Es war, als sei ein Schleier von vielen Gesichtern gefallen, als rund 20 Interessierte nach fast drei Stunden wieder ans Tageslicht kamen. Man befand sich auf keiner Höhlenexpedition, sondern auf einer Tour durch das Bischofsschloss.

Stockwerk für Stockwerk geht Monika Schneider (links) zusammen mit den Gästen anhand der Pläne durch. Somit wird vieles für die Besucher nachvollziehbar.
Stockwerk für Stockwerk geht Monika Schneider (links) zusammen mit den Gästen anhand der Pläne durch. Somit wird vieles für die Besucher nachvollziehbar. | Bild: Helga Stützenberger

Wer ist wer und wer ist weshalb hier, waren nur zwei Fragen von vielen. "Für mich waren die Informationen in der Presse bislang sehr dürftig", sagt Edmund Lunnebach, der sich gleich zu Beginn als Fachmann zu erkennen gibt. Für ihn als Architekt sei es schon deshalb interessant, weil er selbst im Laufe der Zeit viele Altbausanierungen vorgenommen habe.

Schredder statt Whirlpool lautet hier das Motto. Aus dem ehemaligen Wellnessbereich soll ein Wirtschaftsraum werden, in dem unter anderem ein großer Aktenvernichter seinen Platz finden soll.
Schredder statt Whirlpool lautet hier das Motto. Aus dem ehemaligen Wellnessbereich soll ein Wirtschaftsraum werden, in dem unter anderem ein großer Aktenvernichter seinen Platz finden soll. | Bild: Helga Stützenberger

Ein klares Bild hat er noch keines und auch keine gefestigte Meinung, ob ein Rathausumzug ins Bischofsschloss sinnvoll sei. Aber er ist skeptisch. "Ich könnte mir auch die Hotelvariante weiter vorstellen", sagt er eingangs. Unvoreingenommen will er sich aber selbst einen Eindruck verschaffen von diesem historischen Gemäuer, vor allem davon, wie geeignet das Ensemble für ein Verwaltungsgebäude ist.

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Zusätzliche Termine bis September

Überhaupt. Wer von den Markdorfern kennt schon das Bischofsschloss von innen? Ein Kopfschütteln geht durch die Reihen der rund 20-köpfigen Gruppe, die sich im Schlosshof eingefunden hat. Lediglich das Restaurant war schon in mancher Munde; dann wird's auch still.

Im Heizungsraum des ehemaligen Hotels wird genau erklärt, wo nach vielen Bohrungen feuchte Stellen gefunden wurden und wo die Rollierung unter der dicken Betonbodenplatte trocken ist.
Im Heizungsraum des ehemaligen Hotels wird genau erklärt, wo nach vielen Bohrungen feuchte Stellen gefunden wurden und wo die Rollierung unter der dicken Betonbodenplatte trocken ist. | Bild: Helga Stützenberger

Seit dem 13. Juni, nach der Vorstellung der Entwurfsplanung und der Kostenberechnung, herrsche laut Monika Schneider ein regelrechter Run auf das Schloss. "Wir werden noch bis in den September hinein zusätzliche Führungen anbieten", sagt die Bauamtsangestellte, die die Gäste durch jeden Raum führt. Die Frage aller Fragen der Gäste: Wie sieht's aus nach 400 Sondierungen?

Neue Perspektiven auf das Bischofsschloss und den bevorstehenden Umbau eröffnen sich bei einer der Schlossführungen.
Neue Perspektiven auf das Bischofsschloss und den bevorstehenden Umbau eröffnen sich bei einer der Schlossführungen. | Bild: Helga Stützenberger

Schnell wird klar: Ein Idealzustand nach Standards und Anforderungen wie bei einem Neubau kann in diesem Gebäude niemals hergestellt werden. Das hapert einerseits an der Barrierefreiheit, andererseits an einer funktionalen strukturierten Anordnung der Büros. "Man bräuchte hier im Fall der Fälle ein eigenes Rathaus-GPS", scherzt Gisela Lunnebach, die sich, wie alle anderen schwertut mit der Orientierung in diesem verwinkelten Komplex. "Man wird sich hier nicht so oft aufhalten, dass man irgendwann die Wege kennen wird", teilt Gisela Lunnebach diese Meinung mit vielen anderen.

Diese Seite vom Bischofsschloss kennt kaum einer, aber es gibt auch die schäbigen Plätze, wie hier der Hintereingang vom Untertor aus. Dies soll ein Mitarbeitereingang mit Abstellplatz für Fahrräder werden.
Diese Seite vom Bischofsschloss kennt kaum einer, aber es gibt auch die schäbigen Plätze, wie hier der Hintereingang vom Untertor aus. Dies soll ein Mitarbeitereingang mit Abstellplatz für Fahrräder werden. | Bild: Helga Stützenberger

Dann taucht man gemeinsam ab in den Untergrund, man durchschreitet Zimmer um Zimmer, klopft an Mauern und Balken, man steigt bis unter den First des Turms hinauf, man studiert akribisch die Pläne – und begreift. Nicht nur haptisch den Salpeter an den Wänden und die feuchte Rollierung im tiefen Erdreich, sondern auch den Gedanken eines Gebäudes für alle und dessen mögliche Umsetzbarkeit.

Was für ein schönes Büro! Das "Puttenzimmer" samt dem anschließenden "Prinzessinenzimmer" soll dem Hauptamtsleiter Klaus Schiele vorbehalten sein.
Was für ein schönes Büro! Das "Puttenzimmer" samt dem anschließenden "Prinzessinenzimmer" soll dem Hauptamtsleiter Klaus Schiele vorbehalten sein. | Bild: Helga Stützenberger

Ein letzter Gang unter den tragenden Balken aus dem 14. Jahrhundert, dann geht die Tür noch oben wieder auf und man steht im gleißenden Sonnenlicht. Und jetzt? Hat sich was in den Köpfen verändert? "Ich bin begeistert von dieser eindrucksvollen Führung", sagt Christa Siehler, die aus Geislingen kommt. "Und ich finde es wunderbar, wenn dieses historische Gebäude für das öffentliche Leben genutzt wird."

Markdorfer können sich selbst ein Bild machen

Auch Anita Sträßle steht das Staunen ins Gesicht geschrieben. "So viele Menschen haben von Anfang an eine gefestigte Meinung zu diesem Vorhaben. Aber sie schließen sich oftmals irgendwelchen Floskeln an. Man muss sich davon selbst ein Bild machen!", ist sie der festen Überzeugung. Beeindruckt ist auch Meike Krüger: "Wie die Planung aussieht, ist mit keinen großen Überraschungen zu rechnen." Alles sei absolut offengelegt. "Es ist die Angst von allen, dass da 18,4 Millionen im Raum stehen und dann sind's am Ende doch 22 oder mehr", zeigt sie sich erstaunt über die große Transparenz.

Knapp 20 Markdorfer und Gäste interessierten sich für die Schlossführung. Noch bis Mitte September besteht die Möglichkeit, sich zweimal pro Woche einen Eindruck von diesem Gebäude zu verschaffen.
Knapp 20 Markdorfer und Gäste interessierten sich für die Schlossführung. Noch bis Mitte September besteht die Möglichkeit, sich zweimal pro Woche einen Eindruck von diesem Gebäude zu verschaffen. | Bild: Helga Stützenberger

Jetzt geht es aber in die nächste Phase: Ein Bürgerentscheid soll der Bevölkerung die Möglichkeit geben, sich demokratisch am gesamten Prozess zu beteiligen. Wie würde die Nicht-Markdorferin Christa Siehler nach dieser Führung stimmen? "Natürlich für die Rathausvariante!" Erst müsse man das Gebäude von innen sehen, dann müsse man seine Mauern und seine Geschichte und den Wert für die Bürger begreifen; und erst dann könne man sich ein eigenes Bild machen.

Vor Ort eine eigene Meinung bilden

Und was sagt der Skeptiker Edmund Lunnebach wieder am Tageslicht? "Ich bin mit der Ansicht hier rein gegangen, dass ein Hotel die bessere Option wäre. Ich schließe aber auch die Rathausvariante nicht aus." Eine feste Meinung hätte er zu diesem Zeitpunkt noch keine. "Aber Leute! Schaut euch das erst mal an, dann könnt ihr euch eine Meinung bilden", appelliert er an alle Markdorfer. Es sei nicht nur die Mühe bemerkenswert, die sich die Stadt hier mache, um die Bürger zu informieren, indem sie die Dinge absolut offenlege, sondern auch manche Überraschung, die das Gemäuer bereithielte.

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Das Projekt Rathaus ins Bischofsschloss

Details zum Vorhaben der Stadt Markdorf, die Rathausverwaltung ins Bischofsschloss umzusiedeln.

  • Die Schwierigkeiten: Die zwei großen "Bs", die echten Bedenken des Bischofsschlossumbaus heißen Brandschutz und Barrierefreiheit. So kann beispielsweise die einstige Hochzeitssuite unterm Dach nicht mehr genutzt werden, da es nur einen einzigen offiziellen Rettungsweg gibt, und der ist nicht wie zu erwarten durch das Stiegenhaus (weil zu nieder und zu eng), sondern durch die Feuerwehrdrehleiter durchs Dachfenster. Auch was die Aufzüge belangt, wäre ein optimaler Zustand ein anderer. Lediglich die Euro-Norm kann in diesem Fall eingehalten werden. Die wesentlich handicap-freundlichere deutsche Richtlinie kann indes aufgrund der beengten Verhältnisse vor und in den Aufzügen nicht umgesetzt werden. Auch werde die Toilette über dem Rittersaal nicht barrierefrei erreichbar sein, was für Rollstuhlfahrer eine Fahrt ins Erdgeschoss erforderlich machen wird.
  • Der Zeitplan: Er war schon einmal aufgestellt und hätte laut Monika Schneider auch eingehalten werden können, hätte nun nicht die Herbeiführung eines Bürgerbegehrens die Zeitpläne durchkreuzt – oder wird sie nicht zuletzt gänzlich zum Erliegen bringen. Von einem Rathausumzug Ende 2021/Anfang 2022 war einmal die Rede; jetzt werden die Karten neu gemischt. "Wir hätten ab dem 24. Juli mit dem gefassten Beschluss für die Sanierung und Umnutzung zum Rathaus aktiv fortfahren können", sagt Monika Schneider. "Im Januar 2019 hätte schließlich mit der Umbaumaßnahme begonnen werden können." Jetzt verzögere sich alles aufs Ungewisse. So werden die nächsten Wochen erst zeigen, ob der Entscheid überhaupt zustandekomme und im weiteren Verlauf, in welche Richtung sich nicht nur die Planung, sondern auch die Meinung der Bürger entwickelt.
  • Die Umbauphase: Es wird die Zeit des Schlossumbaus eine staubige, eine unruhige Zeit für Markdorfs Innenstadt werden, denn es werden 40-Tonner durch die Ulrichstraße rollen. Anders als zunächst geplant, nämlich eine Baustraße von der Ravensburger Straße zum Hexenturm und bis zum Schloss zu führen, musste umgeplant werden. Mit über 18 Prozent Steigung eindeutig zu steil für einen 40-Tonner und zu ineffizient für die kleinere Variante. Das kleiner Übel also durch den größeren Sattelschlepper. Damit nun aber diese Zeit zu keiner Zerreissprobe für die Anwohner wird, soll es sich laut Monika Schneider lediglich um Stoßzeiten handeln, in denen "schweres Geschütz" aufgefahren wird. "Keinesfalls wird über die nächsten drei Jahre die Innenstadt eine einzige Baustelle sein", betont sie. Und auf jeden Fall würden die Anwohner stets darüber informiert, "wenn's mächtig rüttelt".
  • Die Kritik: Die Frage nach einem Plan B, C oder D stellt sich nicht nur Edmund Lunnebach, sondern mit ihm viele Markdorfer. Aber es gibt ihn nicht. Im Galopp sei der Beschluss, das ehemalige Hotelgebäude in ein Verwaltungsgebäude umzuwidmen, durchgezogen worden. Alternativenlos. "Als ob man ein Kaninchen aus dem Hut gezaubert hätte", wurde seitens einer Besucherin diese Vorgehensweise benannt. "Was wäre noch denkbar gewesen?", hätte nach Lunnebach ebenso die Frage lauten können. Kritik wird auch laut, dass man zu schnell mit diesem Beschluss verfahren sei. Wünschenswert gewesen wäre eine angemessene Findungsphase, in der das Gebäude durchaus brachliegen könnte. Auch einen Ideenwettbewerb hätte man in Betracht ziehen können. Die Diskussion hätte am Anfang geführt werden müssen.