Herzen, die im gleichen Takt schlagen. Verbindung ohne Worte. Leben im Moment. Es ist gar nicht so einfach, in Worte zu fassen, was das Tanzen für den Tänzer bedeutet. Für die einen ist die Tanzfläche ein Ort der Zuflucht oder des Vergessens. Andere haben ihr Herz dort verloren.

Vielleicht haben sie aber auch genau das gefunden, wonach sie lange gesucht haben. So oder so ist die Tanzfläche ein Ort, der mit Emotionen verbunden ist. Leidenschaft, Freude, Trauer – eine Vielfalt an Gefühlen kann auf dem Parkett ausgelebt oder zelebriert werden.

In der Tanzfabrik kämpft man immer noch mit der Bürokratie

Steffen Hartwig betreibt die Tanzfabrik Bodensee zusammen mit seiner Frau Candy. Sie haben sich mit sechs Jahren kennengelernt und tanzen seitdem zusammen. Ihm ist die Erleichterung über die Wiedereröffnung seiner Tanzschule deutlich anzusehen.

Die Inhaber der Tanzfabrik Bodensee, Steffen Hartwig und seine Frau Candy, haben sich im Alter von sechs Jahren kennengelernt. Seitdem tanzen sie gemeinsam durch das Leben. Bild: Photo Art Hund
Die Inhaber der Tanzfabrik Bodensee, Steffen Hartwig und seine Frau Candy, haben sich im Alter von sechs Jahren kennengelernt. Seitdem tanzen sie gemeinsam durch das Leben. Bild: Photo Art Hund | Bild: Photo Art Hund

Doch der Weg dahin war nicht leicht. „Wir haben viel mit der Bürokratie zu kämpfen. Es war ein heilloses Durcheinander, weil anfänglich auch niemand wusste, wie eine Tanzschule einzustufen ist. Keiner war sich sicher, ob wir nun zu Kultur, Sport oder Vergnügungsstätten zählen.“ Zwischenzeitlich wurden sie als Volkshochschule eingestuft und durften wieder ihrer Arbeit nachgehen, seit Anfang Juni jedoch zählen sie wieder zu den Sporteinrichtungen mit den damit verbundenen Vorgaben.

Während des Lockdowns hatten die Tanzschüler die Möglichkeit, via Online-Unterricht weiter an den Tanzkursen teilzunehmen.
Während des Lockdowns hatten die Tanzschüler die Möglichkeit, via Online-Unterricht weiter an den Tanzkursen teilzunehmen. | Bild: Sonja Ruess

Mittels Online-Unterricht wurden während des Lockdowns Tanzarten wie Ballett, Kindertanz, Hip-Hop oder Paartanz angeboten. Viele der Tänzer waren froh, dass sie die Möglichkeit hatten, trotzdem weiter zu tanzen und hätten das Online-Angebot gerne genutzt, sagen die Hartwigs. Andere wiederum konnten damit nichts anfangen, sei es aus technischen Gründen oder weil die Räumlichkeiten zu Hause nicht gegeben waren.

Kunden unterstützten die Tanzfabrik auch im Lockdown

„Einige der Kunden, die das Online-Angebot überhaupt nicht genutzt haben, haben aber trotzdem weiter Beiträge gezahlt, einfach um uns zu unterstützen, damit wir nach Corona auch noch da sind. Das war wirklich klasse. Ohne unsere treuen Tanzschüler hätten wir das alles niemals geschafft“, bekennt Hartwig.

Die Tanzschüler Diane und Tobias Straub checken vor Kursbeginn in der Luca-App ein, um eine sichere Kontaktverfolgung gewährleisten zu können.
Die Tanzschüler Diane und Tobias Straub checken vor Kursbeginn in der Luca-App ein, um eine sichere Kontaktverfolgung gewährleisten zu können. | Bild: Sonja Ruess

Um am heutigen Abend überhaupt einen Tanzkurs abhalten zu können, müssen strenge Hygienekonzepte eingehalten werden. Die Tanzschüler warten mit Maske und gesetzlichem Mindestabstand vor der Tanzschule und werden von Tanzlehrerin Candy Hartwig zu ihrem Kurs abgeholt. Erst nachdem der vorherige Kurs das Gebäude verlassen hat, dürfen sie eintreten.

Am Eingang der Tanzfabrik Bodensee in Markdorf müssen vor Kursbeginn die Hände desinfiziert und die Kontaktverfolgung über die Luca-App gestartet werden.
Am Eingang der Tanzfabrik Bodensee in Markdorf müssen vor Kursbeginn die Hände desinfiziert und die Kontaktverfolgung über die Luca-App gestartet werden. | Bild: Sonja Ruess

Jeder Teilnehmer muss einen zertifizierten negativen Corona-Schnelltest vorweisen oder vor Ort einen machen. Die Kontakte werden über die Luca-App oder die Corona-Warn-App erfasst und die Hände müssen am Eingang desinfiziert werden. Auf dem Boden befinden sich Abstandsmarkierungen, innerhalb derer sich die Tänzer aufhalten dürfen, sodass jeder Tänzer zwölf Quadratmeter Platz hat.

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Die Fenster bleiben während des ganzen Kurses geöffnet und die Lüftungsablage ist auf Abzug gestellt, damit die Luft direkt nach draußen geht. Wer neu ist, bekommt das Hygienekonzept ausgehändigt und muss es unterschreiben. Doch sind diese Hürden erst einmal geschafft, kann es endlich losgehen.

Nach der langen Pause ist die Stimmung euphorisch

Die Atmosphäre ähnelt ein bisschen wie der einer Schulklasse nach den Sommerferien. Aufgekratzt und euphorisch betreten die Tanzschüler nach langer Zeit zum ersten Mal wieder den Kursraum. Alle reden durcheinander und es wird sich überschwänglich und mit lautem Lachen begrüßt – aber mit Abstand.

Es bedarf keiner Wort: Die Verbindung eines Tanzpaares zueinander ist etwas ganz Besonderes.
Es bedarf keiner Wort: Die Verbindung eines Tanzpaares zueinander ist etwas ganz Besonderes. | Bild: Sonja Ruess

Candy Hartwig beginnt den Kurs, indem sie erst einmal ausführlich über die Hygienevorschriften während des Kurses aufklärt. Die Teilnehmer des Tanzkreises, der mittlerweile schon seit zwei Jahren tanzt, sind ganz hibbelig und können es kaum erwarten, endlich loszulegen. Als dann die Musik ertönt, hält sie nichts mehr an Ort und Stelle. So lange haben sie auf diesen Moment gewartet.

Von Jive über Rumba bis hin zu Tango: Wer gerne eine flotte Sohle auf das Parkett legen möchte, ist in der Tanzfabrik Bodensee am richtigen Platz.
Von Jive über Rumba bis hin zu Tango: Wer gerne eine flotte Sohle auf das Parkett legen möchte, ist in der Tanzfabrik Bodensee am richtigen Platz. | Bild: Sonja Ruess

Zu einem flotten Jive flitzen die Teilnehmer über das Parkett, ein Gesicht strahlender als das andere. Candy Hartwig geht umher, korrigiert hier und da und beginnt dann, jeweils den Damen- und Herrenschritt noch einmal einzeln zu erklären.

Für die Tänzer in der Tanzfabrik bedeutet ihr Hobby Lebensqualität

Es wird viel gelacht und gescherzt. Damen und Herren nehmen sich gegenseitig auf die Schippe und wetteifern, wer hier wohl die Führung hat. Für jeden, der den Raum betritt ist sofort klar: Diese Menschen sind in ihrem Element. Für sie ist Tanzen Lebensqualität.

Emotion pur: Melanie und Thomas Bergmann sind auch beim Tanzen ein eingespieltes Team.
Emotion pur: Melanie und Thomas Bergmann sind auch beim Tanzen ein eingespieltes Team. | Bild: Sonja Ruess

Melanie und Thomas Bergmann sind von Anfang an mit dabei. Sie haben in der Zeit des Tanzverbots weiterhin zu Hause am Online-Unterricht teilgenommen, aber das Tanzen in der Gruppe hat ihnen „wahnsinnig“ gefehlt, sagen sie. „Wir sind sehr glücklich, alle Tanzkollegen hier endlich wieder in live sehen zu können. Das Miteinander und das Lachen haben wir sehr vermisst“, berichtet Melanie Bergmann.

Barbara Bäder und Harald Betting tanzen seit zwei Jahren. Für sie als Paar spielt das Tanzen eine wichtige Rolle, um vom Alltag abschalten zu können.
Barbara Bäder und Harald Betting tanzen seit zwei Jahren. Für sie als Paar spielt das Tanzen eine wichtige Rolle, um vom Alltag abschalten zu können. | Bild: Sonja Ruess

Auch Barbara Bäder und Harald Betting sind sich einig: Tanzen verbindet. „Für uns ist unser Tanz-Tag exklusive Paarzeit außerhalb von den alltäglichen Kinderthemen. Wir kommen mal raus und können abschalten“, freut sich Barbara Bäder.

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Kein Online-Unterricht kann das Gemeinschaftsgefühl ersetzen

Diane und Tobias Straub schließen sich dem an: „Der Online-Unterricht ist einfach kein Ersatz für das Gemeinschaftsgefühl, das man hier im Tanzunterricht hat.“ Als der Kurs beendet ist, versammeln sich die glücklichen Teilnehmer draußen im Freien vor der Tanzschule. Ihre erste gemeinsame Stunde möchten sie nämlich noch gebührend mit einem Feierabend-Getränk ausklingen lassen. So, wie vor der Pandemie.