Nach dem Geständnis zweier Angeklagter, die mit zwei anderen Beteiligten einen Einbruch mit Raub in ein Wohnhaus in Markdorf verübt und dort ein Paar sowie deren Sohn gefesselt und unter Bedrohung mit Pistole und Messern zur Herausgabe von Schmuck, Geld und hochwertigen Armbanduhren gezwungen hatten, bleiben nach dem ersten Prozesstag am Landgericht Konstanz viele Fragen: Stimmt die Version der Geständigen? War – wie behauptet – noch maßgeblich ein Cousin oder Großcousin eines Täters an dem Einbruch am 23. Mai 2018 morgens um 4 Uhr beteiligt? Wer von den insgesamt sechs Angeklagten, die die bosnische beziehungsweise kosovarische Staatsangehörigkeit besitzen und von denen sich die Mehrheit ausschwieg, war der Haupttäter, der Anführer, wer verhielt sich eher passiv, wer hat nur die Beute im Wert von rund 45 000 Euro veräußert oder Wohnungen ausgekundschaftet?

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In Fußfesseln in den Gerichtssaal

In Fußfesseln und unter der Aufsicht zahlreicher Sicherheitsbeamter wurden die sechs wegen schweren Raubs mit gewerbsmäßiger Bandenhehlerei angeklagten Männer im Alter von 21 bis 34 Jahren aus der seit ihrer Festnahme Mitte Juni 2018 dauernden Untersuchunghaft in den Gerichtssaal geführt. Der Prozess findet, wie auch der Mafia-Prozess, in der Kantine auf dem ehemaligen Siemensareal statt. Sie schilderten ihren Lebensweg, der bei etlichen schon im jugendlichen Alter bis heute mit anhaltendem Konsum von Alkohol und Drogen einherging, mit kriegstraumatischen Erlebnissen, Asylgesuchen, familiären, krankheitsbedingten und ökonomischen Notsituationen, mit denen Arbeitslosigkeit und abgebrochene Ausbildungen begründet wurden, die aber auch Ergebnis der Drogenabhängigkeit waren.

Während sich einer der Angeklagten auf dem Stuhl lümmelte, grinste ein anderer stetig, andere saßen mit vorgebeugtem Oberkörper oder angespannt aufrecht während der Verhandlung und des Verlesens der Anklage durch Staatsanwalt Nolte. Demnach sollen sich die vier am Einbruch Beteiligten sowie weitere Personen wegen Wohnungseinbrüchen und Überfällen zusammengetan und geeignete Objekte ausgekundschaftet haben. Das bestätigte einer der Angeklagten, wohl die mit einem Geständnis einhergehende Strafminderung vor Augen, über die der Vorsitzende Richter Bonath informiert hatte. Detailliert schilderte der Geständige den Vorgang, wies sich dabei aber eine eher passive Rolle zu.

Nachts das Markdorfer Anwesen ausgespäht

Demzufolge war er von einem der Mitangeklagten, den er aus seinem Heimatdorf im Kosovo kannte, Tage vor der Tat nach Ravensburg eingeladen worden, von wo er auch seine Familie besuchte. Am Tag vor dem Einbruch besorgte er sich Haschisch, gegen 22 Uhr fuhren sie nach Markdorf und beobachten von einem erhöhten Standort im Wald das ausgespähte Anwesen, konsumierten dort Drogen. Als der Weg über die Terrassentür ins Haus gewaltsam freigemacht war, wollte er zunächst nicht mit hinein: "Ich habe denen gesagt, ich habe Angst, ich kann da nicht mit hinein, wenn dort jemand ist. Ich war voller Adrenalin." Aber er sollte übersetzen und wurde mit ins Haus gezogen. Er half, den im Schlaf überraschten Mann aus dem Zimmer zu ziehen, passte auch auf dessen Partnerin und den 19-jährigen Sohn auf, sah als Beute nur die hochwertigen Armbanduhren. Als einer beim Fesseln der Drei die mitgeführte Pistole mit Adlerzeichen, wie sie vor dem zweiten Weltkrieg benutzt wurde, durchgeladen hatte, habe er ihm gesagt, "Spinnst Du, was ist das für eine Scheiße, die Du machst!" Mit zwei kleinen, in einem Baumarkt erstandenen Messern war die Familie außerdem bedroht worden.

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Reifenplatzer auf der Flucht

Mit der Warnung, nicht die Polizei zu rufen, verschwanden die vier, ließen auf Bitte der Frau die Handys wegen ihrer Kontaktdaten im Haus, versteckten alle Telefone jedoch und fuhren mit dem etwa 600 Meter entfernt geparkten Mercedes weg. Wegen eines geplatzten Reifens mussten sie noch eine Tankstelle aufsuchen und einen Mechaniker organisieren. 1500 Euro habe er später in Oberhausen als Anteil für die veräußerten Uhren erhalten, obwohl der Gewinn größer gewesen sein soll. Ein Teil des Geldes sei für Kokain und "den Besuch im Puff" draufgegangen.

Alle seien betrunken gewesen

Ein weiterer Angeklagter bestritt jedoch seine Anwesenheit im Haus, er sei nur der Fahrer gewesen. Ein in den Kosovo zurückgekehrter Cousin des Geständigen und der Haupttäter seien im Haus gewesen. Dessen Name wolle er aber nicht verraten, weil er dessen Leben nicht zerstören wolle. Sie alle seien betrunken und bekifft gewesen. Er habe seinem Cousin geschrieben, ob er jemanden kenne, der die Uhren erwerben wolle. "Wir hatten nicht vor, die Tat zu begehen, aber wir hatten kein Geld für die Rückfahrt nach Hause und wollten eigentlich nur eine Bäckerei überfallen." Die Pistole wurde während der Fahrt auf der Autobahn Richtung Stuttgart aus dem Auto geworfen, sie sei ohnehin kaputt gewesen.

Weil die Verhandlung später begonnen hatte, zwei unvorhergesehene längere Pausen eingelegt worden waren und ein Anwalt einen anderweitigen Termin geplant hatte, mussten die Zeugenaussagen auf den nächsten Prozesstag verlegt werden. Für diesen wurde ein weiteres Geständnis angekündigt.

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Weitere Geständnisse am Freitag

Am zweiten Prozesstag, dem Freitag, gestanden weitere Angeklagte, einer vollumfänglich, ein anderer vorbehaltlich einiger Details. Sie entschuldigten die Tat mit Kokain-Abhängigkeit und Geldnot. Betroffenheit machte sich bei den Zuhörern breit, als die Geschädigte die Tat schilderte, unter der sie bis heute leidet. Die 54-Jährige, ihr Partner und ihr Sohn waren von den maskierten Männern aus dem Bett gerissen und gezwungen worden, den Standort des Safes preiszugeben. Da sie jedoch keinen besaßen und ihnen zunächst nicht geglaubt wurde, gingen sie mit den Einbrechern durchs ganze Haus. „Ich war erleichtert, als sie wenigstens die Uhren fanden, denn die Situation ist fast eskaliert. Der größte der Täter hatte auf den Schrank eingedroschen, da dachte ich, jetzt ist Sense hier.“ Die Durchforstung des Hauses nach Schmuck und Geld dauerte eine Stunde. Die Familie war unter Vorhalt der Pistole gezwungen worden, sich auf den Boden zu kauern und wurde später mit mitgebrachtem Klebeband aneinandergefesselt. Der Sohn konnte sich als erster befreien, mit einem übersehenen Handy wurde die Polizei informiert.

Betroffene leiden heute noch

Bis heute leidet die Frau unter den Folgen, konnte rund 40 Tage nicht arbeiten, schläft, wie ihr Mann, keine Nacht mehr durch, ist ängstlich geworden und fühlt sich im eigenen Haus nicht mehr sicher. Ein Landsmann aus Bocholt, dessen Auto als Fluchtfahrzeug diente, während dieser sich im Kosovo aufhielt, bestätigte, dass er von den Taten der Angeklagten gewusst habe. Raub und Einbrüche in Nordrhein-Westfalen, von denen ein Polizeibeamter berichtete, sowie Handy-Fotos und Videos, die die Angeklagten mit der Pistole und als Geldzähler unmittelbar nach einer Tat zeigten, bestätigten den Vorwurf des schweren Raubs.

Der Prozess wird am Freitag, 15. Februar, fortgesetzt