Nach knapp 60 Jahren wieder zurück in Markdorf. Was ist das für ein Gefühl?

Es ist wirklich ein eigenartiges Gefühl, aber auch schön und verbunden mit viel Veränderung.

Veränderung?

Natürlich – privat und im Städtle.

Wann sind Sie denn aus Markdorf weggezogen?

Mit 26 Jahren, also 1961. Aber ich kam natürlich durch meine Familie und Freunde noch regelmäßig nach Markdorf.

Wie kann ich mir das Leben von damals vorstellen?

Oh, da gehört teilweise schon viel Fantasie dazu, schon allein weil Sie viel jünger sind und Markdorf erst ein paar Jahre kennen. Ich bin auf dem Hof Zurell aufgewachsen, das heißt, viel Landwirtschaft mit Vieh und immer genügend Arbeit. Zumal ich das siebte und jüngste Kind der Familie bin und meine älteste Schwester größtenteils die Erziehung übernommen hat, sie kam am selben Tag nur 14 Jahre früher zur Welt und war ganz schön streng mit mir. (schmunzelt)

Woran erinnern Sie sich besonders?

Wenn Sie das nächste Mal zum Einkaufen in die Altstadt gehen, dann stellen Sie sich vor, dass wir beispielsweise unsere Kühe in Vierergruppen zusammengebunden haben und mit ihnen durchs Untertor zu den Wiesen oberhalb vom Weiher gelaufen sind, um sie grasen zu lassen. Lustig nicht wahr? Dort haben wir die ersten Kirschbäume gepflanzt, die auch heute noch die besten Kirschen reifen und gedeihen lassen. Oder im Winter sind wir mit den Schlitten oben vom Wirtshaus bis zum Marktplatz runtergefahren.

Das hört sich fast idyllisch an. Aber in Ihrer Kindheit war der Krieg in vollem Gange.

Allerdings, der Krieg war allgegenwärtig und doch hat man ja als Kind eine andere Wahrnehmung als ein Erwachsener. Ich erinnere mich noch gut daran, dass wir am Abend immer alles verdunkeln mussten, damit uns die Flieger aus der Luft nicht entdeckten. Wenn die Sirenen wegen bevorstehender Angriffe ertönten und wir in unsere Bunker flüchteten, war es mir nur wichtig, dass ich meine Puppe samt Kleidern mitnahm, die Angst war sowieso immer dabei. Ich ging damals in die Jakob-Gretser-Schule, doch die wurde eines Tages zum Lazarett für die Verwundeten und wir hatten oft im Lamm, im Walser oder heutigen Lichtblick Unterricht. Außerdem sammelten wir tagsüber am Wald- und Wegesrand säckeweise Kräuter und Pflanzen, die als Tee für die Soldaten weiterverarbeitet wurden.

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Gibt es heute noch etwas, was sie von früher kennen?

Schön ist, dass das Brauchtum weiterhin großgeschrieben wird in Markdorf. Beispielsweise gibt es ja heute immer noch das Hansafüratle. Wenn der Johannistag anstand, freute ich mich schon auf die getrockneten Apfelschnitze, die ich an dem Tag bekam. Aber auch die Narren sind eine ganz alte Zunft und in der Fasnet, wenn der große Umzug stattfand, da ritt mein Bruder immer als Herold mit seinem Pferd voraus. Vorreiter waren wir auch in Sachen Traktor. Wir waren der erste Hof in der Stadt, der einen hatte. Und am Nachmittag, nach getaner Arbeit, fuhr mein Bruder immer mit dem großen Gefährt durch die Gassen, um die Mädchen zu beeindrucken – mit Erfolg. (lacht)

Was hat sich merklich verändert in der Stadt?

Das ist eine Menge. Der Verkehr zum Beispiel, der hat nicht nur zugenommen, sondern hat das Pferdegetrampel durch viel Autolärm abgelöst. Was mir auch aufgefallen ist, dass es für mich als älteren Bürger bei dieser Automenge zu wenig Zebrastreifen gibt und lange Umwege bedeutet. Damals war die Landwirtschaft die Haupteinnahmequelle, heute hat sich viel Industrie in der Stadt angesiedelt. Dazu fällt mir noch ein, wenn vor 80 Jahren ein Junge im Spital zur Welt kam, nahm die Hebamme den Kleinen und streckte ihn aus dem Fenster Richtung Friedrichshafen und sagte, „schau, dort auf dem Industriegelände wirst du mal dein Geld verdienen“, denn schon damals war klar, mit der Landwirtschaft lässt sich als Alleinverdiener keine Familie ernähren.

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Was freut Sie besonders an Ihrer Rückkehr nach Markdorf?

Dass meine Kinder hier eine schöne Wohnung für mich gefunden haben. Und dass meine beste und älteste Freundin Lore auch hier lebt und wir viel Zeit miteinander verbringen. Zum Beispiel werden wir jetzt im November zum monatlichen Treffen unseres Jahrgangs ins Paradies gehen und ich bin sehr gespannt, wen ich dort wieder treffen werde. Ein schöner Gang ist immer wieder zu meinem elterlichen Hof Zurell, den jetzt mein Neffe übernommen hat und mich mit frischen Hofprodukten versorgt. Markdorf hat mich wieder.