Durch den ornamentalen Stuck an der Decke ziehen sich Risse. Der Marmor in den Bädern war mal schick, ist es aber längst nicht mehr. In der Schlossscheuer hat sich der Schimmel häuslich eingenistet. Im Kühlraum tropft's von der Decke. Und im uralten Gewölbekeller blüht der Salpeter auf dem betagten Mauerwerk.

Bürger bekommen ihr Haus zurück

Nur wenige Menschen kennen diese Seiten des Bischofsschlosses. Überhaupt kennen wenige Markdorfer dieses Gebäude von innen. "Ich finde das schade, denn solange hier Hotelbetrieb herrschte, hatte sich keiner wirklich dafür interessiert", sagt Monika Schneider vom Markdorfer Stadtbauamt. Aber jetzt würde fast jeder dem Bau in seiner bisherigen Funktion als Hotel nachtrauern. Für sie sei es ein großes Glück, durch den Umbau vom Hotel zum Rathaus die Räumlichkeiten der Öffentlichkeit zugänglich machen zu können. "Jeder kann hier zukünftig ein und aus gehen", sagt Monika Schneider. "Indem die Stadtverwaltung hier einzieht, ziehen auch die Bürger ein."

Die Zimmer im Barockgeschoss sind selbst in leergeräumtem Zustand noch von beachtlicher Opulenz.
Die Zimmer im Barockgeschoss sind selbst in leergeräumtem Zustand noch von beachtlicher Opulenz. | Bild: Helga Stützenberger

Das umstrittene Vorhaben soll an dieser Stelle nicht thematisiert werden. Die Tatsache, dass an Ort und Stelle unmittelbarer Handlungsbedarf besteht, ist jedoch offensichtlich beim Betreten des Gebäudes. Im Rahmen eines mehrtägigen Projektes habe ich mich im leer stehenden Bischofsschloss umgesehen. Meine erwachsene Tochter Paula war zeitweise dabei.

Willkommen, herein! Noch ist es ein langer Weg, bis das Bischofschloss seine Türen für die Markdorfer Bürgerschaft öffnet, aber es scheint ein Weg zu sein, der das Bestehende mit Achtsamkeit betritt und das Neue behutsam angeht.
Willkommen, herein! Noch ist es ein langer Weg, bis das Bischofschloss seine Türen für die Markdorfer Bürgerschaft öffnet, aber es scheint ein Weg zu sein, der das Bestehende mit Achtsamkeit betritt und das Neue behutsam angeht. | Bild: Helga Stützenberger
Blick aus einem Turmzimmer des Markdorfer Bischofsschlosses über die historische Altstadt. Links der Turm der Pfarrkirche St. Nikolaus, etwa in der Bildmitte das Rathaus (mit grauem Dach), rechts davon der Staffelgiebel des Hexenturms. <em>Archivbild: Helga Stützenberger </em>
Blick aus einem Turmzimmer des Markdorfer Bischofsschlosses über die historische Altstadt. Links der Turm der Pfarrkirche St. Nikolaus, etwa in der Bildmitte das Rathaus (mit grauem Dach), rechts davon der Staffelgiebel des Hexenturms. Archivbild: Helga Stützenberger | Bild: Helga Stützenberger
Paula Stützenberger blickt wehmütig auf die Schlossscheuer. Denn diese wird der Abrissbirne zum Opfer fallen. Nimmt man den Anbau, der in seiner jetzigen Form erst auf die 1980er Jahre zurückgeht, einmal genauer unter die Lupe, ist ein Neubau – im selben Stil – was Brandschutz und Energieaufwand angeht, unumgänglich.
Paula Stützenberger blickt wehmütig auf die Schlossscheuer. Denn diese wird der Abrissbirne zum Opfer fallen. Nimmt man den Anbau, der in seiner jetzigen Form erst auf die 1980er Jahre zurückgeht, einmal genauer unter die Lupe, ist ein Neubau – im selben Stil – was Brandschutz und Energieaufwand angeht, unumgänglich. | Bild: Helga Stützenberger

Letzte Spuren vom Abverkauf

Bereits am zweiten Tag kenne ich mich aus. Die Wege sind mir geläufig, die Zimmer werden mir langsam vertraut. Der Durchblick in diesem verwinkelten Ensemble indes erschließt sich mir erst mit der Zeit. Nimmt man sich aber die Zeit, kann man sich hier wirklich und im Wortsinn gehen lassen und verlieren. "Für den Notfall ist hier meine Nummer", sagt Monika Schneider, falls ich mich verlaufen sollte. Sie sagt auch, dass sie sich über jegliches Interesse an diesem Gebäude freue. "Nur wenige Menschen nutzten je die Gelegenheit, einen Blick hier rein zu werfen."

Zahllose Menschen sind in all den Jahren des Hotelbetriebs diese Treppe auf- und abgegangen. Jetzt scheint die Zeit hier still zu stehen – bis das Bischofsschloss wieder mit neuem Leben gefüllt wird.
Zahllose Menschen sind in all den Jahren des Hotelbetriebs diese Treppe auf- und abgegangen. Jetzt scheint die Zeit hier still zu stehen – bis das Bischofsschloss wieder mit neuem Leben gefüllt wird. | Bild: Helga Stützenberger

Leere Zimmer, hier und da noch ein Möbelstück oder ein Accessoire mit einer Preisauszeichnung, das beim finalen Abverkauf keiner haben wollte. Ein paar vereinzelte Matratzen am Boden. Man möchte sie am liebsten zusammenschieben, die wenigen verwaisten Schränke neu arrangieren und jedes Zimmer, jede Suite mit neuem Leben füllen. Aber man sieht deutlich und an allen Ecken, dass der Zahn der Zeit den Bau längst in seinen Fängen hat. Korrosion. Klingt ähnlich wie Karies.

Unter Zuhilfenahme roter Klebepunkte wurden überall im Haus schadhafte Stellen am Deckenstuck gekennzeichnet.
Unter Zuhilfenahme roter Klebepunkte wurden überall im Haus schadhafte Stellen am Deckenstuck gekennzeichnet. | Bild: Helga Stützenberger

1000 Jahre Stadtgeschichte

Schließt man aber die Augen, konzentriert sich auf den Geruch, den jedes Zimmer ausdünstet – ein Geruch nach Sauberkeit trotz allen Staubes, nach frischer Bettwäsche, einer Melange aus Zahnpasta, Rasierwasser und Haarspray – dann füllt sich der Raum mit Stimmengewirr und Menschengemenge. Und Szenen aus über 1000 Jahren Stadtgeschichte werden lebendig. "Die Balken im ehemaligen Restaurant sind exakt auf das Jahr 1318 zurückzudatieren. Wir wissen seit Kurzem sogar, zu welcher Jahreszeit die Eichen geschlagen wurden", holt mich am letzten Tag meiner Mission Monika Schneider aus meinen Tagträumen zurück.

Steht man in einer der beinah leeren Suiten und lauscht der Stille, beginnt das Gebälk mit dem Gemäuer einen Dialog über Geschichten aus Tausendundeiner Nacht.
Steht man in einer der beinah leeren Suiten und lauscht der Stille, beginnt das Gebälk mit dem Gemäuer einen Dialog über Geschichten aus Tausendundeiner Nacht. | Bild: Helga Stützenberger

"Zurück" ist das Stichwort. Ich übergebe den Schlüssel. Es schwingt ein Anflug von Wehmut mit, denn dieses Gebäude mit all seinen erzählten Geschichten und einer gelebten Geschichte aus über 1000 Jahren ist mir ein Stück näher gekommen. Was aber bleibt davon übrig? "Nach vielen Sondierungen wissen wir heute, dass wir das Allermeiste erhalten können", sagt Monika Schneider zum Abschied. Das wiederum stimmt mich versöhnlich. Denn ich weiß, ich darf dieses Schloss, die einstige Sommerresidenz der Konstanzer Fürstbischöfe, jederzeit und so oft ich möchte wieder besuchen.

Kein Rathaus auf tönernen Füßen, wenngleich der Zahn der Zeit an den Grundfesten des historischen Schlossgemäuers nagt. Im Gewölbekeller blüht der Salpeter aus dem dicken Mauerwerk. Hier herrscht dringender Handlungsbedarf.
Kein Rathaus auf tönernen Füßen, wenngleich der Zahn der Zeit an den Grundfesten des historischen Schlossgemäuers nagt. Im Gewölbekeller blüht der Salpeter aus dem dicken Mauerwerk. Hier herrscht dringender Handlungsbedarf. | Bild: Helga Stützenberger
Der legendäre Hotel-Aufzug. Kaum ein Markdorfer hat ihn je betreten, aber fast jeder wusste über das Kuriosum dieser "Duschkabine im Lift" bescheid. Bleibt die Frage, ob Bürgermeister Georg Riedmann hier eine kalte Dusche erwartet.
Der legendäre Hotel-Aufzug. Kaum ein Markdorfer hat ihn je betreten, aber fast jeder wusste über das Kuriosum dieser "Duschkabine im Lift" bescheid. Bleibt die Frage, ob Bürgermeister Georg Riedmann hier eine kalte Dusche erwartet. | Bild: Helga Stützenberger