Von dem Moment an, als der Bund im vergangenen Jahr finanzielle Hilfen für vom Corona-Lockdown betroffene Kleinunternehmer zusicherte, herrschte bei diesen Unsicherheit darüber, ob und wie an die Hilfen zu kommen ist. Einen nicht unbeträchtlichen Dschungel an Formularen, Kostenrechnungen und behördlichen Vorgaben hatten Antragsteller zu durchschreiten. Unerlässlich erwiesen sich da die Steuerberater. Sie wiederum erhielten plötzlich eine Menge Anfragen.

Bedingungen für Corona-Hilfen bergen Tücken

Edgar Sieber ist Steuerberater in Markdorf und hat nach eigener Aussage ein sehr arbeitsintensives Jahr 2020 hinter sich. Mit der Verhängung des ersten Lockdowns Mitte März 2020 sicherten Bund und Länder umfangreiche finanzielle Hilfen für Gastronomen und andere Kleinselbstständige zu. Dabei sei nach Siebers Ansicht vieles nicht zu 100 Prozent klar kommuniziert worden.

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Der Eindruck des Steuerberaters: „Es klang so, als ob jeder für drei Monate Geld bekommen würde, wenn man nur einen formal korrekten Antrag einreicht. Doch die Auszahlungen waren durchaus an Bedingungen geknüpft, die nicht jedem bekannt waren und im Nachhinein für Unsicherheit sorgten.“

Falsche Angaben können strafrechtliche Folgen haben

Sollte sich also die Höhe der beantragten Gelder im Nachhinein, beispielsweise bei einer Prüfung durch einen Rechnungshof, als nicht korrekt erweisen, „könnte dies durchaus strafrechtliche Konsequenzen mit sich führen“, betont Sieber.

Still und verwaist harrt das Proma Einkaufszentrum in Markdorf im Lockdown aus. Ein Optiker, eine Backstube und ein Geldautomat sind die einzigen geöffneten Anlaufstellen, ganz hinten am anderen Ende des Ganges.
Still und verwaist harrt das Proma Einkaufszentrum in Markdorf im Lockdown aus. Ein Optiker, eine Backstube und ein Geldautomat sind die einzigen geöffneten Anlaufstellen, ganz hinten am anderen Ende des Ganges. | Bild: Jan Manuel Heß

Auf seinen Rat hin habe daher ein großer Teil seiner Mandanten vorsorglich diese Hilfen bereits wieder zurückgezahlt. Denn sollte sich nun herausstellen, dass die Voraussetzungen für die Gewährung nicht zu 100 Prozent erfüllt waren, sei eine Rückzahlung auf jeden Fall fällig. Gründe können Sieber zufolge etwa ein schnellerer Umsatzanstieg als ursprünglich geschätzt in den Monaten April, Mai und Juni oder ein geringerer Liquiditätsbedarf als seinerzeit berechnet sein.

Softwareprobleme verhindern rasche Auszahlung

Etwas anders sieht es für die Hilfen im nun andauernden zweiten Lockdown aus, der Anfang November verhängt wurde. Diese seien differenziert zu betrachten, erklärt Sieber. „Erst mal bekamen Hotelgewerbe und Gastronomie 75 Prozent ihres Vorjahresumsatzes im November als Hilfe zugesichert, die nicht zurückgezahlt werden müssen.

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Das Antragsverfahren ging sogar recht einfach, doch in der Ausführung haperte es dann ziemlich.“ Bei Siebers Mandanten dauerte es zwischen 14 Tagen und sechs Wochen, bis die Abschlagszahlungen ausbezahlt wurden. Als Grund dafür nannte das Landeswirtschaftsministerium Probleme mit der Software des Bundes.

Überbrückungshilfe II bereitet viel Arbeit

Kleine und mittelständische Unternehmen, Selbstständige im Einzelhandel sowie gemeinnützige Organisationen bekamen mittels der Überbrückungshilfe II, das die Soforthilfe vom Frühjahr 2020 abgelöst hat, die Möglichkeit, sich ab Mitte Dezember finanzielle Unterstützung zu sichern. Sie sollte helfen, vermeintliche Umsatzrückgänge während der Corona-Krise abzumildern.

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Doch auch hier beinhaltete das Kleingedruckte Stolperfallen. Denn die Hilfen bezogen sich nicht auf den Umsatz, sondern auf die Fixkosten. „Hier kamen wir Steuerberater dann verpflichtend ins Spiel, denn nur wenn alles beachtet wurde, konnten zwischen 60 und 100 Prozent der ungedeckten Fixkosten geltend gemacht werden“, sagt Sieber. So mussten etwa Kurzarbeiterlöhne und Geschäftsfahrzeuge aus der Berechnung herausgenommen werden, was für Sieber und sein Team eine Menge Arbeit bedeutet habe.

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Starke Auslastung der Steuerberater im jetzigen Lockdown

„Im Prinzip befinden wir uns in meiner Kanzlei seit März online in Dauerfortbildung, denn jede Antragsrunde war mit einer neuen Software und inhaltlichen Kriterien verbunden und das wird bei allen meinen Kollegen derzeit so sein“, sagt Sieber. Aus Gesprächen mit Kollegen wisse er, dass es Kleinselbstständige, die nicht zur bestehenden Mandantschaft gehören, derzeit sehr schwer haben, überhaupt einen Steuerberater zu finden.

Die Gastronomie, hier das neue Bistro-Restaurant Kultburger in Markdorf, ist seit dem 2. November im Lockdown. Trotz Überbrückungshilfe, die zudem noch nicht immer und überall angekommen ist, sind viele Gastronomen inzwischen in ihrer Existenz gefährdet.
Die Gastronomie, hier das neue Bistro-Restaurant Kultburger in Markdorf, ist seit dem 2. November im Lockdown. Trotz Überbrückungshilfe, die zudem noch nicht immer und überall angekommen ist, sind viele Gastronomen inzwischen in ihrer Existenz gefährdet. | Bild: Nosswitz, Stefanie

„Wir sind alle so stark ausgelastet, dass es einfach kaum möglich ist, neue Mandanten anzunehmen, denn wir kennen deren Buchhaltung nicht und müssten alle Unterlagen erst einer Prüfung unterziehen, bevor man mit einer Unterschrift deren Korrektheit bestätigen kann.“ Und das sei derzeit rein zeitlich nicht zu bewerkstelligen.

„Niemand hat Erfahrung mit Programmen dieser Größe“

Insgesamt findet Sieber jedoch, dass dieses noch nie dagewesene Hilfsprogramm funktioniert: „Sicher gibt es an diversen Stellen nicht unerhebliche Probleme“, ergänzt er. Zugleich äußert Sieber aber auch Verständnis für die Politik: „Man muss einfach bedenken, dass absolut niemand mit Programmen dieser Größenordnung je irgendwelche Erfahrungen sammeln konnte.“