Urteilt man nach dem Ansturm, sind Friseure systemrelevant: Seit feststeht, dass es ab 1. März wieder „Waschen-Schneiden-Föhnen“ heißen darf, klingelt bei den Haarmeistern unablässig das Telefon, sie werden per E-Mail oder über andere Medien um einen Termin gebeten. Kunden wie Friseure sind gleichermaßen erleichtert. Wie erging es ihnen, wie bekommen die Kunden einen Termin und kamen sie über die Runden?

Keine Überbrückungshilfe

Das Jahr war für Friseurmeister Ulrich Zipfel, der sein Geschäft in Untersiggingen in dritter Generation führt, kein Gutes. In den 90 Jahren des Bestehens sei nichts Ähnliches passiert. Besonders die verordnete Schließung vor Weihnachten „war für uns nicht glücklich“, sagt er. Es habe viele Versprechen staatlicherseits gegeben, „aber die Überbrückungshilfen kommen nicht an“. Für den Dezember gab es keine Unterstützung, da er knapp über der festgesetzten Einkommensgrenze lag.

Drei Generationen, ein Beruf (von links): Ulrich, Otto und Marius Zipfel.
Drei Generationen, ein Beruf (von links): Ulrich, Otto und Marius Zipfel. | Bild: privat

Dabei sieht er sich noch in guter Lage: „Unser alteingesessenes Geschäft ist abbezahlt und wir haben Rücklagen schaffen können. Jetzt müssen wir aber an die Reserven für die Altersvorsorge.“ Er hoffe, dass die Friseure nun dauerhaft geöffnet blieben.

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Die Zeit hat er fürs Aufräumen genutzt, um lang Liegengebliebenes aufzuarbeiten. Er fuhr viel Langlauf und Rad und schätzte es, dass er auf dem Land wohnt. „Wir hätten aber viel lieber gearbeitet“, sagt er dennoch.

1930 ist Josef Zipfel , der Großvater von Ulrich Zipfel, in die Handwerkerrolle eingetragen worden. Dieses Bild entstand etwa um 1944 und zeigt ihn, wie er seinen Soldatenkameraden die Haare schnitt. Die Aufnahme hatte Josef Zipfel seiner Frau als Postkarte geschickt.
1930 ist Josef Zipfel , der Großvater von Ulrich Zipfel, in die Handwerkerrolle eingetragen worden. Dieses Bild entstand etwa um 1944 und zeigt ihn, wie er seinen Soldatenkameraden die Haare schnitt. Die Aufnahme hatte Josef Zipfel seiner Frau als Postkarte geschickt. | Bild: privat
Im ehemals als rotes Haus bezeichneten Gebäude begann die Geschichte der Friseurfamilie Zipfel. Ulrich Zipfels Großvater Josef steht links, sein Vater Otto Zipfel zwischen den Frauen.
Im ehemals als rotes Haus bezeichneten Gebäude begann die Geschichte der Friseurfamilie Zipfel. Ulrich Zipfels Großvater Josef steht links, sein Vater Otto Zipfel zwischen den Frauen. | Bild: privat

Bereits wieder über Wochen ausgebucht

Mit der Öffnungs-Erlaubnis für Friseure kam der Ansturm. Er ist so groß, dass „Frisör Zipfel“ schon wieder über Wochen ausgebucht ist. „Das tut uns leid, dass wir die Kunden nicht alle zeitnah bedienen können, aber wir dürfen nicht so viele Plätze besetzen“, bedauert Ulrich Zipfel. Viele Kunden hätten Verständnis, nur selten bekam er den Unmut einiger weniger zu spüren. Manche seien weit über ein Vierteljahr nicht mehr beim Friseur gewesen. Da er solch einen großen Kundenstamm hat, konnte und kann er sie selbst gar nicht kontaktieren.

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„Die Leute rufen selbst an, seit Montag sind wir wieder am Telefon. Die ersten drei Tage läutete es ununterbrochen, wir sind fast nicht weggekommen, jetzt wird es ein bisschen ruhiger“, sagt Zipfel.

Desinfektions- und andere Hygienevorschriften werden auch von Patricia Beck-Lakatos penibel eingehalten.
Desinfektions- und andere Hygienevorschriften werden auch von Patricia Beck-Lakatos penibel eingehalten. | Bild: Christiane Keutner

Obwohl er alle Hygiene-Auflagen erfüllt hatte, hegt Ulrich Zipfel in gewisser Weise doch Verständnis für den Entschluss der Regierung, die Schließung anzuordnen, „hinterher sind alle schlauer“. Seine Mitarbeiter hat er im Januar und Februar in Kurzarbeit geschickt, im Dezember gab es Urlaub und Überstunden-Abbau. „Eines wird immer vergessen“, bedauert er: „Die Minijobber bekommen nichts, sie bleiben auf der Strecke. Wir haben das, so gut es ging, nach Absprache mit den Mitarbeitern mit Überstundenabbau geregelt.“ Sein Fazit: „Jammern bringt nichts, man muss schauen, dass man da durchkommt.“

Zweiter Lockdown schlimmer als der erste

Patricia Beck-Lakatos, Inhaberin von „Friseur- und Kosmetikwelt Rosaly“ in Markdorf, hätte nicht gedacht, dass sie ihr Geschäft im vergangenen Jahr ein zweites Mal schließen müsse. „Das zweite Mal war für mich schlimmer als das erste Mal, weil man nicht wusste, wie lange man durchhalten muss und wann es endlich aufhört. Man war Luft, es ist mir aufs Gemüt gegangen.“ Bei der ersten Schließung hatte sie noch mehr Reserven, die Überbrückungshilfen wurden schnell bezahlt. Jetzt aber sei die Beantragung zäh, man brauche einen Steuerberater. „Es ist schwieriger geworden und die Reserven dünner.“

Mit Signalstreifen hat Patricia Beck-Lakatos den Weg gekennzeichnet, damit ihre Kunden mit ausreichend Abstand zu ihrem Platz gelangen können.
Mit Signalstreifen hat Patricia Beck-Lakatos den Weg gekennzeichnet, damit ihre Kunden mit ausreichend Abstand zu ihrem Platz gelangen können. | Bild: Christiane Keutner

Die Hygieneauflagen empfand sie als extrem, „viel aufwändiger als bei den Ärzten“. Um den Abstand einhalten zu können, darf sie nur vier von neun Plätzen belegen. „Ich kann schon nachvollziehen, dass man die einen zumacht, die anderen nicht, aber wir haben so starke Auflagen und es wurde nicht nachgewiesen, dass Corona beim Frisör ansteckender ist. Man hätte auch in der Industrie dichtmachen müssen, das haben andere Länder auch getan, und nicht nur die kleinen Geschäfte.“ Ihre Mitarbeiter musste sie ebenfalls in die Kurzarbeit schicken.

Eine Woche Dauertelefonate

Eine Woche hat sie nun mit ihren Kunden telefoniert. „Jetzt bin ich durch mit meiner Liste. Ich habe versucht, fair zu sein: Diejenigen, die schon Termine hatten, kommen als erste dran.“ Danach hat sie nach Dringlichkeit geschaut, beispielsweise nach Kunden, die dringend ihre Haare färben müssen. „Man kann aber die zehn Wochen nicht aufholen, egal wie viel man arbeitet“, sagt sie. Deshalb öffnet sie erst mal nun auch montags, um den Ansturm abzufedern. Dass viele Kunden angerufen haben, ist der positive Aspekt: „Das freut einen schon, wenn man sieht, dass wir gefragt sind.“

Einige ließen sich die Haare „schwarz“ machen

Dass Corona dennoch weitreichende Folgen haben werde, dessen ist Patricia Beck-Lakatos sich gewiss: „Die einen lassen ihre Haare jetzt rauswachsen, die anderen färben sie sich selbst. Und ich habe von anderen gehört, dass sich viele auch die Haare haben schwarz machen lassen“, sagt Patricia Beck-Lakatos – und damit ist nicht die Farbe gemeint.

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Sehr geärgert haben sie die staatlichen Hilfen: Man bekomme einen Teil der Fixkosten ersetzt, aber Darlehen, die man fürs Geschäft aufnehmen musste und quasi wie eine Miete sind, nicht, kritisiert sie.

Patricia Beck-Lakatos: Als Unternehmer bleibt man auf der Strecke

Und auch Unternehmerlohn werde nicht gezahlt: „Ich habe mir ja auch etwas ausgezahlt, das gehört zu den Fixkosten, denn ich muss ja auch leben und meine Fixkosten wie Versicherungen, Strom, Gas, Wasser zahlen“, sagt die 42-Jährige. Jedenfalls sei sie froh, jetzt wieder arbeiten zu dürfen und hat Mitleid mit denjenigen, die ihre Geschäfte weiterhin zulassen müssen.

Alles ist schon auf Ostern abgestimmt. Marion Schweizer vom „Frisörladen“ in Markdorf und ihr Team stehen schon in den Startlöchern, damit ihre Kunden das Fest mit neuer Frisur feiern können.
Alles ist schon auf Ostern abgestimmt. Marion Schweizer vom „Frisörladen“ in Markdorf und ihr Team stehen schon in den Startlöchern, damit ihre Kunden das Fest mit neuer Frisur feiern können. | Bild: Christiane Keutner

Hin- und hergerissen ist auch Betriebswirtin Marion Schweizer, die mit ihrem Bruder Richard Gratwohl in Markdorf zwei Friseurgeschäfte betreibt: „Die Auflagen konnte man schon nachvollziehen, weil die Zahlen so gestiegen sind und es hat sich ja gezeigt, dass sie mit der Schließung der Läden wieder gesunken sind. Man muss zusammen helfen.“ Aber sind Ausnahmen fair? Russische Volleyballer durften reisen, in Friedrichshafen am Turnier teilnehmen und in einem Hotel wohnen, wo sie umsorgt wurden. „Da fragt man sich, ist das systemrelevant?“, sagt Schweizer.

Zu Beginn noch längere Öffnungszeiten

Auch sie ärgert sich über die sich hinschleppenden Hilfen und sie hatte auf eine frühere Öffnung gehofft. Die Kunden hatten sie per E-Mail und via Facebook angeschrieben, auf den Anrufbeantworter gesprochen und sie wurden auch bei Nichthinterlassen einer Nachricht zurückgerufen. Im Schaufenster kann man lesen, wie man an einen Termin kommt. Ab 1. März öffnen die zwei Geschäfte auch montags wieder und der Samstag wird verlängert, „sodass sich das Ganze entzerrt, dass nicht so viele Leute im Salon sind“.

Auf Abstand und mit Luftfiltern im Salon

Neu für die Phase nach dem zweiten Lockdown: Termine gibt es jetzt nur nach Anmeldung, wofür alle Kunden Verständnis zeigten, und es müssen 10 Quadratmeter pro Person eingehalten werden. Darüber hinaus wurden für die zwei Geschäfte bereits im Spätsommer funktionstüchtige Luftfilter erworben. „Es gab Tipps vom Fachverband, wir haben uns umfassend informiert, beispielsweise wie viele Luftfilter man für soundsoviele Quadratmeter benötigt, und richtig was investiert.“ Ende November wurden die Filter geliefert, kurz vor dem zweiten Lockdown. Nun sollen sie den Kunden, neben den bereits üblichen Hygienemaßnahmen, noch mehr Sicherheit geben.

Den Kunden hat Marion Schweizer mit einem Plakat im Schaufenster signalisiert, wie sie zu einem Termin kommen.
Den Kunden hat Marion Schweizer mit einem Plakat im Schaufenster signalisiert, wie sie zu einem Termin kommen. | Bild: Christiane Keutner

Die Mitarbeiter waren erneut in Kurzarbeit, eine Auszubildende konnte man vorschriftsmäßig erst nach sechs Wochen in Kurzarbeit schicken: Zudem musste sie wegen ihrer Zwischenprüfung im März an Modellen trainieren, was unter Einhaltung aller Hygienevorschriften erfolgte. Diese Aktion war beim Ordnungsamt angemeldet worden mit exakten Zeiten, wer wann kommt.

Ein finanzieller Kraftakt

Und wie ging es finanziell? „Wir haben den ‚Frisörladen im Hinterhof‘ renoviert, dafür hatten wir schon Rücklagen gebildet. Bis jetzt konnten wir uns über Wasser halten, aber länger hätte der Lockdown nicht mehr gehen dürfen“, sagt Marion Schweizer.