Sie hatten gewarnt. Die Anzahl der Plätze sei nur begrenzt. So schrieben die Veranstalter vom Markdorfer Automobil- und Motorsportclub Gehrenberg im ADAC (AuMSC) in ihrer Einladung an Pedelec- (Pedal Electric Cycle) und Elektrobike-Fahrer. Auch angesprochen waren all jene, die mit dem Gedanken spielen, sich ein solches Fahrrad anzuschaffen. Der Fahrer wird dabei durch einen elektrischen Zusatzantrieb unterstützt. "Schließlich werden es immer mehr Pedelecs und Elektrofahrräder im Straßenverkehr" beobachtet AuMSC-Vorsitzender Werner Gauß, der sich vor wenigen Monaten selber ein solches Gefährt gekauft hat. Die Kehrseite der Entwicklung ist die stark ansteigende Zahl der Verkehrsunfälle mit Pedelec- beziehungsweise E-Fahrrad-Beteiligung.

Keine einzige Anmeldung für den Kurs

Trotz des bundesweit zu beobachtenden E-Bike-Booms gab es keine einzige Anmeldung für den Kurs. Reinhold Malassa, AuMSC-Vize, sagt: "Das muss am heißen Wetter gelegen haben." Ähnliche, ebenfalls vom ADAC unterstützte Veranstaltungen in der Region hätten dagegen sehr wohl ihre Interessenten gefunden, erklärt Malasssa.

Von Weitem sieht das Pedelec aus wie ein ganz normales Fahrrad, doch ist es in der Regel viel schneller als ein Velo ohne E-Antrieb. Werner Gauss ist Vorsitzender des AuMSC.
Von Weitem sieht das Pedelec aus wie ein ganz normales Fahrrad, doch ist es in der Regel viel schneller als ein Velo ohne E-Antrieb. Werner Gauss ist Vorsitzender des AuMSC. | Bild: Jörg Büsche

Die Sicherheit auf und im Umgang mit dem Pedelec stand im Zentrum des geplanten Kurses auf dem Verkehrsübungsplatz. "Weil uns die Unfallstatistik erschreckt hat", erklärt Werner Gauss. Laut Statistischem Bundesamt starben 2017 68 Pedelec-Fahrer im Straßenverkehr – insgesamt wurden rund 5200 Unfälle gezählt. Die Zahl habe sich innerhalb von drei Jahren verdoppelt. Und auch wenn diese Daten durch den erheblichen Zuwachs an elektromotor-unterstützten Fahrrädern im bundesdeutschen Straßenverkehr relativiert werde, sagt Reinhold Malassa, unterm Strich sei die Zahl der verletzten oder getöteten Pedelec-Fahrer zu hoch. Zumal "sehr viele Unfälle vermieden werden könnten", erklärt Werner Gauß. Oftmals seien die Fahrer einfach überfordert, da sie die Geschwindigkeit ihres Fahrzeugs unterschätzen.

Los geht es mit sechs Stundenkilometern, demonstriert Werner Gauß mit seinem "Pedelec 25". 25, weil die Elektorfahrräder dieser Klasse bei einer höheren Geschwindigkeit vom Antrieb nicht mehr unterstützt werden. Anders als das Pedelec 45, das, da mit stärkerem Motor ausgestattet, bereits mit 20 Stundenkilometern startet und am Ende 45 fährt. "Diese Geschwindigkeiten verlangen ein Umdenken", erklärt Reinhold Malassa, "bei den Pedelec-Fahrern, aber auch bei allen anderen Verkehrsteilnehmern." Ihm sei es jüngst selbst passiert, dass er, von einer Parkplatzausfahrt kommend, in einiger Entfernung eine Radlerin bergauf strampeln gesehen habe. Beim nächsten Hinblicken sei sie, aller bisherigen Erfahrung entgegen, bereits dicht beim Auto gewesen – dank ihres Elektroantriebs.

Keine Pflicht bis zu 25-Stundenkilometer-Pedeler, aber überaus sinnvoll ist der Fahrradhelm, den hier Reinhold Malassa auf hat. Gleichfalls sinnvoll ist ein gutes Fahrradschloss, damit das teure E-Bike nicht gestohlen wird. Werner Gauss hlt es in Händen.
Keine Pflicht bis zu 25-Stundenkilometer-Pedeler, aber überaus sinnvoll ist der Fahrradhelm, den hier Reinhold Malassa auf hat. Gleichfalls sinnvoll ist ein gutes Fahrradschloss, damit das teure E-Bike nicht gestohlen wird. Werner Gauss hlt es in Händen. | Bild: Jörg Büsche

Viele saßen seit Jahrzehnten nicht auf dem Rad

"Für viele Ältere ist das Pedelec ja eine willkommene Gelegenheit, sich wieder mehr an der frischen Luft zu bewegen", erläutert Werner Gauß einen der Gründe für den derzeitigen E-Bike-Boom. Menschen, denen das Radfahren ohne Unterstützung zu beschwerlich geworden ist, die mitunter seit Jahrzehnten nicht mehr auf dem Sattel gesessen haben, finden nun wieder zurück auf den Radweg. Dank des Elektorantriebs haben alle Steigungen ihren Schrecken verloren. "Gerade hier in Markdorf ist das ein Thema", beobachtet Gauss. Markdorfer, die am Gehrenberghang wohnen, steigen immer häufiger um aufs Pedelec. Und manche überschätzen ihre eigene Reaktionsfähigkeit und unterschätzen "die Kräfte, die bei Tempo 25 wirken", sagt Reinhold Malassa. Oder sie seien nach langer Fahrrad-Abstinenz dem immer komplexer gewordenen Geschehen im Straßenverkehr nicht auf Anhieb gewachsen. Umso wichtiger sei es, sich vorsichtig ans Pedelec und dessen Möglichkeiten heranzutasten, betonen Gauß und Malassa.

Das war Sinn und Zweck des Trainings auf dem Verkehrsübungsplatz – mit Übungseinheiten zum Anfahren, stabilem Fahren oder Bremsen, mit Informationen über die diversen E-Bike-Typen und Tipps zur Kaufentscheidung. "Unser Angebot werden wir wiederholen", kündigt Werner Gauß an.

Was sagt die Pedelec-Fahrerin?

Kathrin Wiedmann fährt Pedelec – und ist "total zufrieden".
Kathrin Wiedmann fährt Pedelec – und ist "total zufrieden". | Bild: Jörg Büsche

Kathrin Wiedmann ist „total zufrieden“ mit ihrem Pedelec. „Ich fahre jetzt wieder regelmäßig Rad“, erklärt sie. Früher sei es allzu oft bei den guten Vorsätzen geblieben. Das Pedelec aber habe ihr die Furcht vor den auf den Strecken rund um Markdorf unvermeidbaren Steigungen genommen. Vom Elektroantrieb unterstützt erreiche sie nun ihr Ziel, ohne erschöpft zu sein. Ein immenser Vorteil für den täglichen Weg zur Arbeit, den sie natürlich mit dem Pedelec zurücklegt. „Ich habe es langsam angehen lassen“, berichtet Kathrin Wiedmann. Denn die zusätzliche Antriebskraft habe sie doch beeindruckt – ebenso wie die gestiegenen Pedelec-Unfallzahlen. Grund genug für sie, die Geschwindigkeit ihres E-Bikes nicht voll auszureizen. „Das Pedelec hilft, den innerstädtischen Verkehr zu entlasten, aber es bräuchte mehr Abstellplätze.“ Und auch Kathrin Wiedmann vermisst Ladestationen in Markdorf. Dass es nur eine auf dem Campinggelände Wirthshof gibt, sei noch zu wenig. Sicherheitstrainings, wie sie nun der AuMSC angeboten hat, findet die Pedelec-Fahrerin überaus sinnvoll – auch um weitere Menschen von den Möglichkeiten der E-Mobilität zu überzeugen.

Was sagt der Fahrradhändler?

Karl-Otto Hienerwadel ist Inhaber eines Fahrradgeschäfts in der Markdorfer Jahn-Straße.
Karl-Otto Hienerwadel ist Inhaber eines Fahrradgeschäfts in der Markdorfer Jahn-Straße. | Bild: Jörg Büsche

„Das Pedelec muss passen – zum Fahrer, der Fahrerin und zu deren besonderen Bedürfnissen“, erklärt Karl-Otto Hienerwadel, Inhaber eines Fahrradgeschäfts in der Markdorfer Jahn-Straße. Es verhalte sich wie beim ganz normalen Fahrrad. Den jeweiligen Anforderungen entsprechend gebe es E-Tourer, E-Mountainbikes und E-Rennräder. Hier müsse der Käufer auswählen. Karl-Otto Hienerwadel achtet auf eine gute Beleuchtung. „Auf dem Pedelec ist man schneller unterwegs, da gilt es einen weiteren Bereich auszuleuchten.“ Akkus mit höheren Leistungen empfiehlt er nur jenen, die größere Touren unternehmen. Für den täglichen Fahrbetrieb im Nahbereich genügen die leistungsschwächeren, aber deutlich günstigeren Versionen. Der Akku muss vor Kälte und Hitze geschützt werden. Wichtig: ein gutes Schloss, das das bei ihm zwischen 2300 bis 4000 Euro teure Gefährt vor Diebstahl schützt. „Pedelecs sind derzeit der funktionierende Teil der E-Mobilität“, erklärt Hienerwadel. Er wünscht sich zusätzliche sichere Abstellmöglichkeiten im öffentlichen Raum und auch Ladestationen. Bei ihm kaufen die Kunden inzwischen mehr E-Bikes als unmotorisierte Räder.