Die Übel überwiegen. So wenig war das Schicksal den Markdorfer einst gewogen. Es ist Johann Baptist Kolb, der 1774 im benachbarten Meersburg geborene spätere Vorstand des Freiburger oberrheinischen Archivs, der dies sagt. Kolb zählte die Stadtbrände von 1383, von 1467 und 1511, den von 1842 kann der Archivar noch nicht kennen – auf, ebenso führt er die Verheerungen des 30-jährigen Krieges an und als letzte Heimsuchung: die Pest. „1541 raffte die Pest 800 Menschen hinweg... 1567 fraß die Pest 400, und 1567 abermals 300 Menschen“. 68 Jahre später, im Juli 1635 – mitten im 30-jährigen Krieg – erfasst Markdorf eine weitere Pestwelle mit 900 Opfern.

Pest als göttliche Strafe

„Der gerechte Gott hat die gesamte Bürgerschaft mit der leidigen Sucht und Straf der Pestilenz sträfiglich heimbgesucht“, zitiert die Dokumentation zur Ausstellung „1200 Jahre Markdorf„ (von Michaela Vogel mit Beiträgen von Walter Hutter und Friedrich Klein) ein Ratsprotokoll. „Es gibt kein Mittel ihr (der Pest) zu entweichen“. Der Rat schloss sie Markdorfer Schule – und versperrte den Zugang zu den Häusern der Pestopfer.

Das könnte Sie auch interessieren

Isolation der Kranken bewährt

Man hatte inzwischen gelernt. Das Isolieren der Kranken hatte sich bei vorangegangenen Pestepedemien bewährt. Auch wenn die medizinischen Zusammenhänge noch lange nicht bekannt waren, die Ärzte noch lange im Dunkeln tappten, setzten sie vielfach auf Quarantäne. „Besonders ist noch die Unterhaltung in der Öffentlichkeit zu vermeiden, soweit das möglich ist“, hatte schon der italienische Arzt Pietro da Tossignano in seiner Pestschrift aus dem Jahre 1399 geraten: „Daher muß man allein bleiben und jenen aus dem Wege gehen, die aus Gegenden mit ungesunder Luft kommen.“ Ärzte warnten vor Hochzeiten. Und selbst Bestattungen wurden in Pestzeiten von in manchen Städten verboten. Fanden sie dennoch statt, dann mit überaus reduziertem Ritus.

Ursache nicht genau bekannt

Im Mittelalter sind die Ursachen für die Pest keineswegs bekannt. Erst Ende des 19. Jahrhunderts findet die Medizin die Ursachen der Seuche. Die mittelalterlichen Ärzte hatten sie in der Verseuchung der Luft gesehen, hervorgerufen durch ungünstige Konjunktionen der Planeten – oder durch giftige Dämpfe, die aus dem Untergrund steigen.

Die Markdorfer Schutzmantelmadonna, hier in St. Nikolaus, war vielen Gläubigen die letzte Zuflucht, wenn die Pest grassierte.
Die Markdorfer Schutzmantelmadonna, hier in St. Nikolaus, war vielen Gläubigen die letzte Zuflucht, wenn die Pest grassierte. | Bild: Jörg Büsche

Man half sich, indem man die Gassen mit Mist bestreute – im festen Glauben, dass der die Seuche binde. Kleidung, Menschen, ganze Häuser wurden mit Essig und Schwefeldampf „desinfiziert“. Aus Markdorf ist bekannt, dass dort auf die heilende Wirkungen des „Gesundbrunnens“ bei den Auen vertraut wurde. Seit dem frühen 16. Jahrhundert gab es dort ein Badehaus, von dessen schwefelhaltigem Wasser sich nicht nur die Markdorfer Linderung ihrer Gebrechen versprachen. Zu Pestzeiten begegnet man auch Masken.

Essenzen in den Schnäbeln der Masken

Ärzte und Pestknechte setzten die auf, aber auch viele der übrigen Bewohner einer von der Seuche heimgesuchten Stadt. Vogelmasken, in deren Schnabel wohlriechende Essenzen vor dem tödlichen Pesthauch schützen sollten.

Das könnte Sie auch interessieren

Angst als Faktor für die Pest

Angst spielt in den Augen der Zeitgenossen eine große Rolle. Weil die Angst ein den Körper schwächender Affekt sei, so argumentierte der Arzt Paracelsus (1493 bis 1541), löse sie erst die Krankheit aus. Denn verseuchte Luft, zuvor als Hauptursache angesehen, reiche alleine nicht aus als Pest-Auslöser.

Er galt als Helfer in Pestzeiten: der heilige Sebastian, denn die Seuche wurde mit einem göttlichen Pfeilregen verglichen.
Er galt als Helfer in Pestzeiten: der heilige Sebastian, denn die Seuche wurde mit einem göttlichen Pfeilregen verglichen. | Bild: Jörg Büsche

Erschreckt werden sollte die Pest selber: durch Glockengeläut und Geschützdonner. Dem Einzelnen wurden Heiterkeit und Frohsinn, aber auch Kräuter und Essig empfohlen, selbst das Tanzen. Am meisten aber vertraute man aufs Beten. So auch in Markdorf, wo 1635 neben vermehren Kontrollen an den Stadttoren, neben der Schließung von Schulen und von den Häusern der Pestkranken die – durch die Seuche stark dezimierte – Markdorfer Obrigkeit beschloss, „einen Kreuzgang nach Allerheiligen zu unternehmen“. Ähnliches wird von Pestepidemie von 1541 berichtet: „das Jeder jung und alt drey Freittag nacheinander mit prennenden Liechter mit creutz umbgangen.“ (Zitiert nach „1200 Jahre Markdorf„). Nach wie vor gilt die Seuche vielen als Gottesstrafe. Als himmlisches Strafgericht, das insbesondere von Geistlichen gerne mit dem Bild des „Pfeilregens“ verglichen wurde.

Wirtschaftliche Folgen gravierend

Die wirtschaftlichen Folgen der Markdorfer Pestepedimie von 1635 waren ganz erheblich. Lagen doch die Felder und Weinberge rund um Markdorf weitgehend brach. Grund zum Aufatmen hatte die Markdorfer deshalb aber kaum, litten sie doch weiterhin unter den Geschehnissen des nicht enden wollenden Krieges.

Historische Seuchen: Pestbekämpfung

  • Vier Seuchen plagen die Menschen im Mittelalter: der Aussatz, die Pest, der Schwarze Tod, die Franzosen-, Lust-Seuche oder Syphilis sowie der Englische Schweiß.
  • Anders als der Aussatz schlugen sich die beiden großen Pest-Pandemien zu Beginn (in der Mitte des sechsten) und am Ende des Mittelalters (Mitte des 14. Jahrhunderts) nachhaltig auf die Bevölkerungsentwicklung nieder. Die europäische Bevölkerung wurde um ein Drittel beziehungsweise auf die Hälfte reduziert.
  • Übertragen wird die Pest durch Schmutz- und Tröpfcheninfektion, vor allem aber durch Flöhe. Durch deren Bisse, oder durch die Infektion mit dem Kot der Flöhe während des Kratzens. Die sogenannte primäre Lungenpest übertrug sich per Tröpfcheninfektion von Mensch zu Mensch und war fast immer tödlich.
  • In den mittelalterlichen Stadtgemeinden setzte man Ärztekollegien ein, daneben religiöse Körperschaften. Was im Kampf gegen den Schwarzen Tod erfolgversprechend schien, wurde in anderen Orten übernommen.
  • Die Menschen versuchten sich in himmlische Gnade zu retten. Sahen sie die Seuche doch als göttliche Antwort auf sündhaftes Treiben an. Sie zogen als Geißler, Waller (Wallfahrer) durchs Land. Sie verfolgten Randständige, denen sie die Schuld gaben für das Unheil: Aussätzigen und Juden.
  • Von einigen Gelehrten wurde die Pest als Folge einer besonderen Sternenkonstellation betrachtet, in deren Folge böse Ausdünstungen auf die Erde getroffen seien. Zur Seuchenbekämpfung wurde das Verbessern der Luft gefordert, außerdem der Einsatz von Riechmitteln und Räucherungen. Die Mediziner schröpften und rückten den Pestbeulen mit Schröpfköpfen zu Leibe.

Unser bestes Angebot ist wieder da: die Digitale Zeitung + das neuste iPad für 0 €