Natalia Solntseva spricht ein sehr gutes Deutsch. Doch noch besser spricht sie Englisch. „Englisch war meine erste Fremdsprache in der Schule, Deutsch dann die zweite“, erklärt die 22-Jährige. Seit wenigen Wochen unterrichtet sie Deutsch und Englisch am Markdorfer Bildungszentrum – in der sogenannten Vorbereitungsklasse für Kinder und Jugendliche, die des Deutschen noch nicht so mächtig sind, um dem Unterricht in den Regelklassen folgen zu können. „Lehrerin zu werden, das hab ich mir schon als Zehnjährige gewünscht“, strahlt die junge Frau mit den lila gefärbten Haaren, dem Sweater in gleicher Farbe und den lilafarbenen Fingerringen.

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Dem Krieg in der Ukraine entkommen

Nach dem Abitur habe sie dann beides studiert: englische und deutsche Philologie. Sie habe auch schon als Lehrerin gearbeitet, an Sprachenschulen in Mykolajiw. Mykolajiw liegt am Küstensaum des Schwarzen Meeres, dort, wo Bug und Inhul ins Meer münden. Dort, wo sich vor wenigen Tagen noch ukrainische und russische Truppen erbitterte Gefechte geliefert hatten.

Natalia Solntseva ist eine lebensfrohe junge Frau. Doch wenn sie über den Krieg in ihrem Heimatland spricht, klingt Verbitterung über ...
Natalia Solntseva ist eine lebensfrohe junge Frau. Doch wenn sie über den Krieg in ihrem Heimatland spricht, klingt Verbitterung über die Gräuel der russischen Armee durch. | Bild: Jörg Büsche

Seit Mitte März ist Natalia Solntseva in Deutschland. Zunächst sei es unmöglich gewesen, die Gegend um Mykolajiw zu verlassen. Die Brücken über Inhul und Bug waren gesperrt – kein Denken an Durchkommen. Dann sei es ihr aber doch noch gelungen. „Meine Mutter, meine Großmutter und die Katzen mussten dort bleiben“, erklärt sie. Ihr Lächeln, mit dem sie vom Sprachstudium spricht, von den Hürden der deutschen Grammatik, von den Beschwerlichkeiten, all die vielen Ausnahmen zu lernen, dieses Lächeln ist mit einem Mal wie weggewischt. Es wird im Laufe des Gesprächs noch öfters verschwinden. Mal wird es großem Ernst weichen, mal Traurigkeit, mal großem Zorn. Aber Natalia Solntsevas Lächeln wird immer wieder kommen. Zum Beispiel, wenn sie über ihre Arbeit als Lehrerin spricht. „Diese Kinder!“ sagt sie dann im Ton gespielten Ärgers und echter Nachsicht.

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Kinder in ihrer Klasse leiden unter Heimweh

Diese Kinder, Natalia Solntsevas Kinder, ihre insgesamt 22 Schüler, kommen alle aus der Ukraine. Sie sind im Alter zwischen zehn und 16 Jahren. Sie alle sind vor dem Krieg in ihrer ukrainischen Heimat geflohen. Sie alle konnten in deutschen Gastfamilien unterkommen, mit denen sie am Wochenende Ausflüge machen, mit denen sie Feste feiern und den Alltag teilen. Heimweh hätten sie trotzdem, sagt Solntseva. Und ganz allmählich dämmere es ihnen, dass es womöglich noch eine Weile dauern könnte, bis wie wieder zurück dürfen zu ihren Vätern, zu ihren Brüdern und Großeltern. Sofern die dann noch leben. „Ein Schüler von mir, ein Zwölfjähriger, kommt aus Mariupol“, erzählt Natalia Solntseva. Aber auch der wolle zurück. „Ich werde irgendwo in einem Keller wohnen“, zitiert die Lehrerin den Jungen nun auf Englisch. Immer, wenn sie besonders ergriffen ist, fällt sie ins Englisch. Dann findet sie mehr Worte. Auch fürs kaum noch Fassbare: für die Zerstörungen in Mariupol, für die Grausamkeiten, die aus den Kriegsgebieten berichtet werden, die sogar die hierher nach Deutschland Geflüchteten in Panik versetzen.

Ihr Traum: Als Sprachlehrerin die Welt bereisen

2018 sei sie schon einmal in Deutschland gewesen, als Touristin. Damals fasste sie den Entschluss, zurückzukommen, um in Deutschland als Sprachlehrerin zu arbeiten. In den Plänen der jungen Frau war die Bundesrepublik aber nur eine von mehreren Stationen. Denn unterrichten wollte sie auch in anderen Ländern oder gar auf anderen Kontinenten. „An Asien habe ich auch gedacht, an Südkorea zum Beispiel.“ Seit dem 24. Februar sind diese Pläne nur noch Makulatur – bis auf Weiteres zumindest. So hinfällig wie die noch im Januar getroffene Vereinbarung, in einer Familie in Weingarten ab September als Au-pair-Kraft zu arbeiten.

Natalia Solntseva in ihrer ersten Woche in der Klasse, wenige Wochen, nachdem sie in Deutschland angekommen war.
Natalia Solntseva in ihrer ersten Woche in der Klasse, wenige Wochen, nachdem sie in Deutschland angekommen war. | Bild: Nikola Löffler

Sie habe im Bus gesessen, als sie die Nachricht las, erzählt sie. „Natalia, wie geht es Dir, was ist los in der Ukraine? Gibt es Krieg?“ Sie habe die Frage da noch verwundert. „Seit 2014 ist Krieg bei uns, seit der Annektion der Krim, seit acht Jahren“, erklärt Natalia Solntseva. Sie redet wieder Englisch. Und sie blickt zornig, wenn sie an die seither fortdauernden Kämpfe in der Ostukraine erinnert. Die Fahrt im Bus war Mitte Februar. Wenige Tage später sei ihr klar geworden, was ihre künftige Au-Pair-Gastmutter in Weingarten meinte: die Invasion, die in Russland als militärische Spezialoperation in einer ehemaligen Sowjetrepublik bezeichnet wird.

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Bangen ums Leben der Familie zuhause

„Wir telefonieren jeden Tag“, erzählt die 22-Jährige. An jedem Morgen freue sie sich, wenn sie hört, dass die Wohnung in Mykolajiw noch intakt ist, dass es der Mutter und der Großmutter noch gut geht. „Sie hat gesagt, um sich selbst hat sie nur zehn Prozent Angst, aber wenn ich dort geblieben wäre, hätte sie sich immerzu zu 90 Prozent um mich gesorgt“, erzählt die junge Ukrainerin: „So sind Mütter wohl.“ Über ihre Familien sprechen sie stets, wenn sich Natalia Solntseva mit ihren ukrainischen Freundinnen und Bekannten aus Weingarten, aus Ravensburg oder aus der Markdorfer Gegend trifft. Auch über Politik werde gesprochen, aber auch über anderes. „Wir fahren gemeinsam an den See oder wir fahren nach Konstanz oder nach Friedrichshafen.“ Der Wunsch nach Normalität besteht.

Natalia Solntseva hat für ihre Schüler Gratis-Comics aus der BZM-Bibliothek mitgebracht.
Natalia Solntseva hat für ihre Schüler Gratis-Comics aus der BZM-Bibliothek mitgebracht. | Bild: Jörg Büsche

Nein, sie dürfe sich nicht beklagen, sagt sie. Ihr gehe es gut und sie habe Arbeit. Sie könne Geld zu ihren Verwandten in der Ukraine schicken und sie könne sogar glücklich sein bei ihrer Arbeit mit den Kindern in der Vorbereitungsklasse. Natalia Solntsevas strahlende Augen kippen aber wieder in Kälte, wenn sie über die Zukunft in der Ukraine und das Verhältnis zu Russland spricht. „Nein, an eine Aussöhnung kann ich im Moment nicht glauben“, sagt sie auf Englisch. Dafür seien die Verhältnisse zu verschieden. „Wir kämpfen für unsere Freiheit, für eine demokratische Ukraine, für die Menschenrechte.“ Während in Russland für eine imperiale Idee gefochten werde: unmenschlich und mit aller Härte, sagt die junge Lehrerin.

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