Der Bus wartet schon. Auf seiner Flanke prangt ein Banner. Es trägt die Aufschrift: „Musik ist die gemeinsame Sprache der Menschheit“. Und wer das nicht glauben mag, der wird gerade eines Besseren belehrt. So viele hat es von ihren Sitzen hochgerissen. Von den Bierbänken, die für das Konzert der Südwestdeutschen Philharmonie Konstanz auf dem Markdorfer Marktplatz aufgestellt worden sind. Rund 500 Zuhörer stehen, jubeln, klatschen begeistert.

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Eben noch hat hat Valda Wilson von einem besseren Ort gesungen. „There is a place for us“, den Evergreen aus der „Westside Story“ von Leonard Bernstein. Mucksmäuschenstill war es da. Sogar die Glocken droben auf dem Turm der St.-Nikolaus-Kirche haben geschwiegen. Ausnahmsweise – denn sonst haben sie wenig Rücksicht genommen. Weder auf die Moderation von Insa Pijanka, der Intendantin der Philharmoniker aus Konstanz, noch auf Streicher-Klänge, mochten die auch noch so zart sein.

Riss ihre Zuhörer hin: Valda Wilson, Sopran.
Riss ihre Zuhörer hin: Valda Wilson, Sopran. | Bild: Jörg Büsche
Hörgenuss auf Bierbänken.
Hörgenuss auf Bierbänken. | Bild: Jörg Büsche

Besucher lassen sich auf klassische Musik ein

Ein besserer Ort, ein Ort für alle, war der Marktplatz an diesem Donnerstagabend aber trotzdem. Jung, Alt, sogar ganz Jung und ganz Alt hatten sich eingefunden. Um Musik zu hören: klassische – aus der Romantik, aus der Spätromantik, aber auch solche aus der Welt der Musicals. „Eigentlich stehe ich ja mehr auf Rock und Pop“, erklärte Jörn Burger. Und er war mit dieser Vorliebe gewiss nicht der Einzige in der langen Schlange, die sich entlang der Kirchenmauer bis hin zur Einlasskontrolle vor der Bühne zog.

Vor dem Konzertgenuss kamen das Anstehen und die Datenerhebung.
Vor dem Konzertgenuss kamen das Anstehen und die Datenerhebung. | Bild: Jörg Büsche

Markdorfer freuen sich auf kulturelle Veranstaltung

Regina Lorenz, die – weiter vorne – ihren ausgefüllten Anmeldebogen zur Infektionsschutz-Nachverfolgung bereits abgab, freute sich: „Dass es endlich wieder Kultur gibt – und dass ein Profi-Orchester zu uns nach Markdorf kommt.“

Die achtjährige Johanna, die mit ihrer zehnjährigen Schwester Luisa und ihren Eltern da war, hatte spezielle Interessen. „Ich lerne Saxofon“, erklärte sie, „jetzt will ich sehen, ob hier jemand Saxofon spielt.“ Diese Hoffnung ging leider nicht in Erfüllung. Dass der Himmel am Donnerstagabende wolkenlos bleibt, hat Stephanie Sandkühler gehofft. Sie drückt für die kommenden Veranstaltungen die Daumen: „Wär‘s schön, wenn sich das Wetter hält beim Markdorfer Musiksommer.“

Endlich wieder Kultur in Markdorf! Darüber freuten sich Regina und Manfred Lorenz.
Endlich wieder Kultur in Markdorf! Darüber freuten sich Regina und Manfred Lorenz. | Bild: Jörg Büsche
Hoffentlich spielt ein Saxofon mit im Orchester, wünscht sich die achtjährige Johanna.
Hoffentlich spielt ein Saxofon mit im Orchester, wünscht sich die achtjährige Johanna. | Bild: Jörg Büsche

Intendantin Insa Pijanka bedankt sich bei Veranstalter

Dass das Wetter hält, wünscht sich auch Jens Neumann vom Kulturteam Markdorf, der den Kultursommer gemeinsam mit Dieter Bös und mit Unterstützung der Stadtverwaltung organisiert hat. Kurz vor dem Konzertauftakt jedenfalls wirkte er noch überaus zufrieden.

„Das Wetter ist super – wir haben richtig viel Glück gehabt.“ Wie sehr der gesamte Abend eine Sache des Glücks war, das schilderte später Insa Pijanka. Die Intendantin sprach von der Zitterpartie während der zurückliegenden Corona-Monate. In denen überhaupt nicht abzusehen war, ob die Inzidenzwerte Konzert-Veranstaltungen erlauben. Doch Jens Neumann sei zuversichtlich geblieben – und beharrlich.

Veranstalter Jens Neumann ist froh über die freiwilligen Helfer aus der Stadtkapelle.
Veranstalter Jens Neumann ist froh über die freiwilligen Helfer aus der Stadtkapelle. | Bild: Jörg Büsche
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Vergangenen Monate waren eine Frage des Überlebens

„To be, or not to be“, Sein oder Nichtsein, war das Motto des Konzertabends. Die Hamlet-Frage weist indes auch auf die Situation der Kultur- und Kreativwirtschaft. Denn die haben die Pandemie-Einschränkungen stark gebeutelt. Das „Endlich-wieder-Kultur“ so vieler Besucher am Donnerstagabend entspricht einem „Endlich-wieder-Auftritte“ von Musikern und Bühnentechnikern. Auch darauf wies Insa Pijanka hin. Dank der Mittel von der „Kulturstiftung des Bundes“ sei ein Neustart der Kultur möglich.

Konzentriert: die Musikerinnen und Musiker aus Konstanz.
Konzentriert: die Musikerinnen und Musiker aus Konstanz. | Bild: Jörg Büsche

Der Neustart der Kultur gelingt auf dem Marktplatz

In Markdorf war der Neustart ein fulminanter. Das „To be, or not to be“ diente beim Konzert auch als thematische Klammer. Sebastian Schwab dirigierte Werke von Mendelssohn Bartholdy, Prokofjew, Verdi, Gounot, Korngold und Bernstein – und immer gab es einen Bezug zu Shakespeare-Stücken.

Sopranistin Valda Wilson bezauberte, zeigte seidenweiches Timbre und sang gänzlich entspannt. Genug Volumen hat ihre Stimme. Zudem den sicheren Rückhalt beim präzis spielenden Orchester. Die Südwestdeutsche Philharmonie meisterte delikate Prokofjew-Partien, wie es launigen Korngold spielte – oder Bernsteins Westside-Story-“Mambo“ abfeuerte.