Weihnachten mit Tradition und Tumult

Bei Richard Gratwohl war und ist es der Christbaum, der nach wie vor über allem steht und an dessen Ausschmückung nicht zu rütteln ist. Aus Familientradition. Seit bald einem Jahrhundert zieren dieselben Kugeln Jahr für Jahr den Baum. Als ihr Allerheiligstes hegte seine Großmutter das zerbrechliche Schmuckwerk. "Das war ein wunderbarer Geruch beim Auspacken der Weihnachtskiste", erinnert sich Richard Gratwohl. "Immer ein bissle meichtelig, aber es war für mich als Kind der schönste Duft der Welt", sagt der 47-Jährige heute und denkt dabei sowohl an den Geruch des Einschlagpapiers als auch des Stanniol-Lamettas.

"Einmal leise, einmal laut", sind seine Erinnerungen an Weihnachten. In trauter Familieneinsamkeit wurde bei den Gratwohls am Stadtgraben der Heiligabend begangen, während der Erste Weihnachtstag ganz im Zeichen der Großfamilie stand. "Es gab an Heiligabend immer Russische Eier mit Kartoffelsalat, Lachs und Kaviar", erinnert er sich. Unerschwinglich war damals der schwarze Störrogen, und auch anstelle des echten Lachs' musste es der Ersatz tun. Orangerot und verheißungsvoll lockte das Schraubverschlussglas. "Ich wurde zum Coop geschickt [ehem. Birkhofer; heute Buchhandlung Wälischmiller], um einzukaufen", lacht Richard Gratwohl heute, "und hab' alles Geld nur für den Lachs ausgegeben." Zum aller ersten Mal sei an diesem Heiligabend die Familie in den Genuss von echtem Lachs gekommen. "Und zum letzten Mal wollte meine Mutter Lachsersatz!"

Für Richard Gratwohl ist es der Christbaum, der Weihnachten zu etwas ganz Besonderem macht. Noch heute werden in der Familie Gratwohl die Kugeln der Großmutter wie ein Schatz gehegt, und jedes Jahr zieren sie den Baum bei seinen Eltern.
Für Richard Gratwohl ist es der Christbaum, der Weihnachten zu etwas ganz Besonderem macht. Noch heute werden in der Familie Gratwohl die Kugeln der Großmutter wie ein Schatz gehegt, und jedes Jahr zieren sie den Baum bei seinen Eltern. | Bild: Helga Stützenberger

Bei den Großeltern Apollonia und Eduard Holstein in Eriskirch wurde tags drauf gefeiert. "Wir waren 16 Enkelkinder. Man kann sich ausmalen, was das für ein Tumult in der kleinen Stube war." Hört man Richard Gratwohl zu, spürt man, dass Weihnachten für ihn ein ganz besonderes Fest gewesen sein muss. "Das ist es auch heute noch. Ich liebe Weihnachten!" Heute schmückt er seinen eigenen Christbaum mit eigenen Kugeln. Denn Omas Kugeln zieren traditionell den Baum seiner Eltern.

 

Weihnachten unter fünf Geschwistern

"Einen Tag vor Heiligabend ging der Vater in den Wald", erinnert sich Resle Moser, seit 16 Jahren Messnerin in St. Nikolaus, an das Weihnachtsfest. Es war ein großer, familieneigener Wald am Gehrenberg, wo Albert Weber senior den Christbaum schlug. "Am nächsten Morgen wurde der Baum von der Mutter geschmückt, das Krippele hergerichtet und der Riemenboden in der Stube gewachst." Noch heute, sagt die 72-Jährige, hat sie den feierlichen Geruch des Polierwachses in der Nase. "Und als das Feuer im Ofen brannte und die Stube abgeschlossen war, wurde gemeinsam der Stall gemacht und das Vieh versorgt."

Zusammen mit den sechs Kindern Josef, Klara, Hubert, Hildegard, Resle und Albert bewirtschafte die Familie Weber den Hof in der Fitzenweiler Straße. "Wenn im Stall alles fertig war, gab es Nachtessen." Kartoffelsalat, frisch gebackenes Brot, Saitenwürste – wie es wohl heute noch bei vielen Familien an Heiligabend der Brauch ist.

In Resle Mosers Kindheit war das Fotografieren noch nicht üblich. Das Foto von 1977 zeigt ihre eigenen Kinder Angelika, Claudia und Markus (von links) vor dem Christbaum. Heute ist Markus Moser Pfarrer in Krauchenwies.
In Resle Mosers Kindheit war das Fotografieren noch nicht üblich. Das Foto von 1977 zeigt ihre eigenen Kinder Angelika, Claudia und Markus (von links) vor dem Christbaum. Heute ist Markus Moser Pfarrer in Krauchenwies. | Bild: privat

Und auch wenn die Ungeduld bis zum Läuten des Glöckles groß gewesen sei, wurde nach dem Essen im Stall nochmals nach dem Rechten geschaut. "Es gab kleine Geschenke; eine Puppe, ein paar praktische Sachen, etwas zum Spielen ..." Das Schönste an Weihnachten sei für sie das gemeinsame Singen gewesen. Überhaupt war es für Resle Moser der große Zusammenhalt unter den sechs Geschwistern, was für sie Weihnachten ausmachte.

Weihnachten ist für Resle Moser immer noch das Fest der Familie, auch wenn sie selbst heute im kleinen Kreis bei ihrem Sohn feiert. Als Messnerin sorgt sie seit 16 Jahren dafür, dass auch die Pfarrkirche St. Nikolaus im Lichterglanz erstrahlt.
Weihnachten ist für Resle Moser immer noch das Fest der Familie, auch wenn sie selbst heute im kleinen Kreis bei ihrem Sohn feiert. Als Messnerin sorgt sie seit 16 Jahren dafür, dass auch die Pfarrkirche St. Nikolaus im Lichterglanz erstrahlt. | Bild: Helga Stützenberger

"Früher hatten wir hier oben in Fitzenweiler immer viel Schnee", erinnert sie sich an unzählige weiße Weihnachten. Heute ist das Schnee von gestern. Nicht geschmolzen indes sind ihre Erinnerungen: "Nachts um halb zwölf sind wir durch den tiefen Schnee hinunter gestapft zur Christmette." Gegen 3 Uhr erst seien sie wieder zurück auf dem Hof gewesen, "wo es Glühmoscht, Linzertorte und manchmal auch noch ein Wurschtbrot gab." Bis morgens gegen 5 Uhr sei man zusammengesessen, um dann gemeinsam in den Stall zu gehen und das Vieh zu füttern. "Erst danach haben wir endlich geschlafen."

 

Weihnachten ohne Zeit für Besinnung

Für Irmgard Strauch war Weihnachten immer weit weg vom heiteren Trubel, den andernorts eine Großfamilie mit sich brachte. "Wir feierten sehr bescheiden, eigentlich feierten wir die ersten beiden Jahre in Markdorf gar nicht", erinnert sie sich heute an die Zeit, als sie mit ihrem Mann Rudolph im Herbst 1960 nach Markdorf gekommen war, um das Drogeriegeschäft von Ludwig Scheibler zu übernehmen.

Von verklärtem Weihnachtszauber ist in ihrem Blick keine Spur. "Es war schwer, gerade in der Vorweihnachtszeit in Markdorf Fuß zu fassen", sagt sie auch heute noch mit deutlich vernehmbaren Ressentiments. "Mein Mann kam von der Mosel, ich aus Überlingen, wir waren also Rei'gschmeckte."

Bescherung an Heiligabend bei Familie Strauch in den 1960er Jahren. Beatrice ist überglücklich über die neue Puppe.
Bescherung an Heiligabend bei Familie Strauch in den 1960er Jahren. Beatrice ist überglücklich über die neue Puppe. | Bild: privat

Längst können Irmgard und Rudolph Strauch mit Selbstverständnis und weltoffenem Spirit von sich behaupten: Ich bin ein Markdorfer! Und heute ist ihr Geschäft nicht nur in der Weihnachtszeit aus Markdorf nicht wegzudenken. "Es war der Laden, der uns immer daran hinderte, in echte Weihnachtsstimmung zu verfallen", sagt Irmgard Strauch. Dieses Jahr fällt der Heiligabend zum Glück auf einen Sonntag; in allen anderen Jahren stand das Geschäft auch an diesem Tag im Vordergrund. "Früher und aus Zeiten unseres Vorgängers war es sogar üblich, dass die Leute am Sonntag klingelten, wenn sie etwas brauchten." Es habe seine Zeit gedauert, diese Gewohnheit abzuschaffen, erinnert sie sich an diesen ersten Schritt in ein freies "Wochenende", das lediglich auf einen einzigen Tag beschränkt war.

Für Irmgard Strauch ist die Zeit vor Weihnachten wenig besinnlich, da kaum Zeit zum Durchatmen bleibt. Noch heute betreibt sie zusammen mit ihrem Mann Rudolph und Tochter Beatrice das Drogerie- und Fotogeschäft, das sie einst von Ludwig Scheibler übernommen haben.
Für Irmgard Strauch ist die Zeit vor Weihnachten wenig besinnlich, da kaum Zeit zum Durchatmen bleibt. Noch heute betreibt sie zusammen mit ihrem Mann Rudolph und Tochter Beatrice das Drogerie- und Fotogeschäft, das sie einst von Ludwig Scheibler übernommen haben. | Bild: Helga Stützenberger

"Den Christbaum hatten wir immer irgendwo im Vorbeifahren gekauft, es musste ja schnell gehen", räumt sie frei von Sentimentalität ein. "Und selbstverständlich gingen wir auch in die Kirche, das gehörte dazu." An dieser Stelle hält sie zum ersten Mal inne – und muss nun wirklich schmunzeln: "Der Stadtpfarrer Würth wohnte in unmittelbarer Nachbarschaft. Wären wir nicht zur Mette gekommen, hätten uns seine beiden Haushälterinnen schon hinter dem Christbaum vorgeholt."