Markdorf – Konrad genießt und schweigt. Hört man genauer hin, schnurrt er zufrieden in sich hinein, während er sich sachte am Hals kraulen lässt. Das war nicht immer so. Einst war Konrad eher zum Heulen zumute. Aber zum Glück liegt dieses düstere Kater-Kapitel geschätzte 20 Katzenjahre zurück, und zum Glück verfügen die Samtpfoten über kein ausgeprägtes Langzeitgedächtnis. Und zum Glück hat der prächtige Kerl längst ein Zuhause gefunden, "residiert" seit rund fünf Jahren in der Unteren Gallusstraße, wird betreut und betüddelt, gebürstet und gestreichelt, gefüttert und versorgt von der gesamten Nachbarschaft.

Konrads Schicksal ist so schnell erklärt wie sein Leben dank des Tierschutzvereins Markdorf eine neue, ach was, überhaupt erst eine Wendung genommen hat. Von über 30 wild lebenden und in Erdlöchern geborenen Schrebergarten-Katzen südlich der B 33 war der kleine abgemagerte Kater nach der ersten Katzenzählung durch den Tierschutz zumindest per Chiffre bekannt. Erst nach dem Auftauchen des hungrigen und scheuen Minitigers in der Siedlung und auf Nachfrage bei Annemarie Hendricks, Vorstandsvorsitzende des Vereins, war klar: Vier aus der gesamten registrierten Sippschaft waren, noch bevor die Katzen eingefangen werden konnten, ausgebüxt und hatten das Weite gesucht. Aber so weit kam Konrad auch wieder nicht, hatte zumindest den Weg unbeschadet über die B 33 in die Untere Gallusstraße gefunden.

"Wer schon einmal solche frei geborenen Katzenbabys in ihrem Elend gesehen hat, weiß, dass diese Freiheit teuer erkauft ist", sagt Sabine Clauß vom Tierschutz. Im Gegensatz zur landläufigen Überzeugung seien Katzen nicht wie Wildtiere in der Lage, sich vollständig selbst zu versorgen. Vor allem Krankheiten könnten diese Tiere nicht aus eigener Kraft auskurieren, schon gar nicht, wenn ihr schlechter Futterzustand sie bereits geschwächt hätte.

Nun geht der Markdorfer Tierschutzverein in sein 25. Jahr, hat viele Tiere vor dem Tod gerettet, erfolgreich vermittelt und zu einem schönen Leben verholfen. Ein beachtliches Jubiläum, wenn man bedenkt, dass dieser Verein ausschließlich von seinen ehrenamtlich tätigen Mitgliedern lebt. Unterstützung von öffentlicher Seite erhält der Verein nicht, ist einzig auf Mitgliedsbeiträge und Spenden angewiesen. "Um möglichst vielen Menschen die Möglichkeit zu bieten, den Verein zu unterstützen, ist der Beitrag von 18 Euro im Jahr sehr niedrig gehalten", sagt Sabine Clauß und verweist auf die Dringlichkeit sämtlicher Zuwendungen. "Höhere Beträge sind natürlich auch möglich und immer willkommen!"

Es sind in der Tat enorme Kosten, die für all die zu kastrierenden Katzen anfallen. In den vergangenen vier Monaten waren es laut Verein sage und schreibe 61 Tiere. "Es landen aber nicht alle Katzen bei uns", erklärt Kirsten Wiedemann von der Tierartzpraxis Spielmann-Holtschmidt. Auf mehrere Tierärzte würden die Tiere verteilt. "Aber auch wir betreuen übergangsweise immer wieder Katzen, die aktuell nicht vermittelbar sind", sagt die Tierarzthelferin mit einem Blick auf die angehefteten Fotos an der Pinnwand am Eingang. So seien sämtliche Katzen, die der Tierschutzverein Markdorf unter seine Fittiche genommen hat und kastrieren ließ, quasi in "Pflegefamilien" untergebracht. So lange, bis sie ein festes Zuhause gefunden haben. Die Kosten dafür trägt allein der Tierschutzverein.

Auch die Kosten für Konrad übernahm der Tierschutz vollständig. Kastration, Impfung, Tätowierung. Mit der Bedingung, dass der Jungkater zurückkehrt in die Untere Gallusstraße. "Dort, wo wir einzelne streunende Katzen aufgreifen, werden sie in der Regel nach der Kastration auch wieder ausgesetzt", sagt Annemarie Hendricks. "Man kann solche Wildlinge schwer vermitteln, geschweige denn irgendwo einsperren", fügt die engagierte Tierschützerin bei.

Dass sich Konrad bald für die ganze Straße als großes Glück herausstellen sollte, war anfangs kaum vorstellbar. Scheu bei der geringsten Bewegung hinter dem Fenster, stets auf der Hut, ängstlich, wachsam und vor allem ausgehungert und abgemagert. Es benötigte viel Geduld und Durchhaltevermögen, bis er sich zähmen ließ.

Tierschutzverein

Der Tierschutzverein Markdorf ist Mitglied im Deutschen Tierschutzbund und vertritt dessen Ziel auch in Bezug auf die Nutztierhaltung sowie auf Kleintiere wie Kaninchen und Meerschweinchen. Auch bietet er Hilfe für Igel-, Vogel- und Feldhasenfindelkinder. Der Verein lebt von seinen ehrenamtlich tätigen Mitgliedern. Um die enormen Kosten für all die zu kastrierenden Katzen bezahlen zu können, wurde in diesem Jahr mit Unterstützung der Volksbank Überlingen ein sogenanntes Crowdfunding-Projekt (vom englischen "crowd" für Menschen und "funding" für Finanzierung) gestartet. Das Projekt läuft noch bis Mitte Mai. Für eine Spende von 5 Euro gibt es 10 Euro von der Volksbank dazu.