Die Musikfreunde Markdorf, stets gut für Überraschungen, haben bei ihrem Konzert in der Stadthalle das Publikum zum Staunen gebracht. Nicht weil Chor und Orchester des Vereins seit Langem einmal wieder gemeinsam aufgetreten ist. Denn alsbald sollte sich zeigen, dass sich Gesang und Instrumentalmusik derart geschlossen fügten, als musizierten die beiden Gruppen beständig gemeinsam.

Das könnte Sie auch interessieren

Nein, das Überraschende war das Thema des Abends. Es lautete „Alles hat seine Zeit“. Mithin war ein überaus weites Feld betreten. Üblicherweise für Physiker und für Philosophen, ebenfalls für Literaten, offenbar aber auch für Komponisten – wie sich am Sonntagabend sehr schnell zeigen sollte.

„Das Thema Zeit geht uns doch alle an, berührt uns. Wir denken doch, wir hätten keine Zeit. Und die Texte passen gut zur Musik. ...
„Das Thema Zeit geht uns doch alle an, berührt uns. Wir denken doch, wir hätten keine Zeit. Und die Texte passen gut zur Musik. Eine gelungene Auswahl. Ein schöner Abend.“ – Angelika Hodapp, Konzertbesucherin aus Frickingen-Bruckfelden | Bild: Jörg Büsche

Chor glänzt mit Darbietung von „Das Gläut zu Speyer„

Um 20 Uhr stand jedoch immer noch kein Chor auf der Bühne. Das Unruhigwerden des Publikums verhinderten die hohen Temperaturen in der Halle. Dann tönte es aber doch. Erst zaghaft, dann immer lauter, schwungvoller. Die Klänge wanderten von hoch nach tief. Auf der Tonleiter wie im Stadthallengebäude: Denn der Chor der Musikfreunde sang von der Empore herab.

„Einfach viel trinken – sonst hilft nichts bei diesen Temperaturen auf der Bühne und nicht an die Hitze denken.“ ...
„Einfach viel trinken – sonst hilft nichts bei diesen Temperaturen auf der Bühne und nicht an die Hitze denken.“ – Annette Meschnig, Sängerin bei den Musikfreunden | Bild: Jörg Büsche

Trafen die Klöppel aufs Metall? Keineswegs – das „Kling“, das „Klang“, das dunkle „Bom, Bom“ wurden gesungen. Bald schon entstanden jene Effekte, die der am Fuß des Glockenturms Lauschende hört, wenn sich die von droben an sein Ohr dringenden Schallwellen überlagern. „Das Gläut zu Speyer“ heißt das Stück.

Trotz der hohen Temperaturen zum Konzert gekommen: das Publikum des Zeit-Konzerts.
Trotz der hohen Temperaturen zum Konzert gekommen: das Publikum des Zeit-Konzerts. | Bild: Jörg Büsche

Von Ludwig Senfl bis Joseph Haydn

Andere Stücke folgten: Sie sprechen „Gedanken über die Zeit“ an. Sie greifen Redensarten auf wie „Alles hat seine Zeit“. „Heute hier morgen da“, einem Schlager aus dem leichten Fach, wusste der Chor mit feinem Ausdruck und ausgewogener Vielstimmigkeit schöne Facetten, sogar Tiefe zu geben. Die Komponisten waren teils vergessen, wie jener Ludwig Senfl aus dem frühen 16. Jahrhundert, teils wenig bekannt, wie Peter Schindler mit seinen „Gedanken zur Zeit“. Doch es fanden sich auch bekannte Namen auf dem Programm, etwa Joseph Haydn, von dem es neben „Alles hat seine Zeit“ auch „Der Augenblick“ zu hören gab.

„Ein wunderbarer Einfall, diese Kombination aus nachdenklichen oder heiteren Texten, gespielten Szenen und Musik. Und all das ist ...
„Ein wunderbarer Einfall, diese Kombination aus nachdenklichen oder heiteren Texten, gespielten Szenen und Musik. Und all das ist sehr gut gespielt.“ – Lucia Werner, Konzertbesucherin aus Hagnau | Bild: Jörg Büsche

Chorleiter und Orchesterdirigent planten Programm gemeinsam

„Nur ein günstiger Augenblick“, so heißt es in Haydns Lied, „bringt das Glück“. Was Karl Wilhelm Ramler, der den Text schrieb, auf Liebende bezieht, gilt selbstverständlich auch für Musikliebhaber und -freunde. Hier war es wohl Chorleiter Uli Vollmer, der den günstigen Augenblick nutzte. Die Zufallsbegegnung mit der Ludwig-Senfl-Komposition brachte ihn auf den Einfall, ein ganzes Programm zum Thema Zeit zu gestalten, erzählte er. Mit Orchesterdirigent Johannes Eckmann fand er einen begeisterten Mitstreiter, der neue Ideen beisteuerte. Zum Beispiel, die Sinfonie Nr. 90 von Haydn zu spielen. Eindrücklich wie hier mit Zeit verfahren wird, wie elegant die Tempi wechseln. Und das Orchester spielte das Stück so überzeugend, dass sich synästhetische Eindrücke einstellten. Es entstanden Bilder, die an ungemähte Wiesen erinnern, über die Schmetterlinge taumeln. Und der Sog der Hörner brachte sogar Wind und angenehme Kühle in die davor stickige Halle.

Johannes Eckmann dirigiert das Orchester der Musikfreunde Markdorf.
Johannes Eckmann dirigiert das Orchester der Musikfreunde Markdorf. | Bild: Jörg Büsche

Opernsängerin Anuschka Schoepe reißt Publikum mit

Die oben erwähnte Symbiose zwischen Chor und Orchester wurde noch erweitert. Wenn Pianistin Andrea Kahlo-Ringendahl die Sänger mit drängenden Stakkati vorantrieb. Wenn Sopranistin Anuschka Schoepe „Morgen“, „Mittag“, „Abend“ und „Nacht“ aus Telemanns Kantatenzyklus sang oder wenn sie an anderer Stelle den Mond sich sanft auf Wellen spiegeln ließ, Zeit mit Raum verschränkt, dabei mitgetragen wurde von den Musikfreunden – und hernach wohlverdient bejubelt vom Publikum.

Opernsängerin Anuschka Schoepe reißt das gesamte Publikum mit.
Opernsängerin Anuschka Schoepe reißt das gesamte Publikum mit. | Bild: Jörg Büsche

Moderator unterhält mit schauspielerischen Einlagen

Begeistert waren die Zuhörer auch von Julian Stumpp. Der junge Schauspieler moderierte den Abend – mal launig, mal tiefsinnig. Und zwischendurch spielte er kleine Szenen zum Thema Zeit, die bei alldem verging wie im Nu. War es doch ein eindrucksvoller Abend.

Julian Stumpp spielt die Lebensalter durch. Der junge Schauspieler moderierte den Abend und spielte immer wieder kleine Szenen zum Thema ...
Julian Stumpp spielt die Lebensalter durch. Der junge Schauspieler moderierte den Abend und spielte immer wieder kleine Szenen zum Thema Zeit. | Bild: Jörg Büsche