Frau Kreutter, warum sollte sich ein junger Mensch in der heutigen Zeit dazu entscheiden, für die Kirche zu arbeiten?

Zum einen, weil das Theologie-Studium unglaublich spannend ist, zum anderen, weil es den eigenen Glauben stärken kann. Und der gibt Hoffnung und Kraft und Freude. Er macht das Leben leichter. Der Glaube kann einen tragen. Ich habe ihn für mich und teile ihn gemeinsam mit anderen.

Gibt es eine entscheidende Situation für Ihren Entschluss, Theologin zu werden?

Nein, das kam mit der Zeit durch viele verschiedenen Erlebnisse. Ich habe einfach gemerkt: Da ist was, dem muss ich folgen. Ich hatte auch ein Interesse daran, was man während des Theologie-Studiums lernt und was man später damit herausfinden kann.

Sie wollten damit gezielt Pastoralreferentin werden?

Das hat ein bisschen gedauert. Ich war in Vorbereitung auf das Studium auf dem Ambrosianum in Tübingen, einer Sprachschule, wo ich Priester, Diakone, Pastoralreferenten und Gemeindereferenten kennengelernt habe. Darüber habe ich oft nachgedacht, bis mir klar war, dass ich diesen Beruf ergreifen möchte. Die Theologie ist eine Wissenschaft, mit der man sich Jahrzehnte beschäftigen könnte, aber ich wollte raus in die Praxis und in den pastoralen Alltag, zu den Menschen.

Was wird in der Ausbildung vermittelt, was im Vergleich zum Studium neu ist?

Wir werden dort für zwei Jahre einer Gemeinde zugewiesen und bekommen eine Mentorin oder einen Mentor zur Seite gestellt. Ich wurde beispielsweise ins Vordere Kinzigtal geschickt. Der Einstieg erfolgt dann, indem man zunächst hospitiert und dann dort mitarbeitet bei dem, was die Leute vor Ort machen. In meinem Fall war es ganz viel Erstkommunion, ich war außerdem oft im Pflegeheim und mit den Ministranten unterwegs. Im dritten Jahr der Ausbildung kommt man an eine neue Stelle, für die man sich auf eine Ausschreibung bewerben muss.

Was hat es mit diesem dritten Ausbildungsjahr auf sich?

Es ist sozusagen das Jahr der Bewährung, in dem man zeigen muss, was man gelernt hat. In den Ausschreibungen ist es meist so, dass genau definiert wird, in welchem Bereich der Schwerpunkt liegt.

Wo sind Sie für dieses dritte Jahr hingekommen und wo lag dort Ihr Schwerpunkt?

Ich kam in die Seelsorgeeinheit Aachtal. An dieser Stelle werde ich jetzt auch erst einmal bleiben. Meine Stelle ist eine damals neu geschaffene Stelle, deshalb wurde zunächst einmal geschaut, was vor Ort benötigt wird. Das war bei uns ganz klar die Firmvorbereitung. Ich bin die Jüngste im Team, deswegen ist Jugendarbeit für mich gesetzt. Dann kommen Dinge hinzu wie der Beerdigungsdienst. Daneben Schülergottesdienste, Vorbereitungen für die Erstkommunion oder auch Gremienarbeit.

Das sind Dinge, die mir sofort in den Sinn gekommen wären. Gibt es dazu auch Alternativen?

Man kann natürlich noch weitergehen und überlegen, was einem besonders viel Spaß macht oder wo man Interessen hat, Handlungsbedarf sieht. Ich habe ein paar Wochen gemeinsam mit Menschen aus der Gemeinde zu Mittag gegessen. Oder: Zwei Kollegen aus meinem Kurs sind beispielsweise zuständig für interreligiöse Fußballturniere.

Können Sie das genauer erklären?

Die beiden haben sich gefragt, wo Menschen miteinander ins Gespräch kommen, wo Religion keine vordergründige Rolle spielt und dennoch darüber gesprochen werden kann. Und dann spielen sie zusammen Fußball – evangelisch gegen katholisch. Oder gegen die Imame. Dadurch wird eine Verbindung zwischen Menschen geschaffen.

Dann stellt sich die Frage, ob alle nötigen Kompetenzen durch ein Studium und eine Ausbildung vermittelt werden können?

In meinem Beruf ist es ein stetiges Lernen. Wir bekommen Fortbildungen in Dingen wie Gesprächsführung, Jugendarbeit oder beispielsweise Katechese (Vermittlung der christlichen Botschaft, Anm.d.Red.). Dazu kommt auch noch ein dreiwöchiges Praktikum in der Krankenhausseelsorge. Allerdings muss man sich auf jede Situation, auf jeden Menschen neu einstellen, deswegen ist es schwierig auf alles exakt vorbereitet zu sein. Es ist aber schön zu wissen, dass man etwas im Gepäck hat, was für den Umgang hilfreich und wertvoll ist.

Ich stelle mir gerade den Beerdigungsdienst als anspruchsvoll vor. Wie gehen Sie damit um, denn im Grunde kann es keine Situation sein, auf die Sie sich freuen?

Es ist etwas ganz Trauriges und Schmerzhaftes, aber unsere Aufgabe ist eine hoffnungsvolle. Als Christen glauben wir, dass es mit dem irdischen Tod nicht aus ist, sondern dass es ein ewiges Leben bei Gott gibt. Da ist Hoffnung. Das ist ein Knackpunkt, an dem die Leute merken, meinen wir es ernst oder ist es uns egal. Ich bekomme die Rückmeldung, dass Menschen sich durch uns bestärkt und gut aufgehoben fühlen. Und das hört man auch von solchen, die nicht oft Kontakt mit uns haben. Dieses punktuelle 'Gutes hinterlassen' finde ich wichtig.

Waren Sie aufgeregt vor der ersten Trauerfeier?

Natürlich! Die Abläufe werden mit uns in der vorbereitenden Phasen ganz genau durchgegangen, selbst wie man den Weihrauch schwenkt. Das ist also klar, die ganze Theorie kann man vorbereiten. Die Trauerfeier birgt dann aber noch etwas anderes. Man ist ganz nah am Menschen dran und an seinen Emotionen. In dieser Phase ist es für die Trauernden wichtig, jemanden zu haben, der da ist. Das sind wir.

Welche Personen hatten besonderen Einfluss auf Ihre Entscheidung für die Kirche zu arbeiten?

In meiner Kindheit Pfarrer Reihing, später Pfarrer Hund und insbesondere der damalige Vikar Jens Fehrenbacher. Dieser hat mich mit der Frage konfrontiert, ob die Theologie nicht etwas für mich wäre. Man kann sagen, dass er das kleine Flämmchen in mir richtig zum Brennen gebracht hat. Aber auch die evangelische Pfarrerin Iris Roland, die mich immer wieder gefragt hat, ob ich nicht evangelische Pfarrerin werden möchte.

Haben Sie ihren Traumberuf gefunden?

Ja, ich bin mir da sehr sicher. Das Schönste ist für mich für und mit Menschen da zu sein und die Abwechslung, die der Beruf der Pastoralreferentin. Und wer weiß, wie der Beruf in einigen Jahren aussehen wird, wenn wir die Entwicklungen in der Kirche ansehen.

Wie entwickelt sich denn die Kirche?

Wir haben einen Rückgang der Gläubigen, zudem spüren auch wir den demografischen Wandel. Die Sonntagsgottesdienste sind nicht mehr voll und werden in 20 Jahren noch leerer sein. Es gibt Berufe, die werden immer gleich bleiben, aber meiner wird keinesfalls so bleiben.

Andere würde es wohl beunruhigen, nicht zu wissen, wie der Beruf in einigen Jahren ausschaut ...

Und wir können nicht anders, als uns darauf einzulassen. Ich spüre, dass ich für Gott und für diese Kirche, für die Menschen arbeiten will. Und deshalb gilt es zum einen, in eine Zukunft zu gehen, von der wir nicht genau wissen, wie sie aussieht – es gilt aber auch, daran mitzugestalten.

Sehen Sie es auch als Ihre Aufgabe an, andere Menschen vom christlichen Glauben zu überzeugen?

Da höre ich direkt das eher negativ klingende Wort Mission anklingen. Ich will den Leuten nichts überstülpen, mir geht es eher darum, Erfahrungsräume für Menschen zu eröffnen.