Wer am Freitagabend rund um Markdorf unterwegs ist, dem trägt der Wind Melodien zu, die Erinnerungen wachrufen. Erinnerungen an leckere Brathähnchen beim Pfingstmusikfest, andächtige Klänge zur Weihnachtszeit oder die ausgelassene Stimmung bei Weinfesten im Sommer.

Urheber der mitreißenden Töne ist der Musikverein Riedheim. Jeden Freitag findet gegen 20 Uhr immer wieder in verschiedenen Markdorfer Ortsteilen die allwöchentliche Freiluft-Probe statt. Heute versammeln sich pünktlich alle Musikanten im Hof von Familie Roth oberhalb von Hepbach.

In großer Zahl sind die Musikbegeisterten des Musikverein Riedheim zur Probe unter freiem Himmel erschienen.
In großer Zahl sind die Musikbegeisterten des Musikverein Riedheim zur Probe unter freiem Himmel erschienen. | Bild: Sonja Ruess
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Vorfreude steigt: Gute Stimmung bei den Musikern

Die Musikanten fahren mit schwerem Gerät auf den Hof; in großen Anhängern werden die sperrigen Instrumente und die Stühle für die Musiker transportiert. Alle sind zum Scherzen aufgelegt und es wird viel gelacht. Die Vorfreude auf die anstehende Probe in der wunderschönen Natur-Kulisse steht allen Musikern deutlich ins Gesicht geschrieben.

Die schweren Instrumente werden mit Anhängern zur Probe transportiert. Alle Musiker packen mit an und helfen beim Aufbauen.
Die schweren Instrumente werden mit Anhängern zur Probe transportiert. Alle Musiker packen mit an und helfen beim Aufbauen. | Bild: Sonja Ruess

Es herrscht ein reges Treiben und Gewimmel, jeder packt mit an und im Nu sind alle Instrumente und Sitzgelegenheiten aufgebaut. Der musikalische Leiter Nicolas Köb nimmt seinen Platz vor der Kapelle ein und schlagartig herrscht eine erwartungsvolle Stille. Nach kurzem Einstimmen wird das Stück angesagt. Der Dirigent hebt die Hände und im Sekundenbruchteil verwandelt sich die grüne Wiese in einen Freiluft-Konzertsaal. Der Sternstunden-Marsch tönt weit über die Felder des Gehrenbergs bis hinunter ins Hepbacher Tal. Percussion und Tuben geben den Takt vor.

Nicolas Köb leitet die Holz- und Blechbläser mit ausdrucksstarken Bewegungen durch das Stück, begleitet werden sie von zarten Flötentönen. Es sind wahrlich Sternstunden für die Mitglieder des Musikvereins, inmitten von Apfelbäumen und blühenden Wiesen endlich wieder ihrer liebsten Freizeitbeschäftigung nachgehen zu können.

Hier ist der Name Programm: Nach so langer Zeit ohne Musik kann man die außergewöhnliche Probe inmitten von Wiesen und Feldern in der Tat als Sternstunde beschreiben.
Hier ist der Name Programm: Nach so langer Zeit ohne Musik kann man die außergewöhnliche Probe inmitten von Wiesen und Feldern in der Tat als Sternstunde beschreiben. | Bild: Sonja Ruess

Miteinander und die Gemeinschaft hat den Mitgliedern gefehlt

Dieter Gehweiler, zweiter Vorsitzender erzählt von der zehnmonatigen Zwangspause: „Wir haben nie wirklich aufgehört, Musik zu machen. In kleinen Kreisen haben wir trotzdem weiter geprobt. Es ist wunderschön, dass wir uns nun endlich wieder treffen können. Die Gemeinschaft und das Miteinander hat uns allen wahnsinnig gefehlt.“

Dieter Gehweiler hat in den zehn Monaten Zwangspause am meisten die Gemeinschaft und das Miteinander vermisst.
Dieter Gehweiler hat in den zehn Monaten Zwangspause am meisten die Gemeinschaft und das Miteinander vermisst. | Bild: Sonja Ruess
Querflötenspielerin Angelika Fauler spielt seit über 30 Jahren. Für sie ist ein Leben ohne Musik unvorstellbar.
Querflötenspielerin Angelika Fauler spielt seit über 30 Jahren. Für sie ist ein Leben ohne Musik unvorstellbar. | Bild: Sonja Ruess

Querflötenspielerin Angelika Fauler stimmt ihm zu: „Ich habe das Spielen so sehr vermisst. In der ersten Probe bin ich einfach nur grinsend da gesessen, weil ich es so schön fand, endlich wieder spielen zu dürfen. Musik ist ein Teil meines Lebens. Ich bin schon über 30 Jahre dabei, da gehört es einfach dazu.“

Auch die Zuhörer genießen das Konzert in vollen Zügen. Monika Schneider hält nichts mehr auf ihrem Platz. Immer wieder springt sie auf, tanzt und singt, lässt sich von der Musik mitreißen. „Es war eine fürchterliche Zeit, so ganz ohne Konzerte. Ich hoffe sehr, dass uns dieses Stück Normalität nun auch bleiben wird“, sagt die Musikbegeisterte.

Die Zuhörer können von der musikalischen Darbietung gar nicht genug bekommen (von links): Tobias Roth, Maria Roth, Hubert Roth, Britta Gehweiler, Monika Schneider.
Die Zuhörer können von der musikalischen Darbietung gar nicht genug bekommen (von links): Tobias Roth, Maria Roth, Hubert Roth, Britta Gehweiler, Monika Schneider. | Bild: Sonja Ruess

Dirigent Köb: „Erste Probe war wie Fahrradfahren“

Dirigent Nicolas Köb geht voll auf in seiner Rolle als musikalischer Leiter. Er sprüht vor Energie, dirigiert mit ganzem Körpereinsatz, durchlebt jedes Stück mit seiner Mimik. „Akzente an den richtigen Stellen!“, weist er die Musiker an. „Da capo! (von vorne!)“. Mit seiner mitreißenden und charmanten Art spornt er seine Kollegen zu Höchstleistungen an. Kleine Fehler korrigiert er auf humorvolle Art und Weise. Man spürt, dass er sein ganzes Herz in die Musik steckt, aber auch, dass er die Messlatte hochhält. Qualität ist ihm sehr wichtig.

Dirigent Nicolas Köb leitet die Spieler hochkonzentriert und mit vollem Körpereinsatz durch die Musikstücke.
Dirigent Nicolas Köb leitet die Spieler hochkonzentriert und mit vollem Körpereinsatz durch die Musikstücke. | Bild: Sonja Ruess

„Die erste Probe nach der langen Zeit war wie Fahrradfahren. Verlernt hat es keiner, aber es hört sich hier und da doch wackelig an. Man kommt aber auch schnell wieder rein“, berichtet der junge Dirigent. Heute, in der dritten Probe, könne man wieder da anknüpfen, wo man das Instrument hat fallen lassen. „Das gemeinsame Musizieren hat uns allen gefehlt und wir hoffen sehr, dass es keine Unterbrechungen mehr gibt“, so Köb.

Nach über einer Stunde Probe senkt sich die Sonne langsam hinter dem Gehrenberg. Die Noten sind kaum noch lesbar, aber an Aufhören ist nicht zu denken. Es ist klamm und die Zuschauer haben sich in dicke Jacken gepackt, doch immer wieder rufen sie nach einer Zugabe.

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Mit „Let me entertain you“ endet der Abend

Mit einem fröhlichen „Let me entertain you“ verabschiedet der Musikverein den Tag und freut sich schon auf die nächste Freiluft-Probe am Freitagabend. Ohne Zweifel waren diese außergewöhnlichen anderthalb Stunden für alle Beteiligten der pure Ausdruck von Lebensfreude.