Einen Hammer hatte Andreas Waldschütz keinen. Dafür war er viel zu beschäftigt mit den Rangieren der Räder. Rund 50 Velos hatten sich angesammelt. Die Mitarbeiter des Bauhofs hatten sie herangekarrt. Denn fahrtüchtig war so gut wie keines von ihnen. „Wir haben sie aus der gesamten Stadt – vor allem aus den Grünanlagen“, erklärt Elvira Wieland. Die Sachbearbeiterin für Funde und Information im Rathaus notierte. Und Andreas Waldschütz verauktionierte. Er ist Fahrzeugmeister beim Bauhof – und passionierter Fahrradfahrer Er kennt sich aus. Und auf die Frage, ob ihn eines der angebotenen Räder reize, schüttelt er den Kopf.

Raffaele Mazzatelli sucht ein Rad, weil er umweltfreundlicher unterwegs sein möchte.
Raffaele Mazzatelli sucht ein Rad, weil er umweltfreundlicher unterwegs sein möchte. | Bild: Jörg Büsche

Katharina Hey und Simon Schierscher wollen sich bloß umschauen. Aus Neugier gewissermaßen, weniger um ein Fahrrad zu ersteigern. Anders sieht es bei Raffaele Mazzitelli aus. „Ich möchte nach Möglichkeit gleich zwei Räder mit nach Haus nehmen“, erklärt der junge Mann, „für mich und meine Freundin.“ Er habe im Moment kein Rad, möchte sich aber gerne mehr bewegen – im Sommer zum See, und überhaupt „auch wegen der Umwelt“ erklärt er. Sabine Münzer sucht gleichfalls. „Ich möchte eins für meinen Mann.“ Der habe zwar ein Dienstrad, wünscht sich indes ein eigenes. Das Problem: „Er ist sehr groß.“

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„95 Prozent dieser Räder sind reparaturbedürftig“ erklärt Auktionator Waldschütz. Hier klemmt es am Schaltwerk, dort eiert die Felge in fröhlicher Acht. Woanders scheint es, müsse nur die Kette wieder auf einen Kranz gelegt werden. Und mit etwas Öl könnte die Fahrt beginnen. Sofern der glückliche Käufer eine Luftpumpe mitgebracht hat. Völlig erschlafft sind nämlich alle Schläuche. Was kaum weiter wundern darf. „Das ist unsere erste Auktion seit Beginn der Pandemie“, erklärt Elvira Wieland. Da habe sich einiges angesammelt. Beim Rad mit der Nummer 1700-264 handelt es sich um ein Rennrad. Es ist schwarz-weiß. Und es dürfte schon bessere Zeiten gesehen haben. Aufgefunden wurde der 26-Zoll-Renner im Grünstreifen bei der Rotkreuz-Station. Das geht aus der Liste hervor, in der Elvira Wieland dann auch aufschreibt, wer dieses oder jenes Rad ersteigert. Was deshalb wichtig ist, weil der neue Besitzer ja auf keinen Fall Ärger bekommen soll, wenn der Vorbesitzer des ersteigerten Velos sein Rad wiedererkennt und seinen Besitzanspruch anmeldet. Alles habe seine Ordnung, sei streng geregelt, ist zu hören. Der gesamte Vorgang, begonnen beim Fund bis zur Versteigerung samt Ergebnis, wird sorgsam festgehalten und anschließend für mindesten zehn Jahre archiviert, erklärt die Fundsachen-Sachbearbeiterin.

Pünktlich um drei Uhr beginnt die Aktion. Andreas Waldschutz hat die Besucher aus dem Bereich der Halle gebeten, in dem sie sich die Räder davor genauer anschauen durften. „Wir beginnen mit den Rädern für fünf Euro.“ Der Anfang ist zäh. Rad folgt auf Rad und wandert ohne Gebote zu den anderen nicht ersteigerten Velos.

Sabrina Münzer und ihre Tochter Hanne sind auf der Suche nach einem Rad mit hohem Rahmen.
Sabrina Münzer und ihre Tochter Hanne sind auf der Suche nach einem Rad mit hohem Rahmen. | Bild: Jörg Büsche

Ab und zu erbarmt sich doch jemand – zum Beispiel bei einem Rad mit bequem-tiefem Einstieg: Fünf Euro. „Bietet jemand sieben?“ fragt Waldschütz – niemand. Und Raffaele Mazzitelli bekommt seinen Favoriten, ohne dass irgendjemand versucht hat, es ihm abspenstig zu machen. „Das ist ein Schnäppchen“ beglückwünscht ihn Josef Hänfling, ein Mann mir viel Ahnung. Selten, ganz selten wird‘s doch noch fiebrig. Anfangs langsam, dann immer rascher folgen die Gebote von fünf auf sechs, sieben acht, immer weiter: 26 zum Ersten, 26 zum zweiten, 27. Der nicht vorhandene Hammer fällt schließlich bei 30 Euro – für ein passabel aussehendes Siebengangrad.

Elvira Wieland hält genau fest, wer was ersteigert und was auf den Schrott kommt.
Elvira Wieland hält genau fest, wer was ersteigert und was auf den Schrott kommt. | Bild: Jörg Büsche

Hie und da kommt Waldschütz doch ins schwärmen. Wenn er etwa unter den vielen Allerwelts-Touren-Sport-und-Stadt-Rädern ein Vehikel aus einer der großen Rahmenschmieden in Italien entdeckt. Dann gibt Waldschütz schon mal einen Hinweis. Ihm ist anzumerken, dass er nur höchst unwillig den Bianchi-Renner oder das Rad von Wilier zu all den Drahteseln schieben würde, für die sich keiner interessiert. Für die es kein Angebot gegeben hat. Weder die zumindest geforderten fünf, noch die nächsthöheren zehn oder die 15 Euro, die für die edleren Gefährte zu bieten sind. Und das gilt für das Gros – die allermeisten angebotenen Räder finden keinen Käufer. „Die kommen auf den Schrott“, erklärt Waldschütz achselzuckend.