest. „Etwa die Hälfte der Patienten in unserer Sprechstunde hat einen Infekt, allerdings nicht nur durch das Coronavirus“, berichtet er. In Absprache mit den Kollegen nehme er jedoch zunehmend keine PCR-Tests mehr ab. Mit positivem Schnelltest plus Symptomen mache er nicht viel Sinn.

„In dem Fall schicken wir die Patienten direkt in die Isolation“, sagt Sattler. Selbstverständlich sollen die Patienten jedoch kommen, wenn ihre Hausmittel und Medikamente, die sie in jeder Apotheke bekommen, nicht mehr ausreichen. Der Nachteil sei, dass Patienten ohne offiziellen Schnelltest und Krankmeldung in keiner Corona-Statistik auftauchen.

Nach wie vor alle Hände voll zu tun: Allgemeinmediziner Florian Sattler und Mitarbeiterin Martina Germershausen haben in der ...
Nach wie vor alle Hände voll zu tun: Allgemeinmediziner Florian Sattler und Mitarbeiterin Martina Germershausen haben in der Familienpraxis in Kluftern noch keine Zeit zum Durchatmen. | Bild: Claudia Wörner

Dazu rät der Mediziner bei einer Corona-Erkrankung

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Appell an die Eigenverantwortung

Auch Florian Sattler appelliert an die Eigenverantwortung der Patienten. „Ich habe das Gefühl, dass die Leute mit Infektionen, zu denen auch Magen-Darm oder Schnupfen gehören, schon verantwortungsvoll sind“, schildert er seinen Eindruck. Zeit zum Durchatmen gebe es für Ärzte und Mitarbeiterinnen leider noch nicht. Viele seien ebenfalls erkrankt gewesen, sodass für die anderen durch das Einspringen eine Menge Überstunden angefallen seien.

Florian Sattler, Allgemeinmediziner in der Familienpraxis Kluftern.
Florian Sattler, Allgemeinmediziner in der Familienpraxis Kluftern. | Bild: Claudia Wörner

Nach wie vor hoher Beratungsbedarf

Nach wie vor sieht Sattler bei den Patienten einen hohen Beratungsbedarf. Fragen wegen Quarantäne, Freitesten oder Gesundheitsamt hätten nicht mehr viel mit den eigentlichen medizinischen Aufgaben zu tun.

„Das kostet Zeit, die wir vor allem dafür brauchen, um die wirklich Erkrankten herauszufiltern und ihnen zu helfen“, so der Allgemeinmediziner. Seit Schließung der Impfzentren würden die Anfragen, insbesondere für Viertimpfungen, in der Familienpraxis wieder nach oben gehen. „Aktuell meldet sich fast niemand mehr für eine Erstimpfung“, stellt Sattler fest.