Für den zehnjährigen Kaya steht schon jetzt fest: "Ich möchte später 'mal in die USA." Und das ist dann wohl auch der Grund dafür, weshalb Kaya sich besonders anstrengt im Englisch-Unterricht. Der Fünftklässler, dem bereits die Englischstunden in der Grundschule sehr gefallen haben, wie er sagt, lernt indes noch mehr englische Vokabeln, englischen Satzbau und Ausdruck, als es seine Altersgenossen üblicherweise in der Realschule tun. Denn Kaya ist Schüler im sogenannten bilingualen, zweisprachigen Zug des Schulverbunds am Markdorfer Bildungszentrum (BZM).

Im vergangenen Februar hat es das Stuttgarter Kultusministerium auf dem "Landesbildungsserver", seiner Internetseite, vermeldet. "Neun weitere Standorte für bilinguale Züge an Realschulen" heißt es in dem Artikel über die neuesten Entwicklungen im Sprachunterricht der baden-württembergischen Realschulen. "Fremdsprachenkenntnisse sind Schlüsselqualifikationen in der heutigen Arbeitswelt" wird der Kultusminister da zitiert. Und es gelte, diesen Bereich zu stärken, um "Kinder und Jugendliche fit zu machen, für die Anforderungen der Zukunft". Verfügten im Schuljahr 2015/16 schon 67 Realschulen des Landes über einen bilingualen Zug, so sind es heuer bereits 76. Neben der Realschule Titisee-Neustadt, dem Schulverbund Ubstadt-Weiher in Karlsruhe und der Geschwister-Scholl-Realschule in Göppingen nennt das Ministerium außer fünf weiteren Schulen auch die "Realschule im Bildungszentrum Markdorf" als Schulen, die zum Schuljahr 2016/17 einen bilingualen Zug starten.

Inzwischen ist das Schuljahr einige Wochen vorangeschritten. Und Veronika Elflein, die Leiterin der neuen Verbundschule am BZM blickt auf ihre ersten Erfahrungen mit dem bilingualen Zug zurück. Sie betont, dass es im Grund noch recht früh sei. Eine erste Bilanz sei allenfalls am Ende des Halbjahres möglich. Gleichwohl mag Schulleiterin Elflein schon über die zurückliegende Anmeldephase sprechen. "Wir haben mit allen interessierten Eltern, aber auch mit den Kindern sehr intensive Gespräche geführt", erklärt Elflein, "weil es uns einfach wichtig war, einen Eindruck von den Schülern zu bekommen".

Die Teilnahme am bilingualen Zug bedeute nämlich mehr Unterricht als in den anderen Klassen. Außerdem verlange sie sowohl eine ausgeprägtere Lern- und Leistungsbereitschaft wie auch eine gewisse Beharrlichkeit bei den Schülern. "Unsere Fragen gingen da in Richtung Engagement in Vereinen oder Lernen von Instrumenten", erzählt Veronika Elflein. Die Motivation der Schüler, ihr Antrieb, in den bilingualen Zug zu gehen, ist durchaus unterschiedlich. Nicht alle planen für eine Zukunft in den USA. Vanessa, zehn Jahre, zum Beispiel "mag einfach die englische Sprache, ich höre gerne englische Lieder und übersetze sie dann auch".

Beim elfjährigen Paul ist's gleichfalls eine Neigung fürs Englische. Hinzu kommt der Weitblick seiner Eltern. Die betrachten eine intensivere Auseinandersetzung mit der Zweitsprache als sinnvolle Investition in die Zukunft. Und Paul ist ganz ihrer Meinung. "Ich komme gut zurecht", erklärt der Elfjährige mit Blick auf seine eigentlichen Englischstunden, aber auch den Unterricht in den beiden anderen Fächern. Außer im Fach Englisch, so erläutert Englisch-Lehrerin Annette Martin, "sprechen die 30 Schüler unseres bilingualen Zugs ja noch in zwei anderen Fächern Englisch". In zwei altersgemäß möglichst handlungsorientierten Sachfächern, erklärt Veronika Elflein: in BNT, Biologie, Naturphänomene und Technik sowie in Bildender Kunst. Dies gilt für die Klassenstufen 5 und 6. Ab Klassenstufe sieben können andere Fächer folgen – etwa Geschichte, was sich vom Stoff her sehr anbiete, erläutert die Schulleiterin.

"Wichtig ist uns in den Sachfächern, dass die Englischleistungen dort nicht benotet werden", erklärt Annette Martin, "die Schüler sollen angstfrei Englisch sprechen – und schreiben." Solche Angstfreiheit, außerdem den Spaß an der zweiten Sprache beobachtet Schulleiterin Elflein bereits nach wenigen Wochen bilingualem Zug: "Die Schüler sprechen sogar auf dem Pausenhof und im normalen Unterricht Englisch."

Bilingualer Zug

Sprachbegabten Schülern wird an der Verbundschule am Markdorfer Bildungszentrum (BZM) ein zweisprachiger Zug angeboten. Dort sprechen sie nicht allein im Sprachunterricht Englisch, sondern sie wenden die englische Sprache auch in zwei anderen Unterrichtsfächern, zwei sogenannten Sachfächern an. Zunächst sind dies Biologie, Naturphänomene und Technik (BNT) sowie Bildende Kunst. Nach zwei Jahren werden die Fächer wechseln. Die Auswahl der Fächer trifft die Schulleitung – dies mit Blick auf die didaktisch sinnvollen Inhalte, aber auch das Vorhandensein zweisprachig ausgebildeter Fachlehrer. Das Angebot eines bilingualen Zuges, zurzeit für 30 Schüler, orientiert sich am Leitbild der Markdorfer Verbundschule, "alle Schülerinnen und Schüler gemäß ihren Begabungen und Möglichkeiten optimal zu fördern".