Welche Erfahrungen machen Pendler tagtäglich, wenn sie von daheim beispielsweise zur Arbeit, zur Schule oder zur Uni und wieder zurückkommen wollen? Wir haben uns umgehört und lassen eine Autofahrerin, einen Bahnfahrer, eine Bus-Nutzerin und einen überzeugten Radler zu Wort kommen.

Pendelt mit dem Auto, nimmt aber auch ab und zu das E-Bike: Heike Viellieber aus Bermatingen.
Pendelt mit dem Auto, nimmt aber auch ab und zu das E-Bike: Heike Viellieber aus Bermatingen. | Bild: Jörg Büsche

Heike Viellieber wohnt in Bermatingen. Sie arbeitet in Friedrichshafen in der Zeppelin-Universität. „Weil ich jeden Morgen recht früh anfange – in der Regel gegen 7.20 Uhr, 7.30 Uhr – nehme ich das Auto.“ Würde sie per Bahn fahren, müsste sie wesentlich früher aufstehen.

Im Sommer auch mit E-Bike unterwegs

„Im Sommer fahre ich allerdings auch oft mit dem Rad.“ Mit einem E-Bike, dass sich die 55-Jährige vor zwei Jahren gekauft hat. „Damit komme ich flott voran – und ich fahr‘ durch eine wunderschöne Landschaft.“ An E-Bikes, überhaupt an eine vernünftige Fahrrad-Infrastruktur sei jedoch vor 37 Jahren, als Heike Viellieber ihren Führerschein gemacht hat, „überhaupt noch kein Denken“ gewesen. Mobilität – und damit der Wunsch nach Unabhängigkeit und Freiheit – hieß damals Auto fahren.

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Zum Feierabend hin zu wenige Zugverbindungen

An die vielen Vorteile eines Platzes hinterm Steuer fühlte sich Heike Viellieber erinnert, als sie vor einiger Zeit Probleme mit ihrem Wagen hatte. Wegen technischer Probleme stand der zwei Wochen still. „Eine Katastrophe!“, erinnert sich die Büroleiterin für den Bereich Weiterbildung für Erwachsene in der Hochschule, „ich kann bei meinem Job abends ja nicht einfach den Stift fallen lassen, weil der Zug gleich abfährt.“ Der Effekt – sie war abends erst sehr spät zu Hause.

Überflüssige Fahrten mit dem Auto vermeiden

„Mein Mann und ich schauen natürlich darauf, dass wir keine überflüssigen Fahrten machen, Besorgungen geschehen möglichst beim Rückweg von der Arbeit. Und in der Freizeit kommt es häufig zu Gemeinschaftsfahrten mit Freunden.“ Das Umweltbewusstsein sei inzwischen auch in der Generation der ehedem gänzlich unbekümmerten Auto-Nutzer angekommen. Unverzichtbar sei das eigene Auto für sie trotzdem.

Findet, dass die Bahn an ihrem Image arbeiten sollte: Schüler Timo Lämmle aus Markdorf.
Findet, dass die Bahn an ihrem Image arbeiten sollte: Schüler Timo Lämmle aus Markdorf. | Bild: Jörg Büsche

Timo Lämmle geht noch zur Schule. Er besucht die Überlinger Constantin-Vanotti-Schule. Für seinen Schulweg, von Markdorf nach Überlingen sind es 19 Kilometer, fährt der 18-Jährige mit der Bahn. Nur gelegentlich borgt er sich ein Auto. Insgesamt ist er zufrieden. Er kann die oft geäußerte Klage über unsaubere Züge nicht teilen. Und alles in allem genüge ihm auch der Platz.

Neue Züge erscheinen recht komfortabel

Die seit einiger Zeit eingesetzten neuen Züge erscheinen ihm sogar recht komfortabel. Um die Beinfreiheit könne es etwas besser bestellt sein, befindet der Schüler. „Sicher, mir ist aufgefallen, dass ältere Menschen manchmal ihre Schwierigkeiten haben mit den steilen Stufen.“ Eher unbequem seien die auch für alle, die im Zug ihr Fahrrad mitnehmen möchten.

Problematisch sind die Zugverspätungen

„Ein ganz großes Thema sind natürlich die Verspätungen“, moniert Timo Lämmle. Sein Eindruck: „Morgens sind vier von fünf Zügen unpünktlich.“ Und das schwanke zwischen – eher zu vernachlässigenden – drei und schon erheblich problematischeren 15 Minuten. Gerade diese Verspätungsträchtigkeit der Bahn trage sicherlich viel zum schlechten Bild der Bahn bei, das sie in der Öffentlichkeit habe, vermutet der 18-Jährige. Er meint: „Dieses Negativ-Image muss die Bahn dringend aufpolieren.“ Am besten durch mehr Pünktlichkeit.

Bahn braucht mehr zweigleisige Strecken

Wobei dem Schüler auf der anderen Seite klar ist, wo die Hauptursache liegt. „Die Strecke Friedrichshafen/Radolfzell ist eingleisig.“ Sie sollte dringend ausgebaut werden. Auch, damit die Züge öfter fahren. Aus Schwäbisch Gmünd kenne er die Vorzüge einer engeren Taktung. Die motiviere viele zum Umsteigen vom Auto auf die Bahn. Dass er später ganz auf ein eigenes Auto verzichtet, glaubt Lämmle allerdings nicht.

Wünscht sich einen Verkehrsverbund mit passenden Tarifen für Studenten auch diesseits des Bodensees: Luisa Schöttke aus Markdorf.
Wünscht sich einen Verkehrsverbund mit passenden Tarifen für Studenten auch diesseits des Bodensees: Luisa Schöttke aus Markdorf. | Bild: Jörg Büsche

Luisa Schöttke nimmt den Bus. Der sei bequem, in den allermeisten Fällen auch pünktlich. „Nein, ich kann wirklich nicht klagen“, erklärt die 22-Jährige. Bus fährt sie allerdings erst ab dem Fähreanleger in Konstanz, wo die junge Markdorferin Englisch und Deutsch studiert. Sie will Gymnasiallehrerin werden.

Erst ein Stück per Auto, dann mit dem Bus

Diesseits des Sees, legt die Studentin die Strecke von Markdorf nach Meersburg jedoch mit dem Wagen ihrer Mutter zurück. Weil die Busverbindungen hier für sie eher ungünstig seien.

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Entweder bedeutet den Bus nehmen sehr, sehr frühes Aufstehen – oder es gelte auf dem Rückweg sehr, sehr lange in Meersburg auf den Anschluss zu warten. So die eher schlechten Erfahrungen, die die Studentin in der ersten Zeit nach Aufnahme ihres Studiums gesammelt habe.

Taktung zwischen Bus und Fähre sollte besser sein

Und wenn‘s bös‘ kommt, fährt beim Ausstieg von der Fähre gerade der Bus weg – oder die Fähre, wenn der Bus ankommt. Solchen Unbequemlichkeiten begegnet Luisa Schöttke laut eigenem Bekunden drüben in Konstanz kaum, da sei die Taktung der Omnibusse wesentlich enger. Freilich: „Es gibt auch eine Linie zur Uni, die fährt oft mit ziemlich vollen Bussen“, berichtet die Studentin. Deshalb nehme sie die andere Linie, wo sie immer einen freien Sitzplatz findet.

Studi-Tickets auch diesseits des Sees gewünscht

Als positiv empfindet die 22-Jährige, „dass die Busse klimatisiert sind“. Und sie seien auch ziemlich sauber, sodass man sich getrost überall hinsetzen könne. Ein weiterer Grund den Bus zu nutzen, sei ihr Studenten-Ticket. Für 56 Euro je Semester könne sie Fähre oder Bus nehmen, wann immer sie wolle. Ein ähnliches Angebot, etwa einen Verkehrsverbund mit günstigen Angeboten, wünscht sich die Studentin auch für diese Seeseite. „Ich wäre sofort dabei.“ Das könnte mehr Menschen zum Umstieg auf den ÖPNV bewegen, glaubt Luisa Schöttke.

Ein Radfahrer aus Überzeugung: Karl Honnen aus Markdorf.
Ein Radfahrer aus Überzeugung: Karl Honnen aus Markdorf. | Bild: Jörg Büsche

Karl Honnen radelt aus Überzeugung. Bevor der 64-jährige Raumfahrt-Ingenieur in Rente ging, ist er jeden Tag per Velo von Markdorf zur Arbeit gefahren. „Weil ich Autofahren einfach lästig finde – die vielen Staus, die ständige Parkplatzsuche – außerdem sind Autos eine riesengroße Verschwendung.“ Insbesondere dann, wenn ein Wagen nur von einer Person genutzt werde.

Autos im ländlichen Raum kaum verzichtbar

Gleichwohl „sind Autos hier im ländlichen Raum fast unverzichtbar – jedenfalls bis jetzt“, räumt Honnen ein. Viel zu weitmaschig sei das Netz des ÖPNV. Und bei aller Liebe fürs Rad, so ergänzt der passionierte Rad-Reisende, „für lange Strecken ist das Fahrrad auch keine wirkliche Alternative“.

Fahrrad für kürzere Strecken gut geeignet

Ganz anders bei Strecken unterhalb von fünf, sechs Kilometern. Der geübte Radler bewältige die locker, komme auch noch nicht ins Schwitzen. Obendrein sei er an der frischen Luft und stärke seine Abwehrkräfte. Werden die Strecken länger, werde es schwieriger – etwa für Arbeitswege. Dann seien Radler am Arbeitsplatz auf Duschen und Waschgelegenheiten angewiesen. Aber da habe sich inzwischen viel getan. Bei vielen Arbeitgebern habe sich ein gewisser Bewusstseinswandel eingestellt.

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Mehr Fahrradstraßen oder umgewidmete Wege nötig

Ein großer Vorzug in der Region seien die Wirtschaftswege. Die erlaubten dem Radler, von den viel von Autos frequentierten Strecken fernzubleiben. Würden noch mehr Wege zu Fahrradstraßen umgewidmet oder zumindest zu Wegen, auf denen Radfahrer als gleichberechtigte Verkehrsteilnehmer angesehen werden, ließe sich viel verbessern. Insbesondere, wenn zudem noch einige Radweg-Verbindungen ausgebaut würden, wäre es für Rad-Pendler noch viel bequemer, ist Karl Honnen fest überzeugt. „Das könnte manchen in den Sattel bringen.“

Zur Serie

An der SÜDKURIER-Umfrage „Jetzt mitreden“ haben 457 Leser aus Markdorf, Bermatingen und dem Deggenhausertal teilgenommen, darunter knapp die Hälfte Nicht-Abonnenten. Sowohl Abonnenten wie auch Nicht-Abonnenten hatten das Thema ÖPNV eindeutig an die erste Stelle ihrer Prioritätenliste von Wunschthemen gesetzt. Diesen Wunsch möchten wir von der Redaktion gerne aufgreifen und haben eine Serie entwickelt, die sich bis zum Jahresende in loser Folge einem konkreten ÖPNV-Thema widmen wird – immer unter der Maßgabe: Welche Ideen gibt es, was muss besser werden, sind Lösungen in Sicht? Wir wollen den Busverkehr ebenso beleuchten wie die Bahn oder auch andere Verkehrskonzepte. Zur Sprache kommen sowohl die Bürger wie ehrenamtlich engagierte Vertreter von Verbänden, aber auch kommunalpolitische Entscheidungsträger und Experten von Verkehrsunternehmen. Der Serie haben wir die Überschrift gegeben: „Wege aus der Verkehrsfalle? Der ÖPNV-Report Markdorf“. Heute lassen vier Pendler zu Wort kommen. (gup)