Bei einer gemeinsamen Aktion im Traktormuseum in Gebhardsweiler sahen sich die beiden wieder und entdeckten Gemeinsamkeiten: Nicht nur, dass die gebürtigen Markdorfer derselben Jahrgangsklasse angehörten und in Parallelklassen die Schulbank drückten. Sie mögen auch die Vergangenheit und deren Wiederbelebung auf Zeit. Als Richard Gratwohl im Traktormuseum Antje Herfurth, geborene Wegmann, bei der Einrichtung eines Friseursalons aus den 60er Jahren für historische Vorführungen half, kam ihm der Gedanke, Ähnliches in Markdorf zu gestalten.

Es weihnachtet sehr. Antje Herfurth und Richard Gratwohl schmücken den Weihnachtsbaum im Wohnzimmer der 60er-Jahre-Ausstellung, die am Samstag eröffnet wird.
Es weihnachtet sehr. Antje Herfurth und Richard Gratwohl schmücken den Weihnachtsbaum im Wohnzimmer der 60er-Jahre-Ausstellung, die am Samstag eröffnet wird. | Bild: Christiane Keutner

Seit Wochen kruschteln sie im Dosch-Haus, gestalten Küche, Wohn-, Ess- und Kinderzimmer, dekorieren Schaufenster, als ob es ein altes Ladengeschäft wäre. Über 1000 Gegenstände haben sie mehrfach in die Hand genommen, erst ein-, dann ausgepackt, überlegt, wo sie am besten platziert werden und zur Geltung kommen. „Das Ganze gleicht einem Wimmelbuch. Erst ist man überfordert und weiß nicht, wohin man sehen soll, dann entdeckt man immer wieder Neues“, sagt Antje Herfurth.

Auch der Wellensittich nebst Wandbehang gehörte zur Ausstattung im Wohnzimmer vor rund 60 Jahren.
Auch der Wellensittich nebst Wandbehang gehörte zur Ausstattung im Wohnzimmer vor rund 60 Jahren. | Bild: Christiane Keutner

Dank ihrer Verbindungen zu Manfred und Monika Stör, die ihnen Fernseher, Radio, Mobiliar wie Nierentisch und Tütenlampen, Küchengeräte und mehr aus ihrem elektrotechnischen Museum in Leutkirch leihen, ergänzt aus ihren eigenen Beständen und denen des Traktormuseums, konnte alles authentisch eingerichtet werden. Vier große Anhänger und Autos waren vollgeladen worden. „Alleine hätte ich das gar nicht auf die Reihe gebracht“, sagt Richard Gratwohl und freut sich mit Antje Herfurth auf die im wahrsten und übertragenen Wortsinn belebte Ausstellung: An den Wochenenden wollen sie Familie spielen – mit „Bärbele“, der echten Babylernpuppe, anhand derer Hebammen Eltern zeigten, wie man das Neugeborene pflegt. Sie wollen mit den originalen Küchengeräten kochen, den funktionierenden Herd für den Hawaii-Toast benutzen, aus den bunten Likörgläschen nippen und freuen sich schon jetzt auf die fragenden Gesichter junger Leute, wenn sie das Telefon mit Wählscheine bedienen und es läuten lassen.

„Wir waren verblüfft, was man damals schon alles hatte.“
Richard Gratwohl, Vorsitzender der Trachtengruppe

„Wir waren verblüfft, was man damals schon alles hatte“, sagt Gratwohl und zeigt auf „Vorax“, ein Multifunktionsgerät für Küchen-, Haus- und Werkzeugarbeiten, an das man einen Mixer, Föhn oder die Bohrmaschine anschließen kann. Sie lachen herzlich über die inzwischen nicht mehr sehr appetitlich anmutenden Rezeptfotos alter Kochbücher, weitab von „Dialog von Selleriestampf und Espuma“.

Beeindruckend: Schon damals gab es Multifunktionsgeräte. Bild: Christiane Keutner
Beeindruckend: Schon damals gab es Multifunktionsgeräte. Bild: Christiane Keutner | Bild: Christiane Keutner

„Es geht bei der Ausstellung aber um mehr als um die Gegenstände aus der Zeit unserer Eltern“, sagt Antje Herfurth. Sie beide wollen in 60er-Jahre-Klamotten die Zeit und den Zeitgeist aufleben lassen. Wie mit dem Buch „Mädchenschule“, in dem jungen Frauen vermittelt wird, dass sie den Haushalt tip top zu erledigen haben, kochen, die Kinder versorgen, den Mann nach der Arbeit empfangen, zum Sessel geleiten, ihm Aschenbecher und Feierabendzigarette reichen sollen. „Das war halt die Zeit und vielleicht auch keine schlechte. Wir wollen sie nicht verdammen, ich weiß von einigen Frauen, für die das erfüllend war“, sagt Richard Gratwohl.

Das lag in den 60er Jahren unterm Weihnachtsbaum.
Das lag in den 60er Jahren unterm Weihnachtsbaum. | Bild: Christiane Keutner

Antje Herfurth weiß: „Die Leute identifizieren sich mit den Sachen.“ Auch junge Leute seien interessiert. Retro ist in, sind beide überzeugt, und hängen das damals bleierne, golden glitzernde Lametta über den mit bunten Kugeln und einer Vorkriegslichterkette geschmückten Weihnachtsbaum, rücken den Blumenhocker mit der pflegeleichten Resopalbeschichtung zurecht, schieben die in blau und rosé gehaltenen Küchenschranktüren zu.

Und wie wär‘s mit dem? Antje Herfurth und Richard Gratwohl mitten im Aufbau der 60er-Jahre-Ausstellung im Dosch-Haus.
Und wie wär‘s mit dem? Antje Herfurth und Richard Gratwohl mitten im Aufbau der 60er-Jahre-Ausstellung im Dosch-Haus. | Bild: Christiane Keutner

Glücklich sind sie über das Entgegenkommen und Vertrauen der Stadt, die ihnen das Dosch-Haus zur Verfügung stellt, freie Hand bei der Gestaltung lässt – so wurden die Wände bonbonfarben gestrichen – und für die Heizkosten aufkommt.

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Der Eintritt ist frei, über Spenden freuen sich die Akteure. Sie sollen dem elektrotechnischen Museum zukommen, das während der Pandemie kaum Einnahmen hatte, ein Teil geht an die Trachtengruppe. Die beiden selbst verzichten: „Wir sind der Überzeugung, man muss was tun, ohne die Hand aufzuhalten“, so Richard Gratwohl. Ihre Entlohnung sehen sie in positivem Widerhall, wollen den Spaß, den ihnen das Ganze bereitet, locker vermitteln.