Herr Schädel, Ihr Lebensweg ist bunt, Sie haben öfter mal neu angefangen. Wie kommt es?

Das waren Zufälle und neue Aufgaben haben mich gereizt. Raumausstatter habe ich nur gelernt, weil es keine Lehre zum Dekorateur gab. Damals hat man sich seinen Beruf nicht so heraussuchen können wie heute.

Und plötzlich waren Sie als Kapitän der Landstraße unterwegs, lernten Land und Leute kennen.

Ein Fuhrunternehmer aus Wasserburg hatte mich mit nach Italien genommen; wir haben mit dem Sattelzug eine Ladung Ravioli nach Hamburg gefahren. Das hat mir so großen Spaß gemacht, dass ich meinen LKW-Führerschein gemacht habe und ich in den Fernverkehr gegangen bin. Da bin ich in ganz Europa herumgekommen, mein erster Auftrag war ein Autotransport. Später habe ich eine Lehre zum Maschinenschlosser gemacht, weil die Fahrerei nicht mehr schön war. Sie wurde zu stark überwacht, jeder wusste, wo Du stehst, wo und wann man gerade zur Toilette geht. Früher konnte man anhalten, wo man wollte. Die Freiheit der Landstraße war nicht mehr da.

Warum haben Sie Maschinenschlosser gelernt?

Weil es mir im Blut liegt. Das hätte ich schon längst machen sollen. Nach der Lehre, mit 27 Jahren, habe ich aber als Betriebsschlosser in einem Unternehmen für Outdoorbekleidung in der Region begonnen. Dort war ich 25 Jahre beschäftigt – aber bin schnell in die Logistik gewechselt als Unterstützer des Bereichsleiters und irgendwann bin ich selbst Bereichsleiter geworden.

Bis zu Ihrem Burn-out mit etwa 50 Jahren. Wie hat sich das geäußert?

Ich saß am Schreibtisch und konnte nichts mehr machen. Ich bin einfach nur dagesessen, habe zwar meinen PC eingeschaltet, aber keine E-Mails beantwortet. Dann habe ich meinen Chef angerufen und ihm gesagt: "Ich muss jetzt nach Hause."

Wie ging es weiter?

Ich hab erst mal gar nichts gemacht und in Ruhe darüber nachgedacht, was war. Was das bedeutet. Ich wusste nicht, was los war. Über das Burn-out hat mich später mein Psychologe aufgeklärt. Ich konnte nichts mehr machen und auch nicht in meiner Stellung bleiben. Mein Vorgesetzter meinte, ich könnte meine Aufgaben nicht mehr erfüllen. Man hat mir eine neue Stelle geschaffen: Einkauf und Technik. Beim Reparieren eines Förderbands verlor ich ein Zeigefinger-Endglied. Dann nahm alles seinen Lauf: Ich bekam hauptsächlich psychische Probleme und war ein Jahr außer Betrieb.

Sie gehen damit sehr freimütig um.

Es ist ein Tabu-Thema, ich weiß. Viele haben Angst, dass sie von der Gesellschaft ausgegliedert werden, wenn es öffentlich wird. Mir ist das total egal. Vielleicht trage ich dazu bei, dass man mehr Verständnis für Menschen aufbringt, die unter Burn-out und Depressionen leiden und kann den Betroffenen zeigen, dass man daraus herausfinden kann.

Sie haben ärztliche Hilfe in Anspruch genommen.

Ich bin freiwillig stationär in die Psychiatrie. Mein Psychologe hatte mir dazu geraten. Das hat mir geholfen, unter anderem, weil ich in den Gruppengesprächen erfahren habe, dass andere Leute auch Probleme haben und warum sie diese haben. Da weiß man bald, wo man selbst steht und wie unbedeutend das eigene Leid sein kann. Dann sucht man nach dem, was einen in den Abgrund gestürzt hat und was einen aus dem Loch holt. Bei mir waren es Existenzängste; meine Existenz war massiv bedroht. Mit Gesprächstherapien und mit der Liebe meiner jetzigen Freundin hat das geklappt.

Drei Wochen verbrachten Sie in der Klinik, dann kehrten Sie wieder ins "Leben" und zur Firma zurück.

Ich durfte ein Jahr lang Sackkarre fahren (lacht). Das war so deprimierend, dass ich nach einem Jahr wieder psychisch krank wurde. Die Arbeit hatte mein Ego belastet. Mein Vorgesetzter, den ich 20 Jahre gestützt und gefördert habe, hat mich fallenlassen. Die Depression war mit Schuld am Ende meiner damaligen Beziehung, hat sie durch die Scheidung noch verschlimmert. Ich wurde ein Jahr krank geschrieben und bin erneut in eine Klinik gegangen.

Dann haben Sie das Ruder wieder herumreißen können und "aufgeräumt".

Ja. Ich habe gewisse Freundschaften nicht mehr gepflegt, weil ich merkte, sie tun mir nicht gut. Sogar zu "dicken Freunden", die ich 30 Jahre hatte, hab' ich die Verbindung einfach gecuttet. Der eine war mir zu materialistisch und rücksichtslos geworden. Beim anderen hat die Ehefrau querelt und dann hab' ich mich von ihm auch losgesagt.

Wie bekamen sie die Depressionen in Griff?

Mit Hilfe von Therapeuten und täglichen, langen Spaziergängen. Schon vor dem Frühstück war ich unterwegs, vor allem im Wald. Bei der zweiten Therapie ging ich täglich vier Stunden. Das war erfrischend, da hat man Kräfte sammeln können. Im Rehabilitationszentrum hat man gesehen, wie schlecht es anderen geht. Da war die eigene Krankheit quasi nichts.

Sind Sie nach der zweiten, erfolgreichen Therapie wieder zurück in Ihre Firma?

Nein. Nach dem ersten Mal war ich sofort wieder arbeitsfähig, beim zweiten Mal wegen meines Alters nicht mehr vermittelbar. Ich bekam Geld von der Krankenkasse, dann wurde ich ausgesteuert und musste aufs Arbeitsamt. Wenn man durcheinander ist im Kopf, tust du dich schwer, die Formulare auszufüllen. Ich habe mir dabei von meiner Freundin helfen lassen. Und Hilfe zulassen war nie mein Ding. Ich war immer Macher, wollte mir nie was von anderen sagen lassen, aber in der Arbeit habe ich es zugelassen. Das hat mich krank gemacht.

Wie kam es dann zur Wende?

Nachdem alles zusammengebrochen war, Ehe, Arbeit und die Zukunftsangst dazukam, bin ich auf dem Boden gelegen. Mein Herz ging aus dem Takt, ich hab' Todesangst bekommen. Dann überlegst du dir: Willst du so weitermachen oder irgendetwas anders tun? Was hat es dir gebracht, zu leben wie alle? Das hat dir fast den Tod gebracht. Also bleibt nur noch eins übrig: Du drehst dein Leben um 180 Grad.

Gesagt, getan. War das so einfach?

Ich stellte mir die Frage: Wer bin ich? Wo geht es lang? Was ist meine Aufgabe? Die drei Sachen. Als erstes habe ich meinen Geburtsnamen wieder angenommen, nachdem ich den Namen meiner geschiedenen Frau getragen hatte. Es geht darum, deine Identität wiederherzustellen. Wenn du deinen Namen abgibst, gibst du einen Teil deiner Identität ab – obwohl ich immer noch ein Superverhältnis zu meiner ehemaligen Frau habe. Das Zweite war das Drehen um 180 Grad und anders zu denken als viele. Beobachten Sie mal die Leute auf der Straße: Sie gehen mit dem Kopf nach unten und humpeln. Ich will aufrecht gehen. Ich habe die Salzoase gekauft und mich mit dem Universum verbunden.

Klingt etwas esoterisch.

Mag sein. Mir ging es darum, nicht wieder in den Tunnel zu gehen. Ich machte mich selbstständig, weil ich frei leben wollte. Ich machte die Türe zur Salzoase auf, schaute rein und um mich war es geschehen. Anderntags bin ich mit meiner Schwester hin und wir beide waren überzeugt, das ist das Richtige. Innerhalb von drei Tagen habe ich die Salzoase gekauft, einen Mietvertrag gemacht und hatte sofort wieder etwas Greifbares, eine Aufgabe, den Leuten zu helfen, sich gesundheitlich besser zu fühlen und zu entspannen. Das war genau meins.

Zwischenzeitlich haben Sie sich wieder von der Salzoase getrennt. Besteht da nicht die Gefahr, erneut in ein Loch zu fallen?

Das mit der Oase hat nicht geklappt, wie ich es mir vorgestellt habe. Ich dachte, ich muss den Leuten helfen, gesund zu bleiben oder zu werden. Aber viele wollen das nicht, wollen lieber betüttelt werden. Man geht lieber zum Arzt und erfährt dort Zuwendung. Aber zwischenzeitlich hatte ich ein Zertifikat in energetischer Wirbelsäulenaufrichtung bei Markus Aspacher erworben und bin auch zur Lehrtätigkeit berechtigt. Mit dem Aufrichten bringe ich den Menschen in sein seelisches und körperliches Gleichgewicht. Wenn mir jemand gesagt hätte, dass ich mal so etwas mache, hätte ich ihn gefragt, was er getrunken oder geraucht hat.

Werden Sie nicht belächelt?

Man wird nicht für voll genommen, weil man nicht mehr zur Allgemeinheit gehört. Aber was ist besser: Das Hamster-Rad in einer Neonkiste oder frei sein und sein Leben selbst gestalten?

Was ist Ihr nächstes Ziel?

Jetzt bereite ich meine Rente vor. Ich bin zwar arbeitslos, aber ich bin zuversichtlich, dass sich eine neue Tür öffnet. Ich habe eine Idee, sie ist aber noch nicht spruchreif. Positiv denken ist meine Devise!

Und was geschieht mit der Salzoase?

Es gibt Interessenten, dann kann es vielleicht weitergehen. Das wäre schön.

Fragen: Christiane Keutner