Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit wird derzeit an der Bahnlinie eine Großbaumaßnahme abgewickelt: Zur Erschließung des künftigen Gewerbegebietes Eisenbahnstraße muss in acht Metern Tiefe ein Abwasserkanal unter den Bahngleisen verlegt werden. Die österreichische Spezialbaufirma Braumann hat in einem von Spundwänden gesicherten Schacht eine mächtige Bohrmaschine, eine so genannte Rohrvortriebmaschine, aufgebaut, die sich durch das Erdreich frisst und so Platz für den Kanal schafft. Am 11. September hat der Rohrvortrieb planmäßig begonnen.

Die Stadt musste dafür mit der Deutschen Bahn AG eigens eine Kreuzungsvereinbarung abschließen, weil die Bahnstrecke von der geplanten Leitung "gekreuzt" wird. Einen Monat später ist aus der "spannendsten Baustelle" in der Stadt, wie es Bürgermeister Georg Riedmann am Dienstagabend im Technischen Ausschuss formulierte, ein dicker Problemfall geworden, bei dem es um explodierende Kosten, drohenden Schadenersatz und die Frage, wer für was verantwortlich gemacht werden kann, geht. Den Sachstand dazu bekamen die Ausschussmitglieder von Michael Müller von der von der Stadt mit der Erschließung beauftragten EnBW-Tochter RBSwave dargelegt.

Thomas Schuster von der österreichischen Spezialfirma Braumann Tiefbau sitzt in der Baugrube an der Bedieneinheit der Rohrvortriebmaschine. Bilder: Toni Ganter
Thomas Schuster von der österreichischen Spezialfirma Braumann Tiefbau sitzt in der Baugrube an der Bedieneinheit der Rohrvortriebmaschine. | Bild: Ganter, Toni
  1. Die Vereinbarung und wie sie platzte: Am 30. Juni 2017 hat die Stadt mit der Bahn die Kreuzungsvereinbarung geschlossen. Seitens DB Netz wurden darin keine Einschränkungen für die Bauarbeiten während des Schienenbetriebes festgelegt. Ein Jahr darauf, am 26. Juni 2018, lehnte DB Netz die Bauarbeiten während des laufenden Schienenbetriebes ab und bewilligte Bauarbeiten nur nachts unter Gleissperrung. Alternativ wurde die Einrichtung einer Langsamfahrstrecke angeboten. Die Langsamfahrstrecke hätte die Baumaßnahme um mindestens 15 Wochen verschoben werden müssen, bei nur nächtlichen Bauarbeiten hätte der Rohrvortrieb 64 statt elf Tage gedauert. "Da hat uns die Bahn reingegrätscht", formulierte es Müller im Ausschuss.
  2. Die Probleme mit der Bahn: Nach etlichem Hin und Her bewilligte die Bahn am 6. September den Rohrvortrieb doch noch, jedoch mit deutlich erweiterten Auflagen. Pikant: im Kreuzungsvertrag hätte bereits eine Gleissperrung stehen müssen. Dies wurde von der Bahn aber versäumt. Zur ersten Verzögerung von vier Wochen kam es dann, weil die RBSwave auf die Schnelle keinen verfügbaren Bau- und Sicherungsüberwacher fand. Den forderte die Bahn, bundesweit gibt es aber nur rund 50. Mit Glück habe man dann einen Spezialisten aus Bayern verpflichten können. Parallel begannen sich die Mehrkosten wegen der erweiterten Auflagen zu summieren: Verlängerung Bauzaun und Treppentürme, Mehrlängen Spundwände, Mehraushub größere Baugrube, Vergrößerung der Bodenplatte.
  3. Die weiteren Probleme: Kaum hatten die Bauarbeiten schließlich begonnen, tauchten unter dem Hof der Firma Wälischmiller unbekannte Leitungen und Rohre auf, die nirgends verzeichnet waren. Zusätzliche Fachkräfte mussten für zusätzliche Arbeiten abgestellt werden, die eigentlichen Bauarbeiten mussten für mehrere Tage ruhen. Der nächste Baustillstand war anschließend fällig, als unvermittelt Gase beim Rohrvortrieb austraten, was wiederum ebenfalls für Mehrkosten sorgte. "Auf gut deutsch: Vom Auftrag bis jetzt hatten wir Probleme und unvorhersehbare Hindernisse", so Müller im Ausschuss.
  4. Die Mehrkosten: Für den Bereich Hof Wälischmiller veranschlagt die Baufirma Mehrkosten in Höhe von 43 983 Euro. Die wurden vom Ingenieurbüro Schwörer (Altheim), das im Auftrag der Stadt arbeitet, bereits geprüft und anerkannt. Für den Baugruben-Stillstand sowie geologisch bedingte Hindernisse werden nachträglich 106 656 Euro gefordert, Schwörer hält 85 343 Euro für berechtigt. Für die Erweiterung der Baugruben und die Auflagen der DB werden zusätzliche 65 337 Euro verlangt, von denen das Ingenieurbüro allerdings nur 7937 Euro für anrechenbar befindet. Der durch die Bahn verursachte verspätete Rohrvortriebsbeginn und der dadurch entstandene Stillstand wird von der Baufirma mit Mehrkosten von 134 882 Euro beziffert. Diese Mehrkosten hält Schwörer für gerechtfertigt. Eine weitere Forderung in Höhe von 11 119 Euro wird derzeit noch geprüft. In Summe verlangt die Firma Braumann einen Zuschlag in Höhe von 361 978 Euro, das Ingenieurbüro hält 283 266 Euro für berechtigt.
  5. Wie es weitergeht: Aktuell befinden sich die Forderungen laut Müller beim EnBW-Claimsmanagement, der Rechtsabteilung, in Prüfung. Was Riedmann besonders ärgert: Das Vertragswerk mit der Bahn ist 700 Seiten dick und sei sorgfältig vorgeplant gewesen – in "zwölf Wochen unerquicklicher Verhandlungen". Die Stadt, so Riedmann, prüfe nun, ob und welche Forderungen der Bahn in Rechnung gestellt werden können.
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