Frau Nembach, Frau Hussein, Frau Wabra, warum arbeiten Sie im Markdorfer Kleiderladen?

Anke Nembach: Raus aus dem Berufsleben, habe ich nach einer sinnvollen Beschäftigung gesucht. Und bin auf den Kleiderladen gekommen, der damals noch in der Bussenstraße war. Mir hats gefallen, weil die Leute nett sind und weils einfach Spaß macht.

Spaß? Was macht ihnen denn Spaß beim Verkaufen von Secondhand-Garderobe?

Anke Nembach: Zum Beispiel, wenn ich sehe, dass zwei Frauen etwas für sich gefunden haben, etwas Besonderes, was ihnen sehr gut gefällt – und sie nach dem Bezahlen ganz glücklich über ihren Fund aus der Tür gehen. Die glücklichen Kunden sind das eine – und die Zusammenarbeit im Team. Auf der anderen Seite kommt aber noch hinzu, dass wir unsere Kreativität ausleben können: Zum Beispiel beim Präsentieren unseres Angebots. In der Bussenstraße hatten wir nur einen sehr begrenzten Raum. Hier ist das schon anders. Da können wir die Kleidung ansprechend inszenieren.

Und Sie, Frau Hussein?

Halima Hussein: Ich habe auch schon mitgeholfen, als der Kleiderladen noch in der Bussenstraße war. Das habe ich gemacht, um Menschen zu begegnen, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Wodurch ich mein Deutsch verbessern kann. Wenn ich mich mit Markdorfern unterhalte. Aber ich begegne auch meinen syrischen Landsleuten. Und ich arbeite hier, weil ich etwas zurückgeben möchte, weil ich mich einbringen will. Was ich auch schon in der Tafel tue. Auch da helfe ich mit.

Kommen viele aus Syrien Geflüchtete in den Kleiderladen?

Halima Hussein: Einige sind es schon. Ein paar habe ich mitgebracht. Die habe ich auf das Angebot hier aufmerksam gemacht.

Sind Ihre Landsleute zufrieden mit dem Angebot?

Halima Hussein: Ja schon. Aber manchen ist es ein bisschen teuer.

Zu teuer?

Halima Hussein: Ja, zu teuer. Manches kostet vier Euro für normale Kunden – und für Kunden mit dem Tafelausweis von der Diakonie nur noch zwei Euro.

Gesine Wabra: Offenbar ist das für einige noch immer viel Geld.

Frau Wabra, warum arbeiten Sie hier?

Gesine Wabra: Mich hat das Konzept von Anfang an begeistert. Weil hier Bedürftige unterstützt werden. Weil hier wirklich jeder etwas findet, was ihm gefällt. Weil hier ein wichtiger Beitrag zur Integration geleistet wird. Weil man hier tollen syrischen Frauen begegnet – natürlich auch tollen Frauen aus Markdorf. Nein im Ernst: unser Team ist einfach gut. Wir kommen prima miteinander aus. Es macht Spaß miteinander zu arbeiten.

So sind nun Ihre Erfahrungen. Aber wie kamen Sie darauf, im Kleiderladen zu helfen?

Gesine Wabra: Mit dem Eintritt in den Ruhestand war ich offen für ein ehrenamtliches Engagement. In den Kleiderladen bin ich per Zufall bekommen. Ich habe vor zwei Jahren durch den „Freundeskreis Flucht und Asyl“ davon erfahren. Und mit Bekleidung beschäftige ich mich einfach gerne. Ich berate gerne. Ich freue mich mit, wenn jemand den Laden verlässt, dem ich Tipps geben konnte – und der sich hier von Kopf bis Fuß neu einkleiden konnte. Das dann auch noch für wenig Geld – für etwas mehr als zehn Euro.

Anke Nembach: Wir haben hier ja auch Marken-Kleidung. Da lassen sich richtige Schnäppchen machen.

Welche Kunden kommen in den Kleiderladen?

Anke Nembach: Inzwischen kommen alle. Von denen, bei denen das Geld knapp ist, bis zu denen, die auf der Suche nach etwas Ausgefallenem sind. Viele ganz normale Leute, aber auch solche, die ihr ökologisches Bewusstsein zu uns führt.

Können Sie das erklären?

Das sind Menschen, die gegen das Wegwerfen sind. Die Dinge recyclen oder Recyceltes kaufen, die einfach auf ihren ökologischen Fußabdruck achten, auf den Verbrauch an Rohstoffen, den ihre Lebensweise verursacht. Den sie möglichst gering halten wollen. Solche Leute kaufen hier schon Getragenes ein. Aber auch Sachen, die überhaupt noch nie getragen worden sind. Für deren Produktion aber viel Energie und Rohstoffe eingesetzt wurden. Insgesamt ist das gut für unsere Umwelt. Es ist gut für unseren Laden. So verbreitert sich unsere Kundenbasis.

Gesine Wabra: Zu uns kommen Leute ganz gezielt, die Ausgefallenes suchen. Sie finden das in unserer Retro-Ecke. Vintage-Mode aus den 50er- und 60er-Jahren, schicke Sachen, die sich zum Teil wunderbar kombinieren lassen.

Anke Nembach: Seit wir hier in der Poststraße sind, schauen die Passenten hinein. Die lockt unser Schaufenster an. Womit wir uns aber auch immer sehr viel Mühe geben.

Gesine Wabra: Stimmt. Es kommen Touristen, die unsere Auslagen ebenfalls neugierig gemacht haben.

Sie erreichen mittlerweile mehr Kunden. Sie erreichen auch neue Kunden. Aber gibt es auch Kundenkreise, die bisher an ihnen vorbeigelaufen sind?

Anke Nembach: Es kommen immer noch verhältnismäßig wenig Männer

Gilt das nicht für die gesamte Bekleidungsbranche?

Anke Nembach: Ja, trotzdem sollten wir unser Angebot stärker als bisher auf Männer, vor allem auf junge Männer ausrichten.

Gesine Wabra: Das stimmt. Wenn junge Männer aus der Geflüchteten-Unterkunft kommen, dann finden sie nichts. Jedenfalls nicht das, was sie suchen.

Was suchen sie?

Gesine Wabra: Sportliches, Körperbetontes – aber das haben wir nicht. Wir haben auch keine Turnschuhe. Wir haben Anzüge. Doch die kommen nicht so gut an.

Halima Hussein: Wir haben zu wenig Trendiges.

Anke Nembach: Es kommt nichts Trendiges als Kleiderspende herein.

Also müssen sie sich neue Zielgruppen erschließen – auf der Spender- und auf der Käuferseite?

Gesine Wabra: Das machen wir schon, indem wir an unserem Außen-Auftritt arbeiten – vom Logo bis zur Dekoration.

Anke Nembach: Zum Teil ziemlich erfolgreich. Denn wer den Laden einmal von innen kennengelernt hat, der kommt wieder.

Gerade ist aber nicht allzu viel los – oder?

Anke Nembach: Das ist unsere Mittagsflaute.

Gesine Wabra: Eine gute Gelegenheit, sich unsere Wechselausstellungen anzugucken. Aktuell stellen wir Schwarzweiß-Fotografien aus. Das soll Kunden anlocken.

Anke Nembach: Und Kunden brauchen wir. Schließlich wollen wir möglichst bald auf eignen Füßen stehen, ohne die Unterstützung von der Stadt und den beiden Kirchen auskommen.