Der Einzelhandel in der Region und so auch in Markdorf steht vor einer zaghaften Rückkehr in die Normalität: Ab Samstag, 22. Mai, gilt der Öffnungsschritt 1. Weil im Bodenseekreis an fünf Werktagen in Folge die Sieben-Tage-Inzidenz den Wert von 100 unterschritten hat, darf der Einzelhandel nun noch weiter öffnen als bisher. Nach der Phase des Termin-Bummels mit Corona-Schnelltest und Voranmeldung, nach Click and Collect beziehungsweise Click and Meet samt Dokumentationspflicht stehen die Ladentüren damit nun auch wieder ohne den bislang nötigen Schnelltest offen.

Gedränge hat in der Markdorfer Innenstadt nur an den Markttagen geherrscht. Nun hofft der Einzelhandel wieder auf mehr Kundschaft.
Gedränge hat in der Markdorfer Innenstadt nur an den Markttagen geherrscht. Nun hofft der Einzelhandel wieder auf mehr Kundschaft. | Bild: Jörg Büsche

Für je einen Kunden pro 40 Quadratmeter Verkaufsfläche – mit Test dürfen es sogar zwei Kunden sein. Geöffnet ohne Einschränkungen ist außerdem für komplett Geimpfte und für Personen mit einer in den vergangenen sechs Monaten überstandenen Corona-Infektion. So heißt es im „Stufenplan für sichere Öffnungsschritte“ der baden-württembergischen Landesregierung.

Den Einzelhändlern geht inzwischen die Geduld aus

„Das wird höchste Zeit“, erklärt Monica Mayer. Die Inhaberin von „Wir M3 & Café“ in der Markdorfer Hauptstraße hofft inständig auf bessere Zeiten. „Ansonsten geht es wie im Märchen“, sagt sie – doch ohne Happyend, sondern mit „Es war einmal“. Hoffnung auf Hilfe habe sie sich ohnehin nicht gemacht, sagt sie. Ihre Bitterkeit überspielt die Geschäftsfrau mit einem Lächeln – und der Bemerkung: „Humor ist, wenn man trotzdem lacht.“

Das könnte Sie auch interessieren

Erst wenn die Kunden wieder kämen, könne es aufwärtsgehen. Das öffentliche Corona-Schnelltest-Angebot in der Stadt habe aus ihrer Sicht wenig geholfen. Nur fürs Shoppen gehe da kaum jemand hin. „Außer er verbindet es vielleicht mit einem Friseurtermin und schaut anschließend noch bei uns rein“, erklärt Monica Mayer.

Raumausstatter und Sanitätshaus: Gänzlich verschiedene Lockdown-Erfahrungen

Auch Claudia Gratwohl lächelt eher grimmig. „Wir gehören zu den Corona-Gewinnern“, erklärt die Raumausstatterin mit sarkastischem Unterton, mit der Rechten in den Verkaufsbereich des Ladenlokals weisend, dorthin, wo es Dekoratives oder gediegene Einrichtungs-Accessoires zu entdecken gibt. „Da ist in den letzten Wochen so gut wie gar nichts gelaufen“, berichtet sie. Stattdessen kämen Aufträge von Kunden, die ihre Wohnungen verschönern wollen. „Das ist auch eine Folge der Pandemie. Die Leute bleiben daheim und statt Urlaub gönnen sie sich neue Gardinen“, erklärt Claudia Gratwohl.

Tanja Jatzkowskis Kundennähe kann kein Internet ersetzen: Im Sanitätshaus geht es nicht ohne die individuelle Beratung für die Kunden.
Tanja Jatzkowskis Kundennähe kann kein Internet ersetzen: Im Sanitätshaus geht es nicht ohne die individuelle Beratung für die Kunden. | Bild: Jörg Büsche

Wenig Sorgen wegen der Bundesnotbremse mussten sich hingegen die Sanitätshäuser machen. Obwohl zum Bereich der körpernahen Dienstleistungen zählend, blieben sie auch während es jüngsten Lockdowns geöffnet. „Wir sind ja sozusagen unverzichtbar“, erklärt Tanja Jatzkowski vom Sanitätshaus Kley in der Bussenstraße.

Das könnte Sie auch interessieren

Die Kunden seien trotz der Notbremse gekommen, aus Überlingen, aus Oberteuringen, dem Deggenhausertal und aus Markdorf sowieso – weil sie auch weiterhin täglich auf die Kompressionstherapie angewiesen waren, unter Inkontinenz litten oder etwas aus der Prothetik benötigten. „Und die Beratung dazu, die kann das Internet nicht bieten“, erläutert Tanja Jatzkowski.

Konsequenz aus Corona: Ravensbuch fusioniert und baut Online-Geschäft aus

„Uns hat geholfen, dass wir zum täglichen Bedarf gehören“, erklärt Yvonne Voigt aus der Buchhandlung Ravensbuch. „Hätten unsere Kunden auch vor jedem Besuch zum Antigen-Schnelltest gemusst“, so die Buchhändlerin weiter, „wären wir vermutlich nicht so gut durch den Lockdown gekommen“. Wobei „gut“ relativ sei und überdies auch nur durch die Treue der Markdorfer Kundschaft zu erklären. Der Treue jener Leser, die ihre Lektüre nicht auf den Seiten der großen Online-Anbieter ordern.

Yvonne Voigt und Evelyne Fischer haben auch während des jüngsten Lockdowns Kunden bedienen dürfen, gehört der Buchhandel doch zum täglichen Bedarf.
Yvonne Voigt und Evelyne Fischer haben auch während des jüngsten Lockdowns Kunden bedienen dürfen, gehört der Buchhandel doch zum täglichen Bedarf. | Bild: Jörg Büsche

Wie Buchhändlerin Voigt erläutert, habe sich Ravensbuch trotzdem wappnen müssen gegen die übermächtige Konkurrenz. Die beiden Buchhändlerfamilien Riethmüller von Ravensbuch in Ravensburg und von Osiander in Tübingen hatten fusioniert, mit dem Ziel, einen gemeinsamen Webshop aufzubauen, der den Großen der Branche in nichts mehr nachstehe. Dies sei eine Entwicklung, die Corona nur noch beschleunigt habe, sagt Voigt.

Orientierungslosigkeit der Kunden dämpft die Einkaufslust

Froh über den ersten Öffnungsschritt zeigt sich Sylvia Ströer, Inhaberin des Haushaltswarengeschäfts Guldin am Stadtgraben. Damit könnten die Umsätze allmählich wieder steigen. Eingebrochen seien sie auch, weil große Unklarheit geherrscht habe: Click and Collect, Click and Meet, obendrein der Test, vor dem viele dann doch zurückgeschreckt seien, sagt Ströer.

Das könnte Sie auch interessieren

All das habe die Lage nur zusätzlich verkompliziert. So dass manche den fehlenden Überblick und eine mangelnde Information beklagt hätten, gibt Sylvia Ströer ihren aus etlichen Kundengesprächen gewonnenen Eindruck wieder.

Sylvia und Wilfried Ströer hoffen auf die baldige Rückkehr der Normalität für den Einzelhandel.
Sylvia und Wilfried Ströer hoffen auf die baldige Rückkehr der Normalität für den Einzelhandel. | Bild: Jörg Büsche

„Einerseits gibt es eine Fülle an Nachrichten, andererseits bleibt unklar, was vor Ort gilt“, bemängelt sie. „Viele Kunden haben angerufen, bei uns Ware bestellt und dann ohne Test an der Tür abgeholt“, schaut sie auf den Lockdown zurück. Nun kehre hoffentlich wieder mehr Normalität in den Einkauf zurück, so ihre Hoffnung.

Befürchtungen über einen folgenreichen Lockdown für die Gastronomie

Mehr Normalität wünscht sich auch Lucie Fieber, die Geschäftsführerin des Markdorfer Stadtmarketings. Auch sie weiß von der Klage, dass sich viele potenzielle Kunden durchs Informations-Dickicht abschrecken lassen. „Bodenseekreis, Konstanz, Sigmaringen, Ravensburg – von überallher kommen die Leute nach Markdorf“, sagt sie. Was wann wo gelte, sei dabei durchaus nicht ohne Weiteres ersichtlich. Im Zweifel bleibe mancher zu Hause und komme – anders als vor Corona – nicht zum Einkauf nach Markdorf.

Hoffen auf Lockerungen: Noch ist die Innenstadt tagsüber oft leergefegt. Die Markdorfer Einzelhändler hoffen nun wieder auf mehr Umsatz, wenn die Einschränkungen zurückgenommen werden.
Hoffen auf Lockerungen: Noch ist die Innenstadt tagsüber oft leergefegt. Die Markdorfer Einzelhändler hoffen nun wieder auf mehr Umsatz, wenn die Einschränkungen zurückgenommen werden. | Bild: Jörg Büsche

Probleme sieht die Marketingchefin vor allem aufs Gastgewerbe zukommen. Während der langen Lockdown-Monate sei dort die Personaldecke immer dünner geworden. Wenn da nicht bald etwas geschehe, werde es „sehr, sehr eng, wenn Hotels und Gaststätten wieder allen offen stehen“, meint Fieber.

Die nötigen Schnelltests halten viele Kunden vom Bummel ab. Auch Michael Fröhler von Uhren und Schmuck Wielath beobachtet eine gewisse Testunlust bei vielen Kunden.
Die nötigen Schnelltests halten viele Kunden vom Bummel ab. Auch Michael Fröhler von Uhren und Schmuck Wielath beobachtet eine gewisse Testunlust bei vielen Kunden. | Bild: Jörg Büsche

Beim Einzelhandel rechnet Lucie Fieber weniger mit einem größeren Strukturwandel. Gibt es in Markdorf doch etliche inhabergeführte Geschäfte in eigener Immobilie, die demzufolge keine hohen Ladenmieten drücken. Auch hätten sich viele Betreiber inzwischen nachhaltig mit dem Internet angefreundet und ihr Angebot für den Onlinehandel geöffnet. Fieber gibt sich daher optimistisch. Rechtzeitig für den Öffnungsschritt hat sie nun für den Samstag unter dem Motto „Lebensfreude und Kleinkunst“ Musiker, Jongleure und Clowns in die Innenstadt geladen. Ab 10.30 Uhr sollen sie das wiedergewonnene Einkaufserlebnis in Markdorf zusätzlich befördern.