Herr Rogalla, Sie waren lange Jahre Vorsitzender beim TV Markdorf, heute sind Sie nicht nur für den Turnverein, sondern generell im Sportkreis Bodensee als sogenannter Sportmittler tätig. Was sind Ihre Aufgaben?

Der Sportmittler soll zwischen den Vereinen und den Geflüchteten einen Kontakt vermitteln. Das heißt, "Integration durch Sport" (IdS) voranbringen. Mittlerweile ist IdS ein Schlagwort, beziehungsweise zu einer Marke geworden, die vom Deutschen Olympischen Sportbund beworben wird. Und diese Marke wird nächstes Jahr 30 Jahre alt!

Also sind Flüchtlingsintegration und Willkommenskultur keine Begriffe aus dem 21. Jahrhundert, sondern seit jeher ein gesellschaftsrelevantes Thema?

Mit Sicherheit! Wenn wir zurückdenken, hatten wir in den letzten Jahrzehnten immer wieder Wellen von Migration. Denken wir nur an die Aussiedler aus Osteuropa in den 90er Jahren. Das hat sicherlich auch damals schon die Sportverantwortlichen bewegt. Völlig unauffällig und selbstverständlich haben sich diese neu Zugezogenen integriert, was ich selbst damals als Übungsleiter positiv erleben konnte. Nun berühren uns seit drei oder mehr Jahren erneut die weltweiten Flüchtlingsströme.

Wie spannt sich hier der Bogen zu Ihrem Engagement als Sportmittler?

Durch meine Mitgliedschaft im Freundeskreis Flucht und Asyl lernte ich Menschen kennen, die beruflich und ehrenamtlich im Bereich der Flüchtlingsintegration arbeiten, wie Mitarbeiter vom Amt für Migration oder Flüchtlingsbeauftragte bei der Stadtverwaltung. Angestoßen wurde der Ball erst durch die Präsidentin vom Sportkreis Bodensee, Eveline Leber, bei der Suche nach einem Sportmittler im Bodenseekreis, der sportaffin und mit der Flüchtlingshilfe vertraut sein sollte.

Dann ist Ihnen dieses Amt also zugeflogen, denn Sport und Kurt Rogalla gehören untrennbar zusammen?

Nun, ich konnte nicht "Nein" sagen, als die Frage direkt an mich gerichtet wurde. So habe ich seit Juli 2017 diesen Minijob, wobei mein veranschlagtes Stundenkontingent für die Arbeit gar nicht ausreicht. Weiteres wird ehrenamtlich bewältigt.

Was war das Neue an dieser Aufgabe?

Neu gegenüber der früheren Vorstandsarbeit im TVM, die überwiegend vereinsinterne Organisation bedeutete, ist nun die Kontaktaufnahme zu fremden Menschen, um sie in sportliche Vereine aller Art, ihren Fähigkeiten und Wünschen entsprechend, zu vermitteln. Sport kann dann schnell die Integration der Flüchtlinge in unsere Gesellschaft verbessern helfen, vorausgesetzt die ehrenamtlich geführten Vereine haben ihrerseits Interesse, genügend Trainer und freie Kapazitäten.

Inwiefern stehen Sie noch am Anfang dieser Aufgabe?

Einiges ist schon auf dem Weg. Es gibt bereits viele schöne Erfahrungen mit erfolgreichen Sportbegeisterten, die durch meine Unterstützung beispielsweise 2018 zum Demokratie-Leben-Lauf in Fischbach oder zum Gehrenberglauf gekommen sind oder sogar bei der Gauliga im Turnen beim TVM im Wettkampf antreten. Andererseits stehen wir aber noch am Anfang, da die Aufgaben des Sportmittlers weitgehend unbekannt sind und die Flüchtlinge unsere Vereinslandschaft mit ihren vielfältigen Möglichkeiten, Sport zu treiben, aus ihren Herkunftsländern nicht kennen. Natürlich lebt diese Art der Integrationsarbeit von der Kommunikation, die wir hier gerade betreiben.

Von Kommunikation lebt überhaupt alles Zwischenmenschliche. Wie auch von Werbung und Akquise innerhalb dieses Konsens'. Wie werben Sie?

Ich muss das Interesse der Vereine, der Übungsleiter und vor allem der Flüchtlinge durch Wort und Bild am gemeinsamen Sport wecken. Damit haben Geflüchtete unkompliziert die Gelegenheit, das Leben in Deutschland über den Sport kennenzulernen.

Und wer von den Flüchtlingen schaut schon mal in einen Verein?

Von allein Wenige! Denn im Alltag steht das Sporttreiben für Flüchtlinge erst mal nicht im Vordergrund. Fragen nach Bleiberecht, Wohnraum, Sprache, Ausbildung, Arbeit sind vorrangig.

Wie gut kommen Sie an diese Menschen ran? Öffnen sich da Türen, bestenfalls Herzen?

Gut. Zum Beispiel sind seit 2016 meine Frau und ich ehrenamtlich als Paten einer afghanischen Familie tätig. Weiterhin nehme ich an Veranstaltungen des Freundeskreises Flucht und Asyl, des Cafés International und der Flüchtlingsbeauftragen der Stadt teil. So konnte ich in den Flüchtlingsunterkünften Menschen unterschiedlicher Herkunft kennenlernen und tiefe Einblicke in die Sorgen und Nöte dieser Menschen bekommen und natürlich viele Kontakte aufbauen. Große Hilfe bei meiner Aufgabe sind die vielen Paten anderer Flüchtlingsfamilien, die sich ebenfalls freuen, wenn ihre Schützlinge über den Sport neue Perspektiven bekommen.

Muss man sich so eine Patenschaft vorstellen wie im althergebrachten Sinn?

Ja, gewissermaßen schon. Dabei hat man ein offenes Ohr für die alltäglichen Probleme der Familien und kann ihnen mit Rat und Tat zu Seite stehen. Und dann ergibt sich beispielsweise in meiner Patenfamilie auch die Vermittlung zweier Mädchen in eine Turngruppe, sodass sie jetzt schon begeistert bei der Vorführung "TVM total" mitgewirkt haben. Erfahrungsgemäß ist der Schlüssel für eine dauerhafte Sportteilnahme die Begleitung zur ersten Übungsstunde, das heißt, symbolisch die Interessierten an die Hand zu nehmen. Zwingend verbunden sind bei Kindern und Jugendlichen das Einverständnis und die anfängliche Begleitung der Eltern für diese Sportmaßnahme.

Eine banale Frage, und doch alles andere als abgedroschen: Warum machen Sie das?

Aus Dankbarkeit! Ich habe das Glück, in diesem Land geboren zu sein; ohne Krieg erleben zu müssen, habe Recht auf Bildung und Meinungsfreiheit und kann ohne Existenzsorgen leben.

Worin sehen Sie vor allem auch für die Vereine den Mehrwert dieser Integrationsarbeit?

Es ist ein "Win-win-Situation". Die Sportvereine finden neue Mitglieder und auch Talente. Die Teilnehmer gewinnen neben dem Sport eine soziale Gruppe außerhalb ihrer Ethnie. Auch haben Vereine die Chance, wieder am Ligabetrieb teilzunehmen, wenn sie ihre Mannschaft bei bisher fehlenden Mitspielern wieder auffüllen können.

Können Sie von sich behaupten, Sie sind ein Vereinsmensch?

Ja, das bin ich. Schon als Kind habe ich im Verein geturnt. Beim TV Markdorf habe ich ab Ende der 1980er Jahre das Bubenturnen als Trainer aufgebaut. Diese vielfältige Erfahrung hilft mir und ist Grundlage für die jetzige Tätigkeit in der Integration durch Sport. Dabei habe ich stets ein offenes Ohr für alle Sportinteressierten, nicht nur für Flüchtlinge. Bei meiner Arbeit erhalte ich viel Dankbarkeit zurück, woraus ich schließe: Ja, da machen wir was richtig gerade im Sinne der Integration von Flüchtlingen durch Sport!