Die Gemeindebücherei der evangelischen Kirche in Markdorf ist umgezogen. Weit war der Weg nicht, den die Bücher zurückzulegen hatten. Denn vom alten Gemeindehaus im Weinsteig 1 ging es lediglich in den Weinsteig 3, ins neue Gemeindehaus, besser bekannt als Haus im Weinberg. "Dieser Schritt war nötig“, erklärt Rose Ratzlaff, die Leiterin der kleinen öffentlichen Bibliothek, „weil demnächst das Pfarrbüro nebenan vergrößert werden soll.“ Deshalb galt es, mit den Bücherregalen in einen kaum genutzten Jugendraum auszuweichen.

Hier muss nicht lange suchen, wer auf der Suche nach spannender und unterhaltsamer Lektüre ist.
Hier muss nicht lange suchen, wer auf der Suche nach spannender und unterhaltsamer Lektüre ist. | Bild: Jörg Büsche

„Die Leute wollen es zuerst nicht glauben“, sagt Christa Schellhammer, ehrenamtliche Mitarbeiterin im Bibliotheksteam. Dass der gesamte Bestand Platz gefunden hat in dem deutlich kleineren Raum im Haus im Weinberg wundert jeden, der die alte Gemeinde-Bücherei kennt. Freilich gab es dort eine wesentlich größere Fensterfläche. Wohingegen der neue Raum drei Wände für Regale bietet.

Noch etwas ist anders. „Jetzt haben wir richtig viele Besucher“, erzählt Hanna Gossmann, gleichfalls ehrenamtliche Mitarbeiterin. Früher verirrten sich nur selten jemand nach dem Gottesdienst ins alte Gemeindehaus. Heute kommen Eltern vorbei, nachdem sie ihre Kinder in den allwöchentlichen Kindergottesdienst im Nebenraum der Bibliothek gebracht haben. Und vom Kirchen-Café nach dem Segen schauen die Menschen mit der Kaffeetasse in der Hand vorbei, freut sich Rose Ratzlaff.

Gut sortiert ist auch die Abteilung für die ganz Kleinen.
Gut sortiert ist auch die Abteilung für die ganz Kleinen. | Bild: Jörg Büsche

Sie sähe gerne mehr Jugend in der Bücherei, „aber die sind ja durch die BZM-Bibliothek bestens versorgt". Erfreulich findet Bibliotheks-Leiterin Ratzlaff, dass ihre Kundschaft gut gemischt ist. So gut gemischt wie die Buchbestände. Neuerdings gibt es etliche Titel zum Thema Umwelt, daneben Regionales Historisches, Biographien und natürlich auch Religiöses – die jüngste Luther-Biographie, aber auch Jan Assmanns Moses-Buch.

Wer an den Regalen entlang streift, erkennt, was Rose Ratzlaff meint, wenn sie von „gehobener Bellestristik“ spricht: Jane Gardams „Untadeliger Mann“ ist ebenso zu finden wie „Die Hauptstadt“ von Robert Menasse. Seichtes gibt's nicht – auch keine Krimis, die blutrünstig sind, versichert Mitarbeiter Klaus Grünewald. Fürs Niveau sorgen die Mitarbeiter, desgleichen die Bibliotheksnutzer die immer wieder Vorschläge einbringen, welches Buch noch fehlen könnte.

Lesetipps des Büchereiteams

  • Johanna Gossmann Tipp ist „Der Duft des Regens“ von Frances Greenslade. Was als Naturidyll im Kanada der 60er-Jahre beginnt und als Bild großer familiärer Traulichkeit, in der zwei Schwestern aufwachsen, wandelt sich jäh, als ihr Vater stirbt. Überaus einfühlsam werden Gefühle geschildert. "Man mag schier eintauchen", sagt Hanna Gossmann über das Buch, aus dem einem nicht bloß der Duft des Regens in die Nase steigt.
  • Christa Schellhammer empfiehlt die „Königskinder“ von Alex Campus. „Mir hat die Szenerie gefallen, die beiden eingeschlossenen Leute in ihrem Auto“, erklärt die Bibliothekarin. Die Sprache sei gut, ebenso einfallsreich seit die Konstruktion. Die Schnee-Geschichte ist nur der Rahmen für eine Reise ins 18. Jahrhundert quer durch die sozialen Milieus – vom schweizerischen Bauerndorf bis an den Hof. Christa Schellhammer ist begeistert.
  • Klaus Grünewald mag „Pferde stehlen“, den Roman von Per Petterson. In dem es – anders als der Titel vermuten lässt – nicht wirklich um Eigentumsdelikte geht. Pferde stehlen nenne zwei Freunde im ländlichen Osten Norwegens es, wenn sie Unfug treiben. Zum Beispiel auf dem Rücken der Nachbars-Pferde dahinpreschen. Doch ist dies, die Erinnerung eines alternden Mannes nur eine Erzählebene: Der andere Erinnerungsstrang erzählt vom norwegischen Widerstand gegen die deutschen Besatzer. All das und noch mehr werde ganz fabelhaft erzählt, findet Klaus Grünewald.
  • Rose Ratzlaff will's wissen. Nein, sie weiß es und will es zeigen: Was Europa verloren geht, wenn die Briten tatsächlich aussteigen aus der Gemeinschaft. Weniger Stil, weniger Eleganz, vor allem viel weniger Exzentrik droht dann dem Rest-Europa. Jane Gardams Roman „Ein untadeliger Mann“ zeigt, was sich vermutlich erst nach mühseligen Grenzkontrollen beobachten lässt. Er blickt auf einen pensionierten Richter und dessen Frau und zeigt ein Sittenbild des post-imperialen Englands.
Jörg Büsche