Es gibt Künstler, die halten Ordnung. In ihren Ateliers reihen sich Stifte, Pinsel, Farben in schöner Ordnung. Frisch bespannte Keilrahmen lehnen ausgerichtet an der Wand. Und selbst in den Regalen herrscht Gleichmaß, Proportion. Nichts ragt hervor, bricht die gerade Linie. Zu diesen Künstlern gehört Stephen Kass ganz offensichtlich nicht. In seiner Garage ist das Chaos.

Von Ordnung keine Spur

Das kreative Chaos gebiert die künstlerische Ordnung des Werks.
Das kreative Chaos gebiert die künstlerische Ordnung des Werks. | Bild: Jörg Büsche

Genau so wie sie eben aus der Hand gelegt wurden, liegen da Scheren, Lineale, Bleistifte, Farben, Rahmen, Klebstoffflaschen, Tuben, Roller – um nur die Arbeitsutensilien zu nennen, die das Auge auf den ersten Blick erfasst – neben dem Sofa, neben den Stühlen, den Hockern, dem Hometrainer, dem Kofferradio und neben den Fahrrädern. Nein, eine Ordnung lässt sich hier nicht erkennen – ebensowenig wie auf Stephen Kass‘ Bildern.

Seine Bilder hängen neben alten Meistern

Und doch ist es oftmals die Frage nach Ordnung, die die Betrachter der Kassschen Bilder bewegt. Wo ließe die sich finden? Gibt es überhaupt eine? Das Würzburger Diözesan-Museum bietet eine Antwort an. Dort werden vier Kass-Collagen in der Dauerausstellung gezeigt. Eine davon, ihr Titel lautet „Zu dem Einen“, hängt sehr prominent – quasi neben den Gemälden alter Meister. In der Nachbarschaft von Malern, für die die Gegebenheit einer göttlichen Ordnung noch nicht in Zweifel stand.

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Kass‘ jüngste Arbeiten sind während der Corona-Krise entstanden. Zu sehen sind Flächen, die von runden Formen überlagert werden. Es begegnen sich fein schraffierte Bögen, durchkreuzt von roten Farbschlieren. Der Blick trifft auf überdimensionale Augen, die aufs Foto eines Jungen schauen. Aber auch auf den Betrachter, der sodann ein Paar erkennt. Das ist ebenfalls fotografiert und steht, aufgeklebt, in einer Formen-Landschaft, die Gebirge, die Abgrund, die auch ein Bunker sein könnte. „Da sind meine Eltern“, erklärt Kass. „Und der kleine Junge da oben“, deutet er auf den Fotoausschnitt im oberen Bilddrittel, „das bin ich.“ In sich gekehrt steht er da, wie abwesend und doch da, die Hände in den Taschen, ein Grübler bereits als Bub, will uns das Foto sagen.

Hier entstehen Collagen: Das Garagen-Atelier des Künstlers.
Hier entstehen Collagen: Das Garagen-Atelier des Künstlers. | Bild: Jörg Büsche

Er habe lange an dieser Collage gearbeitet – sehr lange. Älteres mit aufgenommen, Neues wieder verworfen, um es irgendwann doch stehen zu lassen. Schwarz begegnet, auch rot und Gold. Hier sucht jemand die eigene Vergangenheit – und begegnet dabei womöglich der äußeren Geschichte. Kass hat jüdische Eltern, die nach Südafrika ausgewandert sind, als sie in Deutschland nicht mehr weiterleben konnten. Diesen historischen Aspekt arbeitet der Künstler allerdings nicht aus – er bleibt beim individuell persönlichen.

Ich seh‘ dich, Kleiner! Hier verwendete Kass ein Kindheitsbild.
Ich seh‘ dich, Kleiner! Hier verwendete Kass ein Kindheitsbild. | Bild: Jörg Büsche

Beim neusten Werk ist etwas anders

Gegenwart begegnet ebenfalls sehr viel. Ganz persönliche: in Konturen, die der Künstler an seine jüngsten Arztbesucher erinnern. Aktualität zeigt sich aber auch in jenen Kronen-Formen, die die derzeitige Pandemie uns ins innere Bildarchiv rückt. „Covid-19 lässt mir viel Zeit zum Arbeiten“, erklärt Kass, „den Lockdown befolge ich sehr streng.“ Sein neustes Werk verwirre ihn. Üblicherweise arbeite er bis spät in die Nacht. Erst am anderen Morgen sehe er dann, dass es doch noch nicht fertig ist. „Bei diesem hier“, so deutet er auf die überraschend ausbalanciert Arbeit, „bei diesem hier ist es anders gewesen.“ Gegen alle Erfahrung habe ihm das Bild selbst am Morgen danach immer noch gut gefallen. Doch dass es einfach gut ist, so wie es ist, das mag Kass nicht glauben. Das stimmt ihn skeptisch. Außer Chaos, neben seinem gewohnten Tohuwabohu brauche er Zweifel, Ringen, Neuansätze, weiteres Versuchen. Ob sein neues Bild so bleiben darf, wie es ist – das sei also noch offen. Ebenso offen wie die Frage – ob sich überhaupt eine Ordnung finden lässt.