"Sobald man mit sich im Reinen ist, wird alles leichter – auch im und mit dem Umfeld", weiß Veronica aus eigener Erfahrung. Die 54-Jährige ist eine der Stammtischgäste des Transgender Euregio Treffs im Wirtshaus am Gehrenberg und ihr Outing liegt fast vier Jahre zurück. Jeden zweiten Samstag im Monat findet der Treff statt und wird durchschnittlich von fünf bis sechs Transgendern besucht, "obwohl wir auch schon mal fast 20 an einem Abend waren", berichtet Michaela, Organisatorin des Stammtisches.

Informations- und Erfahrungsaustausch wichtig

Es ist eine Mischung aus Selbsthilfegruppe und Stammtisch für Fortgeschrittene, denn "wir treffen uns nicht in einem geschützten Raum eines Vereins oder Behörde, sondern mittendrin in der Öffentlichkeit", erklärt Michaela. Themen, die an solchen Abenden besprochen werden, haben ebenfalls beide Charaktere in sich. "Das bedeutet zum einen der Informationsaustausch oder die Weitergabe von Kontakten sowie wichtigen Anlaufstellen, die unser Thema betreffen und zum anderen ganz normaler Austausch von Alltagserlebnissen", umschreibt die Japan-begeisterte Michaela, den Inhalt der Treffs.

Die 55 jährige Michaela lebt seit vielen Jahren als Frau und hält mehr von einem persönlichen Gespräch als von Halbwahrheiten aus dem Internet.
Die 55 jährige Michaela lebt seit vielen Jahren als Frau und hält mehr von einem persönlichen Gespräch als von Halbwahrheiten aus dem Internet. | Bild: Kerstin Oettle

Das dabei auch viel gelacht wird und es vertraut zugeht, ist schnell zu spüren. Ob es verrutschte Silikonkissen im Büstenhalter beim Sport sind oder die bevorzugte Behandlung in der Autowerkstatt als Frau, es gibt unzählige Geschichten und Erlebnisse. Der Werdegang eines jeden Transgenders ist anders, so wie auch die Wirkung der Hormone. Beispielsweise können Michaela und Evelin über Brustwachstum berichten, während die Hormontherapie bei Veronica überhaupt nichts an ihrer flachen Oberweite geändert hat. "Deswegen werde ich mich in drei Wochen einer Brustimplantat-OP unterziehen und freue mich schon jetzt auf die Strandbadsaison samt neuen Bikini", lacht die Industriemeisterin.

Seit ihrem Outing ist die 55jährige Veronica mit sich im Reinen. Sie freut sich auf ihre Brust OP und die anschliessende Badesaison.
Seit ihrem Outing ist die 55jährige Veronica mit sich im Reinen. Sie freut sich auf ihre Brust OP und die anschliessende Badesaison. | Bild: Kerstin Oettle

Aus diesen Operationserfahrungen werden sich wieder neue Empfehlungen für andere Transgender ergeben, die Gleiches vorhaben. Neben der Weitergabe von Ratschlägen und Adressen, "geht es auch des Öfteren darum, anderen an die Hand nehmen und echte Hilfestellungen zu leisten", erzählt Evelin. Sie ist seit sieben Jahren beim Stammtisch und war bereits zweimal Patin von jungen Transgendern und hat sie zu Operationen oder Behörden "auf dem Weg in ihren richtigen Körper" begleitet. "Ich habe mich erst mit Ende 40 geoutet und freue mich, wenn junge Menschen schon viel früher den Mut haben, zu ihrer Transsexualität zu stehen und ihren Weg mit aller Konsequenz gehen möchten", erzählt die erfolgreiche Billardspielerin.

Die 56 jährige Evelin hat drei Kinder aus der Beziehung mit ihrer Exfrau, doch leider brachen diese den Kontakt nach ihrem Outing vor 7 Jahren ab.
Die 56 jährige Evelin hat drei Kinder aus der Beziehung mit ihrer Exfrau, doch leider brachen diese den Kontakt nach ihrem Outing vor 7 Jahren ab. | Bild: Kerstin Oettle

An diesem jüngsten Treffen sind alle Teilnehmerinnen ܦ50, obwohl die Altersspannbreite von 20 bis 66 Jahren reicht. Viele junge Transgender holen sich ihre Informationen zu Operationen, Hormonbehandlungen oder Ähnliches über das World Wide Web. "Generation Internet halt", berichtet Michaela. "Doch sooft sind sie mit den Halbwahrheiten aus dem Netz von so manchem Arzt wieder weggeschickt worden und sind im besten Fall bei uns gelandet", erzählt die IT-Spezialistin Michaela weiter. "Die persönliche Weitergabe von realen Erfahrungen wie hier beim Stammtisch, ist eben um vieles besser als der undifferenzierte Informationsüberfluss aus dem Internet", ist sich Michaela sicher. Ebenso sei persönliche Unterstützung durch das Gruppenerlebnis mit Gleichgesinnten an einem Tisch auch viel besser erfahrbar für den Einzelnen, sind sich die Teilnehmer einig.

Forderung: Weg mit psychologischen Gutachten

Weitere Einigkeit der Transgender herrscht in der Aufforderung an den Gesetzesgeber, die psychologischen Gutachten abzuschaffen. "Wenn ich mich nach 40 Jahren in meiner Transsexualität oute, um künftig in meinem richtigen Körper zu leben, dann möchte ich mich in meiner Selbstbestimmung nicht noch harten psychologischen Tests unterziehen müssen, für eine positive Zusage zu einer OP", befindet Veronica. Die, wie alle anwesenden Transgender-Frauen, erfolgreich eine Geschlechtsumwandlung hinter sich hat. Die Teilnehmer dieses Treffs sind froh, immer mehr Akzeptanz in der Gesellschaft zu erfahren und wünschen sich für den Wirtshaustreff in Zukunft mehr Zulauf, um nicht nur Informationen auszutauschen, sondern auch, um gemeinsam viel Spaß zu haben.