Vier der sechs Angeklagten waren am 23. Mai 2018 um 4 Uhr morgens in ein Markdorfer Wohnhaus eingebrochen, hatten dort ein Paar und den Sohn im Schlaf überrascht, sie mit Pistole und Messern bedroht, später gefesselt und auf der Suche nach Schmuck und Geld das ganze Haus durchsucht.

Unter der Tat leiden die Geschädigten bis heute. Die Entschuldigung eines Angeklagten hörte sich die 54-jährige als Zeugin Geladene nur kurz an, entgegnete „Sie haben die Wohnung ausgekundschaftet. Hören Sie auf“, und wandte sich wieder ab, sodass der Anwalt eines weiteren Angeklagten dessen gleiche Absicht im Keim erstickte, weil er die Frau nicht bedrängen wollte.

Ihre Reaktion und Erläuterungen zeigten, wie bedeutungslos ein materieller Verlust im Vergleich zu den psychischen Folgen ist, für die sie sich Hilfe von der Seite der Kriminalpolizei gewünscht hatte. Diese fand sie schließlich beim Weißen Ring: Eine Mitarbeiterin hatte sie zur Verhandlung begleitet, ein Mitarbeiter trat als Nebenkläger auf.

Schilderung der Tatnacht

Die Geschädigte schilderte detailliert die Vorgehensweise der Angeklagten. Aufgewacht durch ihren um 2 Uhr heimkehrenden Sohn hatte sie noch etwas gelesen und war dann wieder eingeschlafen. Als sie erneut aufwachte und Stimmen hörte, war sie der irrigen Meinung, der Sohn habe wie öfters einen Kumpel zum Übernachten mitgebracht. Doch in der Tür stand ein großer, maskierter Mensch, der sie angegriffen habe. Zweimal konnte sie um Hilfe schreien, worauf der Mann ihr dann heftig den Mund zugehalten und sie dabei etwas gewürgt hatte. „Passiert nichts. Wir wollen nur Geld“, habe er in gebrochenem Deutsch gesagt.

Hunderte Mal hatten sie auch den mit Stirnleuchten ausgestatteten drei anderen Männern versichert, dass es keinen Safe gebe. Im Flur mussten sich die drei auf den Boden kauern und wurden mit der Pistole in Schach gehalten. Zwei seien beschäftigt gewesen, das Haus auseinander zu nehmen. Erleichtert war die Frau, als sie drei Uhren fanden, die einmal als Wertanlage gekauft worden waren. „Der Große ist fast eskaliert, da er den wohl von jemandem versprochenen Safe nicht gefunden hatte. Er hatte auf den Schrank eingedroschen und ich dachte, jetzt ist Sense hier!“ In ihrer Not hatten sie unter anderem noch auf den Inhalt eines Spielkässchens und zweier Geldbeutel verwiesen; rund 700 Euro kamen so zusammen.

Mit Klebeband gefesselt

Schließlich hatten die Täter Klebeband aus ihrem Rucksack geholt und sie aneinandergefesselt. Groteskerweise sei das Klebeband öfter abgerissen und sie hatten sich noch darüber unterhalten, ob sie das selbst mitgebrachte oder das im Haus gefundene benutzen sollten. Der Sohn hatte eine Verletzung am Bein. „Pseudofreundlich sagten sie zum fesselnden Kollegen, pass auf, das tut ihm weh“.

Einer, den sie wegen seines Shirts mit Markensymbol Nike-Täter nannte, hatte noch zum 19-Jährigen gesagt „Spielst Du auch? Fang bloß nicht an zu spielen, das macht süchtig.“ Er sei der kommunikativste gewesen und er habe auch zu ihnen gesagt „Ist wie versteckte Kamera“. Zwei Täter waren eher Ausführende, den größten bezeichnete sie als Chef, der sagte, was zu tun sei. Wie eine Entschuldigung mag die Erklärung anmuten, als einer sagte, man müsse sie anbinden, weil sie ein bisschen Zeit zum Verschwinden bräuchten. „Sie sind dann vorne durch die Tür raus, als ob sie hier wohnten, und haben sie zugeklatscht.“ Das Ganze habe annähernd eine Stunde gedauert. Der Sohn konnte sich schnell befreien und die Polizei mit einem übersehenen Handy informieren. Festnetz und Handys fanden sich später unter den Sofakissen wieder.

Traumatisches Erlebnis

„Mein Leben ist nicht mehr das, was es vorher war“, sagte sie. Sie fühle sich nicht mehr sicher, sei in ihrem Ur-Vertrauen heftig verunsichert. Keine Nacht schlafe sie mehr durch, habe öfters flashs und stehe neben sich. Es gebe Tage, an denen sie merke, es gehe nichts mehr. Im Haus, das nun mit elektrischen Rollladen versehen wurde und ein Ort der Geborgenheit sein solle, fühle sie sich nicht mehr sicher, die Terrasse werde abends nicht mehr benutzt, zum Entspannen ginge sie abends mit ihrem Mann aus. Die Frau wusste um die kosovanische Herkunft der Angeklagten durch eigene Mitarbeiter.

Um wieder ins Lot zu kommen – rund 40 Tage konnte sie insgesamt nicht mehr arbeiten -, hatte sie zunächst drei Therapiesitzungen, mit der Therapeutin jedoch vereinbart, dass sie die Verhandlung abwarten wolle, um das Geschehen danach gründlich aufzuarbeiten.

Weniger Lebensqualität

Befragt nach ihrem Sohn, meinte sie, er gebe sich cool, nach dem Motto, es sei ja körperlich nichts passiert. Er spreche nicht über den Vorgang, aber er lege nachts ein Messer auf seinen Nachttisch. Auch ihr Partner schlafe schlecht; man sei noch lange nicht durch mit dem Thema. Die Therapeutin hatte unter anderem innere Unruhe, Bewegungsdrang, Konzentrationsmangel, Gereiztheit und Übersprungshandlungen als Folgen der posttraumatischen Belastungsstörung attestiert. Die Lebensqualität sei gesunken, auch auf gutgemeinte Nachfragen nach ihrem jetzigen Befinden wolle die Geschädigte von niemandem angesprochen werden. Wenn sie heute die kosovanische Sprache höre, fühle sie sich unwohl.

Weitere Taten bezeugt

Dass die Angeklagten auch weitere Einbrüche in unbewohnte wie bewohnte Häuser verübt hatten, bezeugte ein Landsmann aus Bocholt. Er hatte die Männer in einem Café kennengelernt und die Taten mitbekommen, die als „Arbeit“ bezeichnet wurden. Von ihm stammt das Auto, das sie sich von senen Eltern für die Fahrt in den Süden geliehen hatten, während er, so seine Aussage, im Kosovo urlaubte. Er wusste von Einbruchswerkzeug wie Schraubendreher, Brecheisen und „Hitler-Waffe aus der deutschen Reichszeit“, bekam mit, dass sie einen „Arbeitsauftrag“ im Süden bekommen hatten und wusste um Einbrüche in Bocholt, unter anderem „bei einer alten Oma“.

Von Richter Bonath nach der Aufgabenverteilung befragt, benannte er einen der Angeklagten. Dieser habe sich gebrüstet, er sei der beste „Brecher“ und dass er die unüberwindbaren Sachen überwindbar mache. Er sei der Mentor gewesen, die anderen hätten von ihm gelernt, einer sei der Lehrling gewesen. Ein anderer habe demonstriert, wie man mit einem Akkuschrauber Fenster öffne und gemeint, er sei der Bessere.

Drogen und eine Waffe

Der Zeuge wusste auch um den Konsum von Drogen und Alkohol. „Die waren immer mit im Spiel.“ Ein Foto, das, so der Richter, „weißes Pulver“ zeigte, untermauerte das. Weitere Handy-Fotos und -Videos belegten den Besitz der Waffe und zeigten einen der Angeklagten beim Geld zählen unmittelbar nach einem Einbruch. Der grinste angesichts seines Porträts in sich hinein.

Dass die Waffe echt sei, vermutete der Zeuge: „Er (einer der Angeklagten, Anm.d. Red.) hat ja nicht so einen angenehmen Job, da braucht er wohl die Waffe.“ Und er habe mitbekommen, dass dieser die Pistole an Sylvester ausprobieren wollte, vom Kollegen jedoch mit dem Hinweis, man brauche die Munition noch, gestoppt worden war.

Ermittlungsakte mit 1600 Seiten

Von sechs weiteren, sehr ähnlichen (Raub)-Überfällen berichtete ein Polizist aus dem Kreis Borken/Nordrhein-Westfalen. „Die waren für uns komplett neu, deshalb haben wir eine Ermittlungskommission eingesetzt.“ Mitte Juni erhielten sie die Info über einen ähnlichen Fall in Baden-Württemberg und die Festnahmen. Die Kollegen schlossen sich kurz. Bei der Durchsuchung zweier Wohnungen der Festgenommenen stellten sie Diebesbeute aus drei Raubüberfällen sicher. 1600 Seiten umfasst ihre Ermittlungsakte. Eine Anklage gebe es noch nicht; sie werde vermutlich diesen Monat erhoben.

Ob die Pistole scharf war oder nicht, sei nicht geprüft worden, beantwortete der Polizeibeamte die Nachfrage des Staatsanwaltes; für ihn sei sie und die 9 Millimeter-Munition augenscheinlich scharf gewesen. Die Waffe konnte nicht sichergestellt, das 70 bis 80 Jahre alte Modell aber aufgrund einer Zeugenaussage eines Geschädigten herausgefunden werden.

Erschwert waren Recherchen auch, weil sich einer der Angeklagten, der wegen Wohnungseinbrüchen Meldungauflagen hatte, einen falschen Namen zugelegt hatte.

Zwei Obversationen ergaben, dass sich die Angeklagten in Dürnast eingemietet und die Gegend erforscht hatten. Unter anderem hatten sie eine Stunde in Deggenhausertal Waldwege und Parkplätze angefahren, sie hatten im Baumarkt im Bodensee-Center in Friedrichshafen Kabelbinder, Staubmasken, Teppichmesser und Klebeband gekauft.

Der Prozess wird am Freitag, 15. Februar, fortgesetzt.