Frau Pfender, Sie sind Leiterin der Tagesbetreuung Sonnenblume in der Sozialstation Bodensee, wie kamen sie in Ihren Beruf?

Ich wollte schon als Kind nach Afrika, um dort als Krankenschwester zu arbeiten. Also habe ich nach der Mittleren Reife in Stuttgart eine Ausbildung zur Krankenschwester gemacht. Ein Jahr nach der Ausbildung bin ich dann nach Ghana und habe einige Monate in einem Krankenhaus gearbeitet. Nachdem ich zurück kam, arbeitete ich in Tübingen in der Tropenklinik und in Göttingen auf der Intensivstation im Krankenhaus.

Hat Sie der Aufenthalt in Ghana sehr geprägt?

Ja, tatsächlich. Ich merkte recht bald, dass es mir schwer fiel meine persönlichen, ethischen Vorstellungen vom Umgang mit Patienten mit der top modernen Intensivmedizin unserer Kliniken überein zu bringen. Vor allem nach den Erfahrungen, die ich in Ghana gemacht hatte. Dort wurden Menschen, aus den entlegensten Dörfern auf den Ladeflächen von Pick-ups und Jeeps kilometerweit ins Krankenhaus transportiert. Mit Notstromaggregat wurden Operationen durchgeführt und immer hofften wir, dass der Strom nicht komplett ausfällt. Medikamente haben wir aus der ganzen Welt bekommen, die Beipackzettel waren in sämtlichen Sprachen, manchmal auf chinesisch. Die Umstände waren wirklich krass. Aber der Umgang mit den Patienten war aus meiner Sicht wärmer und menschlicher.

Wie ging es nach dieser Zeit in Ghana für Sie weiter?

Nachdem ich von Ghana zurückgekommen bin, habe ich zwei Jahre später geheiratet und wir haben fünf Kinder bekommen. Als unser Jüngster dann in die Schule kam, bin ich wieder zurück ins Krankenhaus. Aber der Pflegenotstand auf der Chirurgischen Station war einfach zu groß. Es hatte dort niemand Zeit für Aufklärung und Gespräche. Wissen Sie, wenn man Kindern ins Leben hilft, dann muss man auch mit ihnen reden, sich die Zeit nehmen, man muss ihnen Dinge erklären, dass sie es verstehen und irgendwann selbstständig werden. Bei alten und kranken Menschen ist das aber genau gleich. Sie brauchen auch Erklärungen, um zu verstehen, was mit ihnen passiert. Aber die Zeit und die Pflege bekommen sie leider nicht mehr. Ich habe für mich dann die Reißleine gezogen, denn so wollte ich nicht mehr arbeiten. Ich hatte über die Jahre viele Weiterbildungen gemacht unter anderem zur Fachkraft für Gerontopsychiatrie. Das ist der Zweig der Psychiatrie, der sich mit der Vorbeugung, Erkennung und Behandlung psychischer Störungen im höheren Lebensalter befasst. Und schlussendlich bin ich jetzt hier in die Demenzgruppe gekommen.

Was ist hier anders? Wie arbeiten Sie hier?

Unsere Gäste – wir nennen sie hier nicht Patienten – sind aufgrund ihres Alters körperlich oder geistig eingeschränkt. Die Tagesbetreuung bedeutet für sie, dass sie morgens kommen und abends wieder nach Hause in ihre gewohnte Umgebung gehen. Gleichzeitig haben sie hier Abwechslung im Alltag, Kontakt mit Gleichgesinnten und ihre pflegenden Angehörigen werden entlastet. Wenn das irgendwann nicht mehr möglich ist, dann können Sie hier in die sogenannte Demenz-WG aufgenommen werden und dort können sie bis zum Schluss bleiben. Die Betreuungsform wird also von Anfang an den Bedürfnissen der Menschen in den jeweiligen Lebenssituationen angepasst und kann stetig und sanft aufgestockt und verändert werden.
Wir, die Mitarbeiter, arbeiten sehr vernetzt, wir tauschen uns zwischen den Fachbereichen aus. Hier kann ich mich mit den Kollegen besprechen, über unsere Gäste, rechtzeitig, dass erst gar keine Not entsteht. Denn die entsteht nicht nur für den kranken Menschen, die entsteht für die Angehörigen, für die Pflegenden, für alle. Wir sind hier sehr nah dran an unseren Gästen und können sie jederzeit dort abholen, wo sie gerade stehen.

Welche Freude, welche Motivation ziehen Sie aus Ihrer Arbeit?

Darf ich Ihnen dazu eine Geschichte erzählen? Kürzlich führte ich eine von unseren Gästen hier raus, in diesen Garten. Sie hatte sich bei mir eingehakt und ich habe ihr dabei ein wenig den Arm gestreichelt. Plötzlich schaute mich die ältere Dame an und sagte: „Wissen Sie, wie lange mich niemand gestreichelt hat?“ Da bekomme ich jetzt noch Gänsehaut, wenn ich Ihnen das erzähle. Und das sind die Momente, die mir unglaublich viel Kraft und Freude und Mut für meine Arbeit geben. Wir lachen hier sehr viel mit unseren Gästen, nicht über sie, sondern mit ihnen. Das ist einfach schön.

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Was interessiert Sie besonders am Umgang mit ihren Gästen?

Jeder Mensch wird anders demenzkrank. Die Menschlichkeit verändert sich bei jedem anders. Ich lasse mich auf jeden Gast und seine individuelle Lebensgeschichte ein und versuche damit zu arbeiten. Ich erkläre Ihnen das am Besten an einem Beispiel. Wir haben hier einen Mann, der war früher Gastwirt. Oft nachmittags gegen 16 Uhr wird er sehr, sehr unruhig. Nachdem ich mich mit seiner Biografie beschäftigt hatte, erfuhr ich, dass er früher gegen 16 Uhr seine Gaststube öffnete. Ich versuche mich dann in Augenblicke seines erlebten Lebens einzufühlen. Jetzt gebe ich dem Mann in solchen Momenten ein Geschirrtuch und er reibt einige Gläser trocken und dann wird er wieder ganz ruhig und entspannt. Es klappt natürlich nicht immer, man muss sich einfühlen, muss die Menschen wahrnehmen, beobachten und ausprobieren. Das ist viel Einzelarbeit, die braucht Zeit, aber es ist spannend und interessant.

Welche Momente sind besonders schwierig?

Am schwierigsten finde ich, dass wir unsere Gäste oft nicht verstehen. Aber nicht, weil sie nicht mehr sprechen können, sondern weil ihre Worte eine andere Bedeutung bekommen.

Was machen Sie persönlich am liebsten mit Ihren Gästen?

Ich backe sehr gerne mit Ihnen. Dann erzählen viele von früher und es tauchen leckere Rezepte in ihren Erinnerungen auf. Die backen wir dann manchmal nach. Ich liebe die alten Geschichten der Menschen und vor allem, dass wir hier den Raum und die Zeit dafür haben.

Wie gehen Sie damit um, dass Sie wissen, die Menschen, die sie hier betreuen, werden definitiv sterben?

Nach meinen Erfahrungen auf der Intensivstation bin ich einfach dankbar, hier arbeiten zu können. Wissen Sie, mit dieser Demenzerkrankung kommen die Menschen unglaublich schnell aufs Abstellgleis. Und das hat niemand verdient. Unsere Gäste sind in einem Alter, in dem viele von ihnen Krieg, Flucht, Armut und Hunger erlebt haben. Diese Menschen haben all das aufgebaut, was dazu führte, dass es uns heute so gut geht. Ich bin der Meinung, dass man diese Menschen nicht behandeln darf, als seien sie nichts mehr wert. Wir können die Menschen hier bis zum Schluss begleiten und dafür sorgen, dass es ihnen gut geht. Sterben ist ein natürlicher Prozess, das müssen wir alle. Aber die Würde dabei ist für mich das große Thema. Die Menschen brauchen aus meiner Sicht nicht nur Medizin, sondern auch Menschlichkeit. Wenn das gegeben ist, kann ich meinen Frieden mit dem unausweichlichen Tod finden.

Wir haben jetzt viel über Ihre Arbeit gesprochen, verraten Sie mir noch, was sie gerne tun, wenn Sie nicht hier sind?

Ich arbeite gerne mit meinen Händen. Ich stricke gerne, nähe gerne und gärtnere eigentlich gerne. In Göttingen hatte ich einen Garten, der fehlt mir hier ein bisschen. Aber ansonsten fahre ich gerne Fahrrad und beschäftige mich sehr gerne mit meinem Enkelkind. Und ich bin einfach gerne mit Menschen zusammen. Und vor allem liebe ich es zu lachen.

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