In Kressbronn ist es die Kabelhängebrücke, in Friedrichshafen der Hafenbahnhof. In Bermatingen ist es das Gasthaus „Adler“ und in Markdorf St. Peter und Paul, die ehemalige Klosterkirche beim früheren Krankenhaus. All diese und weitere Orte haben – außer, dass sie historisch sind – etwas gemeinsam: Sie verbinden Menschen. In der Vergangenheit haben sie Handelnde, Reisende, Einkehrende, Besucher miteinander in Berührung gebracht. Und sie verbinden immer noch: uns mit der Vergangenheit, mit den Menschen von damals.

Treffpunkt für die Führung durch St. Peter und Paul in Markdorf ist am Sonntag deren Vorplatz.
Treffpunkt für die Führung durch St. Peter und Paul in Markdorf ist am Sonntag deren Vorplatz. | Bild: Jörg Büsche

Dass Markdorf eine Station für Pilger auf dem Weg nach Santiago de Compostela war, das ist bekannt. Die Muschel als Pilgerzeichen begegnet immer noch in der Stadt. Dass Markdorf aber mehrere Jahrhunderte lang selber ein viel besuchter Wallfahrtsort war, das wissen unterdessen nur wenige. Hermann Zitzlsperger ist Regionalhistoriker und ausgewiesener Kunstkenner, zudem Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft Geschichte im Bodenseekreis, die auch für dieses Jahr die Programmstätten des Kreises für den Tag des offenen Denkmals am kommenden Sonntag ausgesucht hat. Er wird erläutern, warum so viele Menschen von fern und nah kamen, um sich das Gnadenbild in der längst abgerissenen Bildbach-Kirche anzuschauen – oder vor der „doppelten Länge Christi“ in der ehemaligen Klosterkirche St. Peter und Paul zu beten – oder vor dem offenen Sarg mit den gleichfalls dort ausgestellten Überresten der heiligen Martina darin.

Im Inneren der St.-Peter-und-Paul-Kirche wird Hermann Zitzlsperger die dorrt vorhandenen Kunstschätze erläutern – so die doppelte Länge Jesu oder den Sarg der heiligen Martina.
Im Inneren der St.-Peter-und-Paul-Kirche wird Hermann Zitzlsperger die dorrt vorhandenen Kunstschätze erläutern – so die doppelte Länge Jesu oder den Sarg der heiligen Martina. | Bild: Jörg Büsche

„Das Ohr des Abts von Salem“

Im benachbarten Bermatingen wird Zitzlsperger kein sakrales Denkmal, die dort anzutreffenden Kunstschätze sowie die religiöse Glaubenspraxis erläutern. In Bermatingen beleuchtet er die Rolle des vom Salemer Abt, dem Herren der Gemeinde, eingesetzten Ammanns. Dessen Amtshaus war das Wirtshaus, der heutige Gasthof „Adler“. Dort war er „das Ohr des Abts von Salem“, wie Regionalhistoriker Zitzlsperger es formuliert. Dort brachte er Amtsobliegenheiten mit dem Betrieb einer Schenke.

Seit wann er beim Tag des offenen Denkmals die Besucher durch historische Denkmäler führt, ihnen Denken und Leben der Menschen im Mittelalter oder Neuzeit erläutert, das kann Hermann Zitzlsperger kaum genau sagen. „Ich glaube, ich bin von Anfang an mit dabei.“ In Markdorf habe er sich die Aufgabe, lokale Geschichte zu vermitteln, lange mit dem inzwischen verstorbenen Manfred Ill geteilt. Mit dabei sei auch stets Hauptamtsleiter Klaus Schiele, der die Zitzlsperger'schen Ausführungen oftmals mit Auszügen aus dem ihm unterstellten Stadtarchiv bereichert – und im Anschluss die durchaus nicht mit trockner Materie behelligten Tag-des-offenen-Denkmals-Besucher zu einem Glas Markdorfer Wein einlädt.

Stand einst in der Bildbachkapelle: die Bildbachmadonna aus der St.-Nikolaus-Kirche.
Stand einst in der Bildbachkapelle: die Bildbachmadonna aus der St.-Nikolaus-Kirche. | Bild: Jörg Büsche

„Mir geht es darum, das Vergessene aus der Vergangenheit wieder in Erinnerung zu rufen“, erklärt Hermann Zitzlsperger. Mithin führt er weniger an historischen Modellen entlang, beleuchtet er nur am Rande die geschichtlichen Strukturen – all das wäre im Rahmen von wenigen Stunden auch kaum zu leisten. Sein Anliegen sei es, Schlaglichter zu werfen. Schlaglichter, die beleuchten, warum sich jeden Werktag gegen 11 Uhr die Handwerker im Wirtshaus trafen. „Um ihre gemeinsame Arbeit an einer Baustelle miteinander abzustimmen“, erklärt der Historiker. Erläutern wird er auch ganz andere Bräuche: etwa den des Eierlaufs in Bermatingen.

Spielte lange eine wichtige Rolle in der Gemeinde: das ehemalige Amtshaus des Ammanns in Bermatingen – hier dessen Eingang.
Spielte lange eine wichtige Rolle in der Gemeinde: das ehemalige Amtshaus des Ammanns in Bermatingen – hier dessen Eingang. | Bild: Jörg Büsche

In Markdorf geht Zitzlsperger darauf ein, dass Markdorf seit dem ausgehenden 14. Jahrhundert zum viel besuchten Wallfahrtsort wird. Wie auch in anderen Städten wird es zum Anziehungspunkt für die sogenannten Sekundär-Wallfahrten. Dort wurden statt der heiligen Stätten in Rom, Jerusalem oder Santiago de Compostella mit ihren Grabstätten Orte mit wunderwirkenden Bildern aufgesucht, In Markdorf war das die Bildbach-Kirche mit ihrem Gnadenbild, der Bildbach-Modonna darin. Zitzlsperger wird auf die Rolle der Schutzmantel-Bruderschaft eingehen, die die Wallfahrtskirche am Bildbach gebaut hat. Sie hat im Laufe der Zeit immer stärkeren Zulauf erfahren. „Unter ihren Mitgliedern“, so Zitzlsperger über die Schutzmantelbruderschaft, „haben nicht nur Bürger aus Markdorf, sondern aus der gesamten Region, ja aus dem gesamten süddeutschen Raum und weit darüber hinaus gehört.“ Und außer einzelnen Bürgern waren ganze Städte Mitglied. Zudem zahlreiche Adlige bis hin zum Kaiser. Was sie verband, was sie antrieb, was diese Bruderschaft für Markdorf bedeutete, das will Hermann Zitzlsperger am Sonntag – in gewohnter Anschaulichkeit – skizzieren.