Herr Möller, eigentlich hatten wir uns dieses Gespräch anders vorgestellt. Nun sitzen wir – zugegebenermaßen beide Neulinge in dieser Sache – an zwei Bildschirmen und unterhalten uns per Skype. Über den Markdorfer Chor wollten wir plaudern, und plötzlich rücken manche Themen in den Hintergrund. Trotzdem geht das Leben weiter und man muss neue Formen des Zusammenkommens finden. Wie findet in Zeiten der Corona-Krise der Austausch mit ihren Schülern im Allgemeinen und den Frauen des Markdorfer Chors im Besondern statt?

Na ja, so wie mit Ihnen auch. Jetzt hatten wir erst mal Pause. Und jetzt nutze ich diese ganzen neuen Tools. Darüber arbeite ich auch mit meinen Studenten. Und darüber lässt sich ganz gut Einzelunterricht abhalten. Aber gruppenweise so zu unterrichten, ist völlig aussichtslos. Im Moment kann also keine Chorprobe stattfinden.

In diesem Jahr steht das zehnjährige Bestehen des Chors an. Da soll es gewiss ein ausgedehnteres Programm geben, das bis zum Konzert im Herbst einstudiert werden muss. Lässt sich das überhaupt aufholen?

Ja, es ist nicht nur ausgedehnt, sondern auch um einige schwierige Stücke erweitert. Darunter sind auch achtstimmige Stücke, sogar eines mit neun Stimmen. Bei 16 Frauen, wo immer mal eine fehlt, ist das Proben nicht so einfach. Heute kam die Frage, ob das Konzert im Herbst überhaupt stattfindet. Ich kann dazu momentan nichts sagen, weil wir noch keinen Überblick haben, was da so in den nächsten Monaten auf uns zukommt. Was ich allerdings sehr positiv feststelle, ist, dass die Vereine, mit denen ich arbeite, aber auch die Sänger und Schauspieler, von den Veranstaltern nicht hängen gelassen werden. Das finde ich sehr wichtig.

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Das wäre genau meine nächste Frage: Was bedeutet diese Krise für Sie persönlich als Opernsänger?

Ich kann jetzt nicht zu meinen Kollegen sagen: Wisst ihr was, wir arbeiten jetzt einfach mal nichts. Und in drei bis vier Monaten machen wir wieder weiter. Das funktioniert nicht. Die Schauspielhäuser wollen natürlich mich und meine Kollegen behalten und sorgen und kümmern sich um uns. So ist das mit den Chören auch. Man muss sich kümmern. Es ist jetzt so, wie es ist. Und wenn es wieder besser ist, müssen wir sehen, wie es weiter geht.

Arbeiten Sie für diese Zeit schon vor?

Ich hab jetzt quasi einen ganzen Monat frei, aber nur in dem Sinne, dass ich nicht physisch da bin. Natürlich mache ich in der Zeit was für den Chor. Das ist klar. Danach werden wir das aber in ganz strengen Probenwochenenden irgendwie einholen müssen. Da kommen wir nicht drum rum.

Sie bereiten auch Schüler aufs Studium vor, die später damit Geld verdienen wollen. Was sind die Ansprüche, die Sie an einen Freizeitchor haben?

Man unterschätzt das, was es heißt, Menschen an eine Stimme zu bringen, und nicht nur die, die später mal damit Geld verdienen wollen. Das gilt auch für einen kleinen Chor. Gerade bei der Auswahl der Literatur und bei vielstimmigen Stücken muss man überlegen, wer kriegt welche Stimme. Schafft diejenige das? Weil sie pro Stimme ja nur zu zweit sind. Für die Frauen ist das in dieser Hinsicht eine ganz neue Erfahrung.

Ein Chorleiter und 16 Frauen. „Das sollte man als Dirigent nicht unterschätzen“, sagt Thomas Möller scherzhaft. Bild: Verein
Ein Chorleiter und 16 Frauen. „Das sollte man als Dirigent nicht unterschätzen“, sagt Thomas Möller scherzhaft. Bild: Verein | Bild: Ton in Ton

Was sie stimmlich können, kriegt man relativ bald raus. Was sie aber als Künstlerinnen liefern können, das ist nochmals eine ganz andere Geschichte. Das wird auch noch sehr spannend. Das ist ein Ausprobieren und ein vorsichtiges sich Herantasten. Manchmal muss ich mit Nachdruck dran bleiben. Ich sag in den Proben immer: Seid doch einfach mal frecher! Und da merken die Frauen, dass da eine ganze Menge geht.

Ist es schwieriger, ausschließlich mit Frauen zu arbeiten, als mit einem gemischten Chor?

Das sind beim Markdorfer Chor alles gestandene Frauen, durch die Bank weg. Das sollte man als Dirigent nicht unterschätzen. (lacht)

Wie ist Ihre Strategie? Feingefühl oder Direktheit?

Ich bin sehr unverblümt. Das ist so meine Art, denn alles andere nützt nichts. Ich hab‘ den Frauen nach den ersten Eindrücken gesagt, was ich so höre und was ich meine. Und nach ein paar Wochen haben wir schließlich begonnen, miteinander zu arbeiten. Man muss natürlich sehr vorsichtig sein. Denn man tritt in die Fußstapfen einer anderen Chorleiterin. Manche trauerten ihr auch noch nach. Man kann nicht gleich mit dem Hackebeilchen rein hauen. Aber so Stück für Stück haben wir was Neues dazu genommen, und ein paar alte Stücke habe ich verändert. Das hat den Frauen viel Spaß gemacht.

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Wo möchten Sie noch hin mit dem Chor? Was sind Ihre Ziele? Oder etwas kürzer gedacht: Was wünschen Sie sich für dieses Jahr, das einerseits im Zeichen des Zehnjährigen steht und andererseits im Zeichen der Corona-Krise?

Für dieses Jahr wünsche ich mir, dass erst mal alle gesund bleiben. Das ist das Allerwichtigste. Und dann wünsch ich mir natürlich, dass wir aus dieser Situation, die wir derzeit haben, vielleicht ein bisschen anders herausgehen. Dass dieses permanente „Man kommt auf den letzten Drücker“ oder „Man ist so überarbeitet“ oder „Man hat zu viel um die Ohren“, dass sich hier die Einstellung und das Bewusstsein ändert.

Hat die Krise für Sie persönlich heute schon etwas verändert?

Also im Moment empfinde ich die Entschleunigung als eher angenehm. Ich glaube, das geht Vielen so. Das habe ich auch schon in anderen Gesprächen mitbekommen. Um nochmals auf die vorherige Frage zurückzukommen: Für die Frauen wünsche ich mir, dass sie mit ihrem Konzert eine Idee davon kriegen, was sie als Chor noch so alles erreichen können und was alles möglich sein kann, wenn jede ihre eigenen Möglichkeiten entdeckt. Das müssen sie natürlich wollen. Denn ich kann es nicht erzwingen. Und natürlich, dass sie viel Spaß haben.

Dann kann Singen also auch den persönlichen Horizont weiten und das Wohlbefinden steigern?

Ja, das ist meine Erfahrung. Singen hat etwas Heilendes. Sänger werden alt, sind sehr gesund, weil sie den ganzen Tag schnaufen und atmen. Und weil sie sich auch emotional mit etwas beschäftigen, egal, ob mit etwas Traurigem oder Schönem, und dadurch auch sich selbst reflektieren. Das ist etwas, das heute leider immer mehr verloren geht.