Frau Werner, Sie sitzen hier im Markdorfer Wirtshaus, in dem ein Mal im Monat der „Transgender Euregio Treff“-Stammtisch stattfindet, den Sie organisieren. Sie wurden als Mann geboren, leben mittlerweile als Frau. Von Michael zu Michaela – ein langer Weg für Sie?

Ja, ein langer, aber wichtiger Weg, aber vor allem mein Weg.

Aber von vorne. Wann haben Sie gemerkt, dass Sie im falschen Körper leben?

Im falschen Körper nicht direkt, es war so ein unterschwelliges Gefühl da. Ich würde es eher als Neid bezeichnen. Ich war schon im Kindergarten immer neidisch auf die Mädchen, denn sie durften Kleider, Röcke, Strumpfhosen und lange Haare tragen. Mein innerliches Gefühl hat mit etwa zehn Jahren einen Namen bekommen, als ich die damalige Sendung „Drehscheibe“ anschaute. Der Moderator kündigte eine Band an, in der die Sängerin früher ein Mann war und schnitt das Thema Transsexualität an. Ab diesem Zeitpunkt wusste ich, dass genau dieses transsexuelle Gefühl auch in mir vorhanden ist und dass es noch viele andere Menschen gibt, denen es so geht.

Das war in den 80er Jahren. Wie lebten Sie weiter mit dieser Erkenntnis?

Ich bin ein sehr ängstlicher Mensch und hatte großen Respekt davor, mir zum einen die Transsexualität selber einzugestehen, meinem Umfeld oder gar komplett nach außen zu tragen. Das heißt, ich machte mein Abi auf dem Wirtschaftsgymnasium in Friedrichshafen und ging danach erst mal zur Bundeswehr. Dort verpflichtete ich mich als Zeitsoldat mit dem Hintergrund, dass die ja aus mir vielleicht doch noch einen richtigen Mann machen könnten. Das funktionierte aber nicht. Im Anschluss studierte ich in Konstanz. Ich versuchte alle möglichen Strategien, um nicht nur ein Mann zu sein, sondern auch als solcher zu leben und zu fühlen. Mit 39 Jahren versuchte ich zum ersten Mal eine Beziehung zu einer Frau, in der Hoffnung, dass dieses zwiespältige Gefühl in mir verschwindet. Aber auch das gelang mir nicht und die Beziehung hielt nur ein halbes Jahr.

In Ihren Erzählungen spüre ich jahrelang innerliche Auseinandersetzungen, aktives Verdrängen und Angst – wie kam es dann doch, dass jetzt eine Michaela vor mir sitzt?

Viele Jahre stellte ich mir die Frage, ob ich Transvestit bin, der nur manchmal in Frauenkleider schlüpft oder ob es wirklich mehr ist und ich transsexuell bin. Transvestit konnte ich irgendwann ausschließen. Im Januar 2006 besuchte ich ein Seminar “Abnehmen beginnt im Kopf“. Die Leiterin war Therapeutin und stellte dabei auch ihre sonstigen Arbeitsfelder vor. Durch ein anschließendes Kennenlerngespräch, fing ich 2006 genau bei dieser Frau eine Psychotherapie an. Mit ihrer Hilfe und einer anderen professionellen Begleitung, traute ich mich kurze Zeit später, teilweise an den Wochenenden als Frau zu leben. Zeitgleich begann ich mit einer vier Jahre andauernden Behandlung, um durch Nadelepilation meine Barthaare komplett zu entfernen. Dieses äußerlich männliche Merkmal zu beseitigen war mir wichtig und die Zeit habe ich genutzt, um mir noch einmal über den Schritt als Frau zu leben, klar zu werden.

Der Schritt zur begleitenden Psychotherapie hört sich nach ihrem persönlichen Outing an?

Das Jahr 2006 begann für mich mit meinem Outing und dem Kennenlernen einer – meiner – Welt sowie vielen wichtigen Gleichgesinnten. Beispielsweise war ich mit transsexuellen Freunden während der Fasnetszeit auf dem Rückweg vom „All Genders Welcome“-Treffen in Tübingen und wir kamen in eine Polizeikontrolle. Als Frau gekleidet und zurechtgemacht, aber männliche Papiere, schaute der Beamte irritiert ins Auto und meinte nur lapidar, dass wir wohl von der Fasnet kommen würden. Die Antwort war ein klares Nein. Wir hinterließen einen verdutzten Beamten, aber für mich eine Erfahrung, wie es sich anfühlt, zur eigenen Transsexualität auch in der Öffentlichkeit zu stehen und sie zu behaupten.

Wann und wie öffneten Sie sich gegenüber Ihrer Familie?

Das war am 2. Weihnachtsfeiertag 2010. Ich stand unmittelbar vor meiner offiziellen Personenstands- und Namensänderung sowie meinem Outing innerhalb des kompletten Arbeitsumfelds und meiner Vorgesetzten. Meine Eltern reagierten mit völligem Unverständnis und der Argumentation, dass ich meinen Job verlieren würde und ich das nicht machen könnte, denn wer weiß, was die Nachbarn und Leute sagen. Meine Eltern waren zu dem Zeitpunkt über 80 Jahre alt und schon immer darauf bedacht, was andere Menschen sagen. Diese Einstellung war auch fest in mir verankert und hat mich jahrelang aus Angst, meine Transsexualität nicht leben lassen. Inzwischen sind sie beide über 90 Jahre alt und haben es akzeptiert. Auch weil sie gesehen haben, dass ich meinen Job nicht verloren habe.

Was war Ihr nächster Schritt und was wurde aus Ihrer Angst?

Die Angst wurde kleiner und die Schritte größer. Dazu zähle ich mein Outing in meiner Überlinger Firma und es war glücklicherweise durchweg positiv. Drei meiner Kollegen, denen ich es erzählte, kannten sogar jemanden in ihrem Bekanntenkreis, der ebenfalls transsexuell ist. Das hat mich etwas erstaunt, aber auch in meinem Schritt bestärkt. Inzwischen besuchte ich regelmäßig den Endokrinologen wegen der Hormoneinnahme und nach zwei großen Gutachten erfolgte im Februar 2012 in einer Münchner Klinik die geschlechtsangleichende Operation zur Frau.

Wow, die Angst war besiegt?!

Es bleibt immer ein wenig Restangst, aber ganz ehrlich, die Angst vor dem Outing war viel größer als die vor der Operation.

Wie lebt es sich jetzt als Frau?

Es fühlt sich gut und richtig an. Ich hätte nicht gedacht, wie anders man als Frau in der Gesellschaft behandelt wird. Viel hilfsbereiter und umsichtiger. Ich bekomme immer mehr Stabilität im Leben als Frau und habe es noch keine Minute bereut.

Auch ein Grund diesen Stammtisch zu gründen?

Auf jeden Fall ein Teil des großen Ganzen. Seit 2009 treffen wir uns hier regelmäßig im Wirtshaus. Da geht es um Lebensgeschichten, Informationen, Erfahrungsaustausch, Ratschläge oder Veranstaltungen – aber auch um ganz normale Themen des Lebens. Es sind jedes Mal viele Stunden des Austauschs von Menschen, die nur die Transsexualität als einzigen Schnittpunkt haben und sonst ganz unterschiedlichste Biografien besitzen. Unglaublich spannend und lustig.

Sie haben viel erreicht, was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Schön wäre eine feste Beziehung in meinem Leben. Außerdem würde uns Transmenschen ein wenig mehr Akzeptanz in der Gesellschaft guttun. Von der Politik wünschen wir uns, dass für eine Namens- und Personenstandsänderung keine so großen Gutachten mehr notwendig wären.

Danke für Ihre Offenheit.

Sehr gerne.