„Von Bedrücktheit bis hin zu hoher Motiviertheit“ reichten die Gemütslagen im Lockdown. So erlebt Geigenlehrerin Andrea Diersch ihre Schülerinnen und Schüler. Vor allem aber erlebt sie ihre Schüler immer nur am Bildschirm – was ein riesiges Manko sei. „Im Musikunterricht muss man doch dem ganzen Menschen begegnen können“, erklärt Diersch.

In der Musikschule in Markdorf gibt es derzeit keinen Präsenzunterricht. Das Kollegium muss ins Internet ausweichen.
In der Musikschule in Markdorf gibt es derzeit keinen Präsenzunterricht. Das Kollegium muss ins Internet ausweichen. | Bild: Jörg Büsche

Fernunterricht am Tablet, am Monitor des Rechners oder gar am Handy sei da immer nur ein Kompromiss. Aber ein Kompromiss, mit dessen Hilfe es zumindest gelinge, „die Schüler bei der Stange zu halten“. Ihnen zu ermöglichen, dass sie ihrem Hobby oder ihrer Leidenschaft auch weiter nachgehen können.

Die Verbindungen werden besser – zum Teil

„Ich sitze im Keller, wenn ich unterrichte“, schildert Gerhard Eberl seinen Distanzunterricht. Im Keller habe er sein Drumset ebenso wie sein Marimbaphon. Außerdem einen Laptop, der per LAN-Kabel die Verbindung zum Internet, das heißt am Ende zu seinen Schülern herstellt, erläutert der Schlagzeuglehrer und Leiter der Markdorfer Musikschule. Anders als noch während des ersten Lockdowns vor einem Jahr seien die Internet-Verbindungen inzwischen besser geworden. Der Unterricht stehe daher auf stabileren Füßen. Allerdings sei das längst noch nicht überall so, sagt Eberl.

Musikschulleiter Gerhard Eberl steht in engem digitalem Kontakt mit seinen eigenen Schlagzeug-Schülern.
Musikschulleiter Gerhard Eberl steht in engem digitalem Kontakt mit seinen eigenen Schlagzeug-Schülern. | Bild: Jörg Büsche

Diese Erfahrung macht auch Katja Verdi. Die Blockflöten-Lehrerin bemängelt, dass es mitunter hapere bei der Technik. Selbst im zweiten Lockdown noch – obwohl die Plattform-Programmanbieter inzwischen nachbessern. „Es kommt zu störenden Verzögerungen, zum Teil höre ich mein Echo im Lautsprecher der Schülerinnen und Schüler“, berichtet Verdi.

Das könnte Sie auch interessieren

Diese mangelnde Synchronität erschwere das Unterrichten erheblich. Andererseits beobachtet sie auch: „Manche Schüler werden selbstständiger.“ Da seien etwa die Erstklässler, die ihren Unterricht zum Teil ganz alleine meistern, samt sämtlichen Herausforderungen und fast völlig ohne elterliche Hilfe.

Der Distanz-Unterricht hat auch Vorteile

Positives weiß auch Gesangslehrerin Anuschka Schoepe zu berichten: „Meine Jungs, viele so um die 16, machen viel besser mit bei den Körperübungen.“ Singen habe viel mit Haltung zu tun. Vor allem müsse die Energie vom Kopf in den Körper gelangen. Das wird durch eine Reihe von Übungen gefördert, an denen die Jugendlichen vor der Bildschirmkamera entschieden bereitwilliger teilnehmen würden als im Präsenzunterricht.

Gesangslehrerin Anuschka Schoepe kann auch von positiven Erfahrungen im Digitalunterricht berichten.
Gesangslehrerin Anuschka Schoepe kann auch von positiven Erfahrungen im Digitalunterricht berichten. | Bild: Jörg Büsche

Durchaus gute Erfahrungen mit dem Distanzunterricht sammelt Anuschka Schoepe auch bei ihren erwachsenen Gesangsschülern. „Gerade bei denen klappt das prima.“ Ein paar ‚ältere Semester‘ scheuten sich zwar vor dem Einsatz von elektronischen Hilfsmitteln, sie seien aber in der Minderheit.

Was alle befragten Musikschullehrer berichten: Wie wichtig es die Kinder und Jugendlichen finden, „dass überhaupt etwas stattfindet“, berichtet Blockflöten-Lehrerin Katja Verdi. Der Musikschulunterricht sei Abwechslung und Anker im Lockdown-Allerlei. Doch höre man regelmäßig von den Schülern „ihr großes Bedauern, dass zurzeit kein gemeinsames Musizieren mehr möglich ist“, sagt Gesangslehrerin Schoepe.

Für Eltern ist es organisatorisch nicht einfach

Hinzu kommt eine Reihe anderer Probleme: Da berichten Eltern von ihren organisatorischen Schwierigkeiten, so Musikschulleiter Eberl. „Ich höre manchmal, dass es bei der Organisation hakt.“ Längst nicht alle Haushalte verfügten über so viele Endgeräte, um Home-Office, Home-Schooling und auch noch den Musikunterricht, manchmal gar mehrerer Kinder, parallel laufen lassen zu können.

Manches geht nur im direkten Kontakt

Was außerdem nicht oder nur schlecht geht: „Saiten aufziehen, Instrumente stimmen.“ All die Dinge, die beim normalen Präsenzunterricht nebenher geschehen. Nun, im Lockdown, stellen sie ein Problem dar. Ein Problem, das Geigenlehrerin Diersch oft auf unkonventionelle Weise löst. „Ich fahre zu den Schülern und lasse mir das Instrument herausreichen.“

Bis die Musikschule wieder zu Jazzkonzerten wie diesem mit Thorsten Skringer und Hannah Loebermann einladen kann, wird es wohl noch einige Wochen dauern.
Bis die Musikschule wieder zu Jazzkonzerten wie diesem mit Thorsten Skringer und Hannah Loebermann einladen kann, wird es wohl noch einige Wochen dauern. | Bild: Jörg Büsche

Den „eher Introvertierten“ bereite der Fernunterricht kaum Schwierigkeiten, erklärt Andrea Diersch. Im Gegenteil: Sie bohrten sich hinein in die Materie. Weniger leicht sei es für jene, die gerne in Gemeinschaft lernen und musizieren. Für jene, die es brauchen, sich mit ihren Mitschülern zu messen und daraus An- und Auftrieb gewinnen.

Das könnte Sie auch interessieren

Bei ihr selbst könne kaum noch von großem Auftrieb die Rede sein, nach einem Unterrichtstag am Bildschirm. „Dann habe ich Kopfschmerzen, fühle mich sehr angespannt und muss erstmal Yoga machen, um mich zu beruhigen.“