Herr Mutzke, befassen Sie sich vor einem Konzert mit der Stadt, in der Sie auftreten beziehungsweise mit der Mentalität der Menschen?

Eigentlich muss ich mich in dem Fall, da meine Familie zur Hälfte aus dem Schwobeländle kommt und die andere Hälfte aus Baden und wir recht bodenseenah wohnen, mit der Mentalität nicht auseinandersetzen, weil ich weiß, wie die Menschen hier ticken (lacht). Denn ich bin einer davon. Spannend ist es für meine Band, die kommen teilweise aus Holland oder aus Hamburg. Für die ist es deshalb interessant, weil sie diesen Menschenschlag nicht kennen. Ich hatte gerade einen Musiker aus Holland bei mir, der war mit einer Frau aus dem Schwobeländle zusammen, und der fand den Dialekt total sexy.

Vielleicht klang das für ihn so, wie der französischen Akzent für uns klingt. Ich selbst muss sagen, ich mag das Schwäbische. Das klingt in meinen Ohren sympathisch. Das liegt wohl daran, dass ein Großteil meiner Familie schwäbisch spricht. Nur wo ich eben lebe, schwätzt keiner schwäbisch. Wir sprechen alemannisch, also badensisch, das ist ganz trocken, kennt keinen Singsang, ist eher ne harte Sprache. So verbinde ich Schwäbisch immer mit Weihnachten oder irgendeiner Familienzusammenkunft. Immer wenn jemand Schwäbisch spricht, geht mir das Herz auf.

Dann wird dieses Konzert in Markdorf für Sie quasi ein Heimspiel. Werden Sie manche Songs in Schwäbisch singen?

Ja klar, ich werd’s komplett in Schwäbisch singen (lacht). Quatsch! Aber ich hab mal gesungen „I muss di Straßaboh no krieaga, bloß dr Fünfer bringt me hoim“. Das Lied ist ganz bekannt von einem alten Liedermacher, ich hab das sogar mit der SWR Bigband mal auf dem Schlossplatz in Stuttgart gespielt. Das fand ich selbst sehr lustig, weil ich eigentlich gedacht hab, ich fang nicht erst damit an, so Blödsinn zu machen und in Mundart zu spielen, weil das so Kleinkunstcharakter bekommt. Aber die Nummer hat in Stuttgart so einen Stellenwert, dass man das sogar mit einer fetten Bigband spielen kann und die Sänger auch im Dialekt mitsingen.

Er denkt anders, und er macht andere Musik: Max Mutzke schwimmt gegen den musikalischen Mainstream und ist damit seit 2004 sehr erfolgreich. Jetzt tritt er am 25. Juli in Markdorf auf. Bild: Wanderlust-Entertainment GmbH<br /><br />
Er denkt anders, und er macht andere Musik: Max Mutzke schwimmt gegen den musikalischen Mainstream und ist damit seit 2004 sehr erfolgreich. Jetzt tritt er am 25. Juli in Markdorf auf. Bild: Wanderlust-Entertainment GmbH

| Bild: Pressebild

Sprechen Sie immer Hochdeutsch oder auch Dialekt?

I kennt schon so schwätze, wenn i wett. Aber ich mach’s nicht. Denn das wäre irgendwie gestellt. Nur wenn ich jetzt im Alemannischen und irgendwo im Alltag bin und zum Beispiel mit meinen Jungs in der Werkstatt an meinem Unimog rumschraube, dann schwätzt mr scho mol anderschder. Es gibt im Dialekt einfach so lustige und unglaubliche Sprachfehler, die fest verankert sind, wie eben das Wort anderschder. Ich kenn einen Arzt, mit dem ich mich darüber streite, ob es „wie“ oder „als“ heißt. Zum Beispiel größer wie du. Man lacht schon, wenn man weiß, wo die Unterschiede liegen und wenn jemand einen Fehler macht. Aber die Schwaben, und gerade dieser Arzt, der sagt beides. Ich nenn mal ein Beispiel: Des isch besser als wie mir des machet.

Sagt das nicht Jogi Löw auch?

Ja eben! Aber das ist lustig, weil der kommt wieder aus meiner Ecke. Ich find das einfach abgefahren, dass man „als wie“ sagt. Die Hamburger lachen sich schier kaputt. Weil wir auch alles verniedlichen. Salzstängle zum Beispiel sind bei denen einfach Salzstangen. Strohhalme sind bei uns Röhrle. Die kugeln sich vor Lachen, weil Rohr kennen die nur als großes Abflussrohr.

Bleiben wir bei unserem Kleinstädtle Markdorf. Wie bereiten Sie sich auf einen Ort und seine Menschen vor?

Tatsächlich ist es so, dass ich es vor den Konzerten sehr schön finde, in der jeweiligen Stadt, wo ich auftrete, laufen zu gehen. Also zu joggen. Vor dem Konzert eine halbe Stunde reicht. Man kommt so durch sämtliche kleine Gässchen durch, vielleicht an den Waldrand oder irgendwo auf den Berg, wo man auf die Stadt runter schauen kann. Dann erst kann ich behaupten, die Stadt ein bisschen zu kennen. Denn ich hab sie gerochen, sie gespürt, sie gesehen.

Im Juni 2017 spielte Max Mutzke gemeinsam mit der SWR Big Band im Radolfzell. In Markdorf wird der Südbadener mit der Südwestdeutschen Philharmonie auftreten. Bild: SWR Big Band
Im Juni 2017 spielte Max Mutzke gemeinsam mit der SWR Big Band im Radolfzell. In Markdorf wird der Südbadener mit der Südwestdeutschen Philharmonie auftreten. Bild: SWR Big Band | Bild: tbs-Foto

Anlass dieses Konzerts ist das große Jubiläum der Stadtkapelle Markdorf. Werden Sie darauf Bezug nehmen?

Vielleicht nicht gerade mit einem Geburtstagsständchen. Aber in den allermeisten Fällen nimmt man natürlich Bezug auf den Anlass, weil man weiß, da ist wirklich ne große Party am Laufen, die einmalig ist. Da geht man drauf ein, weil man weiß, da sind viele Leute, die hier ehrenamtlich arbeiten und die einen Verein zusammenhalten, die die Organisation übernehmen oder Sponsoren suchen. Für einen Verein ist das manchmal auch ein Überlebenskampf.

Man muss Leute motivieren, dabei zu sein, Ausflüge zu gestalten und so weiter. Man hat eine Ahnung, was da hinten alles dran hängt. Und daher gehe ich zumindest an einer Stelle des Konzerts immer darauf ein. Zum Schluss, wenn der letzte Song läuft, bedankt man sich wirklich bei den Leuten, die das zu verantworten haben. Das mach ich schon sehr, sehr gerne, weil alles andere einfach abgehoben und arrogant wäre.

Sie treten in Markdorf mit einem großen Orchester, der Südwestdeutschen Philharmonie, auf. Wie kam’s zu dieser Zusammenarbeit?

Vor vier Jahren kam die NDR Radiophilharmonie zu mir und wollte meine Songs für ein großes Orchester arrangieren. Bald kam die Elbphilharmonie dazu, und wir haben in Feinarbeit mit dem Stardirigenten Enrique Ugarte ein Konzept erarbeitet. Damit gehen wir in ein Orchester rein und übernehmen die musikalische und die inhaltliche Verantwortung. Und man kriegt von dem Orchester das Commitment: Hey, ihr macht mal das, was ihr mit den anderen Orchestern gemacht habt! So eine Aufforderung ist schon was ganz Besonderes.

Die Markdorfer kamen auf uns zu, weil der Enrique Ugarte und wir mit unserer Agentur versuchen, das immer noch weiter nach vorne zu treiben, sodass diese Orchestergeschichten nicht auslaufen. Denn von diesem Konzept, das wir in über einem halben Jahr zusammen gebaut haben, soll man die Noten jetzt bitte nicht einfach in den Schrank stellen. So kam jetzt eben Markdorf und die Südwestdeutsche Philharmonie dazu. Ich bin sehr froh, dass die sich für uns entschieden haben.

Das heißt, so ein Auftritt mit einem großen Philharmonieorchester ist auch für Sie eine große Ehre?

Absolut! Diese ganze Orchestersache ist quasi wie ein Ritterschlag, wenn du mit Anfang dreißig eine Anfrage kriegst von einer großen Philharmonie, und du darfst deine eigenen Songs singen und nicht als Interpret etwa von Frank Sinatra oder so auftreten. Es ist wirklich was ganz Besonderes, wenn so viele Leute zusammen kommen und so etwas organisieren. Da gehören nicht nur die Leute auf der Bühne dazu, sondern auch die Leute backstage oder die, die sich um die Bewirtung und um die Anlage kümmern. Wahnsinn, was da an Menschen zusammen kommt. Da ist es natürlich eine Ehre, dass man selbst der Grund dafür ist.

Sänger Max Mutzke und Moderator Stefan Raab (r) musizieren am im Mai 2004 während der Aufzeichnung der Sendung "Istanbul Total" in Istanbul zusammen. Mit seinem von Raab produzierten Titel "Can't Wait Until Tonight" trat Mutzke beim Eurovision Song Contest in Istanbul an, wo er den achten Platz belegte. Bild: dpa
Sänger Max Mutzke und Moderator Stefan Raab (r) musizieren am im Mai 2004 während der Aufzeichnung der Sendung "Istanbul Total" in Istanbul zusammen. Mit seinem von Raab produzierten Titel "Can't Wait Until Tonight" trat Mutzke beim Eurovision Song Contest in Istanbul an, wo er den achten Platz belegte. Bild: dpa | Bild: Ulrich Perrey

Welche Songs haben Sie mit im Gepäck? Sind das Songs, die man von den Alben kennt und lediglich etwas moduliert sind, oder sind manche eigens für das Orchester gemacht?

Das sind alles meine bekannten Songs. Wie zum Beispiel „Welt hinter Glas“ oder „Schwarz auf Weiß“. Man muss dazu sagen, die Arrangements kennt kein Mensch. Die Songs erkennst du nur, wenn du den Text kennst. Denn das klingt natürlich alles völlig anders. Da sind zwischen 60 und 80 Leute auf der Bühne, und alle Instrumente müssen ihren Teil haben. „Hinter Glas“ zum Beispiel ist in meinen Ohren zu einer Nummer geworden, die auch eine Barbara Streisand-Hollywoodgröße performen könnte.

Also hat das Gänsehaut-Potenzial?

Absolut. Das geht einem als Sänger so, wenn du da vorne stehst und du denkst dir: Mein Gott, jetzt sind da so viele Leute, die meine Musik begleiten. Ich bin nicht als Gast eingeladen und singe Cover Songs. Sondern umgekehrt hat sich ein Orchester die Mühe gemacht, meine Songs zu lernen. Das gibt einem ein tolles Gefühl, und das rückt Musik auch wieder in ein unglaublich romantisches Licht. Man kommt irgendwie wieder in ein Kindheitsgefühl hinein und denkt: Boah! Die sind jetzt alle für mich da!

Was bedeutet Ihnen Kindheit und Heimat heute?

Heimat und der Ort, an dem man aufgewachsen ist, ist mit nichts aufzuwiegen. Klar, wenn man in einer Stadt ist, in der man viel ist, hat man da seine eigene Welt und Leute, die noch nie mit der anderen Welt in Berührung gekommen sind. Man lebt in zwei Parallelwelten. Man hat fette Freundeskreise, die nichts miteinander zu tun haben. Dieses Leben ist zwar eine tolle Möglichkeit, überall Menschen kennen zu lernen, aber das Zuhause ist halt schon was anderes.

Das bekommt man nicht transferiert auf Freunde, die man erst zwei Jahre kennt. Zuhause ist auch eine Emotion, so wie wenn du durch eine Straße läufst in einer fremden Stadt, und plötzlich denkst du: Ach kuck mal! In dem Café saß ich, als ich als Kind mit meinen Eltern im Urlaub war! Da bist du plötzlich mit dieser Straße connected. Und plötzlich rückt dir diese ganze Gegend ans Herz. So ist Heimat für mich in allererster Linie ein Gefühl.

Der Preisträger in der Kategorie Lebenswerk, Klaus Doldinger (l), spielt im Juni 2017 in Hamburg bei der Verleihung des Echo Jazz gemeinsam mit dem Sänger Max Mutzke. Bild: dpa
Der Preisträger in der Kategorie Lebenswerk, Klaus Doldinger (l), spielt im Juni 2017 in Hamburg bei der Verleihung des Echo Jazz gemeinsam mit dem Sänger Max Mutzke. Bild: dpa | Bild: Axel Heimken

Sie singen in Ihrer Muttersprache aber auch in Englisch. Warum?

Mir liegen beide Sprachen sehr am Herzen, und klar ist Deutsch als meine Muttersprache die Sprache, in der ich denke, träume, trauere und mich freue. Deutsche Texte zu schreiben macht einfach Spaß. Das ist, wie wenn du eine Speisekarte aufschlägst mit 50 nationalen Gerichten darauf und nochmals so vielen Zutaten. Gerade in der Muttersprache gibt es so viele Dinge, die man beachten muss. Ohne dass es abgedroschen klingt oder zu überheblich oder zu arg philosophisch.

Da hast du Milliarden Möglichkeiten, um ein Gefühl auszudrücken; und deswegen ist das mit der deutschen Sprache ein Puzzlespiel. Das Englische dagegen hat bei mir den Hintergrund, dass ich mit englischer Musik aufgewachsen bin, überhaupt nie deutsche Musik gehört habe. Worte in Englisch klingen anders als in Deutsch. Man benutzt seine Mundmotorik schon ganz anders. Ein Wort wie Love, mit diesem offenen o, hat was Leidenschaftlicheres oder erzeugt zumindest einen anderen Sound als das Wort Liebe. Denn diesen Laut in Love, den gibt’s im Deutschen nicht.

Die Mütze ist längst zu Ihrem Markenzeichen geworden. Lüften Sie ein Geheimnis unter der Mütze, das noch keiner kennt?

Puh, das ist eine schwierige Frage. Ich verweigere mich, diesen einfachen oder diesen vermeintlich einfachen Weg zu gehen, ins Radio zu kommen. Und selbst wenn man nur darauf abzielt, ist es immer noch schwer genug, überhaupt im Radio stattzufinden, weil man nicht genau weiß, wen triggert man mit welchem Song und wie. Aber es gibt bei mir dieses kleine Geheimnis, dass ich mich dagegen bewusst entscheide. Also nicht den Schritt ins Radio zu machen, sondern meine Musik.

Weil man mit so einem ganz großen Selbstbewusstsein und Stolz behaupten kann: Ich hab immer gemacht, was ich in dem Moment wollte. Kompromisse geht man natürlich ein. Das ist wirklich was, worüber ich noch nie gesprochen habe. Komisch. Ich war als Kind schon so. Wenn irgendwo richtig die Party abgegangen ist, bin ich immer wo anders hingegangen. Immer schon bin ich dagegen geschwommen. Aber ohne unangenehm zu sein. Ich bin kein Aus-Trotz-dagegen-Schwimmer und geh den Leuten auf die Nerven. Ich will nicht das machen, was der Mainstream vorschreibt. Da zahlt man aber auch seinen Preis dafür. Ich bin mal gespannt, wie lange ich das noch mache. Es kann ja sein, man hat immer mal Lust, was anderes zu machen. Dann tut man’s einfach. Aber bisher isses so, wie ich’s sage.

Fragen: Helga Stützenberger

Max Mutzke tritt zur Jubiläums-Konzertwoche Ende Juli der Stadtkapelle Markdorf am Mittwoch, 25. Juli, 20.30 Uhr auf dem Marktplatz auf. Karten zum Preis von 37,50 Euro gibt es in der Markdorfer SÜDKURIER-Geschäftsstelle, Hauptstraße 4, sowie in der Tourist-Information, Marktstraße 1.

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