Wagenweise werden Aktenordner und Dokumente aus dem Markdorfer Rathaus gerettet.
Wagenweise werden Aktenordner und Dokumente aus dem Markdorfer Rathaus gerettet. | Bild: Sammlung Manfred Ill, Stadtarchiv Markdorf, Ordner 3-1

Ein Ereignis erschüttert die Markdorfer kurz nach dem Jahreswechsel 1963/1964: Das seinerzeit rund 400 Jahre alte Rathaus brennt in der Nacht zum 2. Januar lichterloh. Helmuth Widmann ist damals sein drittes Jahr bei der Freiwilligen Feuerwehr Markdorf aktiv und als 29-jähriger Gruppenführer im Einsatz. Der inzwischen 83-Jährige erzählt: „Ich wohnte in der Marienstraße, rund 300 Meter Luftlinie vom Rathaus entfernt. Den Brand habe ich erst mitbekommen, als Dachziegel auf ein Auto fielen, das vor der Firma Landmaschinen Ströhle unterhalb des Rathauses stand. Ich schaute zum Schlafzimmerfenster hinaus und sah in sehr nebliger Nacht die Riesenflammen.“

Erste Abbrucharbeiten am Markdorfer Rathaus unter Beteiligung von Einsatzkräften der freiwilligen Feuerwehr.
Erste Abbrucharbeiten am Markdorfer Rathaus unter Beteiligung von Einsatzkräften der freiwilligen Feuerwehr. | Bild: Sammlung Manfred Ill, Stadtarchiv Markdorf, Ordner 3-1

Eine Handvoll Feuerwehrmänner rückt aus

Mit dem Auto fährt Widmann im Schneckentempo zum Feuerwehrhaus, das damals am Florianweg gelegen ist. Die Straßen sind wegen Blitzeis' spiegelglatt. „Mit Kommandant Willi Beck waren wir zunächst eine Handvoll Feuerwehrmänner. Wir fuhren mit dem leichten Löschgruppenfahrzeug und Anhänger los...“, erinnert sich Widmann. Die Alarm-Sirene auf dem Hexenturm neben dem Rathaus ist nur kurz in Betrieb und nicht einmal richtig auf Touren gekommen, weil die Steuerleitung der Sirene in kürzester Zeit ein Raub der Flammen geworden ist.

Eine Szene von den Abbrucharbeiten, aufgenommen im April 1964. Links ein Teil einer Stützmauer des Rathauses, im Hintergrund die Pfarrkirche St. Nikolaus.
Eine Szene von den Abbrucharbeiten, aufgenommen im April 1964. Links ein Teil einer Stützmauer des Rathauses, im Hintergrund die Pfarrkirche St. Nikolaus. | Bild: Sammlung Manfred Ill, Stadtarchiv Markdorf, Ordner 3-1

Schachtdeckel vereist und festgefroren

Die Hitzeentwicklung am Brandort ist enorm, die Löscharbeiten gestalten sich sehr schwierig: „Die Schachtdeckel waren vereist und festgefroren. Das war eine Mordsarbeit, bis die Deckel mit Muskelkraft gelockert waren... Erst danach konnte die Wasserversorgung über einen Unterflurhydranten in der Marktstraße aufgebaut werden.“ Diese Wasserversorgungsleitung habe nur 80 Millimeter Durchmesser gehabt – für die notwendigen Löscharbeiten viel zu wenig. Eine weitere Leitung für Löschwasser wird von der Alten Kaplanei aus verlegt, die in Nachbarschaft zum Rathaus gelegen ist. „Erst als noch eine Wasserversorgung von einem Überflurhydranten mit 100-Millimeter-Leitung aus Richtung der Straße Weinsteig aufgebaut war, konnten die Löscharbeiten mit dem notwendigen Wasserdruck erledigt werden“, berichtet Widmann.

Eine Szene von den Arbeiten auf der Großbaustelle für das neue Markdorfer Rathaus aus dem Jahr 1965.
Eine Szene von den Arbeiten auf der Großbaustelle für das neue Markdorfer Rathaus aus dem Jahr 1965. | Bild: Sammlung Manfred Ill, Stadtarchiv Markdorf, Ordner 3-1

Löscharbeiten dauern rund eineinhalb Tage

Die Löscharbeiten haben nach Widmanns Erinnerung gut eineinhalb Tage gedauert. Rund 50 Mann im Einsatz, die Überlinger Feuerwehr rückt mit einer Drehleiter an, um die Markdorfer Kameraden zu unterstützen. Weil es in der Gehrenbergstadt neblig und die Alarm-Sirene ausgefallen ist, haben die Feuerwehrkameraden aus der Weststadt erst gegen Mittag des 2. Januar mitbekommen, dass das Rathaus gebrannt hat, erinnert sich Helmuth Widmann. Er ergänzt: "Damals gab es ja noch keine Alarmierung per Funk."

Diese Aufnahme vom Februar 1966 zeigt das eingedeckte Dach des neuen Markdorfer Rathauses. Folien decken die Fensteröffnungen ab. Hinten rechts der benachbarte Hexenturm.
Diese Aufnahme vom Februar 1966 zeigt das eingedeckte Dach des neuen Markdorfer Rathauses. Folien decken die Fensteröffnungen ab. Hinten rechts der benachbarte Hexenturm. | Bild: Sammlung Manfred Ill, Stadtarchiv Markdorf, Ordner 3-1

Brandwache im Schichtdienst geleistet

Am 2. Januar 1964 gilt es, diverse Glutnester zu beseitigen. Vom Rathausgebäude ist nur noch eine Brandruine übrig geblieben. Vom 2. zum 3. Januar wird im Schichtbetrieb Brandwache gehalten. „Erneut brach Feuer aus. Ein Schacht für Elektroleitungen wirkte wie ein Kamin. Das Rathaus sollte damals mit Elektroheizungen ausgestattet werden. Kamerad Edgar Sauseng und ich haben um Mitternacht den ersten Löscheinsatz der Markdorfer Wehr unter schwerem Atemschutz geleistet. Die grünlichen Flammen sehe ich wie heute vor mir“, erzählt Helmuth Widmann.

Das fertiggestellte Markdorfer Rathaus am 1. Juli 1967 – so wie es derzeit steht.
Das fertiggestellte Markdorfer Rathaus am 1. Juli 1967 – so wie es derzeit steht. | Bild: Sammlung Manfred Ill, Stadtarchiv Markdorf, Ordner 3-1

Ursache: Ofenrohr entzündet Dachbalken

Die Brandursache ist schnell herausgefunden: Für den Neujahrsempfang ist ein Kachelofen eingeheizt worden. Ein heißes Ofenrohr hat einen Dachbalken entzündet... Als die Löscharbeiten beendet sind, wird festgestellt, dass das Rathaus durch Feuer und Löschwasser so stark beschädigt ist, dass es abgebrochen werden muss. Die Verwaltung zieht in das Alte Schulhaus um. Ab 1965 wird das neue Rathaus gebaut, wie es heute noch steht.

Das Markdorfer Rathaus ist ein Sanierungsfall: Umfangreiche Sanierung plus neuem Anbau oder Verlagerung der Stadtverwaltung ins Bischofsschloss lauteten bisher die Optionen.
Das Markdorfer Rathaus ist ein Sanierungsfall: Umfangreiche Sanierung plus neuem Anbau oder Verlagerung der Stadtverwaltung ins Bischofsschloss lauteten bisher die Optionen. | Bild: Toni Ganter

Als "Gaffer" auf der Kirchenmauer

Hörte sich am Donnerstagmorgen, 2. Januar, 1964 durch Sturmgeläut' zum Rathausbrand gerufen, statt zur Frühmesse: Zeitzeuge Winfried Thum.
Hörte sich am Donnerstagmorgen, 2. Januar, 1964 durch Sturmgeläut' zum Rathausbrand gerufen, statt zur Frühmesse: Zeitzeuge Winfried Thum. | Bild: Archivbild: Jörg Büsche

Winfried Thum arbeitete 43 Jahre beim SÜDKURIER, davon 23,5 Jahre in der Lokalredaktion Markdorf. Er hat die Löscharbeiten wegen des Rathausbrandes 1964 als knapp elfjähriger Ministrant beobachtet:

„Es war ein eisiger Morgen und ich war früh unterwegs, genauer unterwegs zur Pfarrkirche St. Nikolaus, wo ich als Ministrant für die Frühmesse eingeteilt war. Die gute Nachricht für den Ministranten: Die 7-Uhr-Messe fiel aus. Die schlechte Nachricht: Sie fiel aus, weil das Rathaus brannte.

Geistlicher Rat Johannes Würth, damals Stadtpfarrer, war samt seinem Mesner Hubert Freyas in höchster Sorge. Freyas hat die Kirchenglocken geläutet. Unregelmäßig und disharmonisch, um, wie er selber sagte, ,das Klangbild des Stürmens zu erreichen’. Er hatte sich an Berichte seines Großvaters und Vaters erinnert, wonach der Mesner im Brandfalle als einer der Ersten zu benachrichtigen sei, den man ,bei einem Brand zum Stürmen mit den Glocken’ schickte... Kurz, der Gottesdienst fiel aus und Johannes Würth öffnete den Tresor des Gotteshauses, darin die Monstranzen und Kirchenschätze, um diese falls nötig, schnell in Sicherheit bringen zu können.“

Winfried Thum erzählt weiter: „Derweil mein Mit-Ministrant Gerold Rid und ich zusammen mit anderen ,Gaffern’ auf der Kirchenmauer standen und der Feuerwehr bei ihren verzweifelten Löschversuchen zusahen. Ein dramatisches Schauspiel für uns Buben.

Der spätere Feuerkommandant Berthold Haller kennt die Brandursache ganz genau. Obwohl das Rathaus eine neue elektrische Heizung erhalten hatte, war der Kachelofen von den Putzfrauen für einen Empfang im Bürgersaal kräftig eingeheizt worden und das Ofenrohr hatte einen Balken in Brand gesetzt.“ (büj)

 

Damals und heute

  • Unsere Serie: In der großen SÜDKURIER-Serie „Gedächtnis der Region“ widmen wir uns in unseren Lokalteilen dem Wandel am Bodensee, am Hochrhein und im Schwarzwald. Anhand von historischen und aktuellen Bildern zeigen wir, wie sich das Leben in der Region verändert hat. In diesem Jahr werfen wir einen Blick in die 1960er Jahre.
  • Ihre Bilder: Wir suchen Ihre Bilder und Geschichten aus den 60er Jahren. Wie sah das Leben damals aus? Schicken Sie uns Ihre Erinnerungsschätze und Fotos und wir begeben uns für Sie auf Spurensuche.
    SÜDKURIER Lokalredaktion,
    Hauptstraße 4,
    88677 Markdorf,
    0 75 44/95 22 59 42,
    E-Mail: markdorf.redaktion@suedkurier.de

Als "Gaffer" auf der Kirchenmauer

Winfried Thum arbeitete 43 Jahre beim SÜDKURIER, davon 23,5 Jahre in der Lokalredaktion Markdorf. Er hat die Löscharbeiten wegen des Rathausbrandes 1964 als knapp elfjähriger Ministrant beobachtet:

„Es war ein eisiger Morgen und ich war früh unterwegs, genauer unterwegs zur Pfarrkirche St. Nikolaus, wo ich als Ministrant für die Frühmesse eingeteilt war. Die gute Nachricht für den Ministranten: Die 7-Uhr-Messe fiel aus. Die schlechte Nachricht: Sie fiel aus, weil das Rathaus brannte.

Geistlicher Rat Johannes Würth, damals Stadtpfarrer, war samt seinem Mesner Hubert Freyas in höchster Sorge. Freyas hat die Kirchenglocken geläutet. Unregelmäßig und disharmonisch, um, wie er selber sagte, ,das Klangbild des Stürmens zu erreichen’. Er hatte sich an Berichte seines Großvaters und Vaters erinnert, wonach der Mesner im Brandfalle als einer der Ersten zu benachrichtigen sei, den man ,bei einem Brand zum Stürmen mit den Glocken’ schickte... Kurz, der Gottesdienst fiel aus und Johannes Würth öffnete den Tresor des Gotteshauses, darin die Monstranzen und Kirchenschätze, um diese falls nötig, schnell in Sicherheit bringen zu können.“

Winfried Thum erzählt weiter: „Derweil mein Mit-Ministrant Gerold Rid und ich zusammen mit anderen ,Gaffern’ auf der Kirchenmauer standen und der Feuerwehr bei ihren verzweifelten Löschversuchen zusahen. Ein dramatisches Schauspiel für uns Buben.

Der spätere Feuerkommandant Berthold Haller kennt die Brandursache ganz genau. Obwohl das Rathaus eine neue elektrische Heizung erhalten hatte, war der Kachelofen von den Putzfrauen für einen Empfang im Bürgersaal kräftig eingeheizt worden und das Ofenrohr hatte einen Balken in Brand gesetzt.“ (büj)