Markdorf hat sich auf den Weg gemacht. Die Stadt sucht nach einem neuen Verkehrskonzept. Das Ziel ist, den Innenstadtverkehr zu entspannen. Wie sehen sie die Verkehrssituation in Markdorf?

Holstein: Verkehr – das ist wirklich ein Riesenthema.

Deiters Wälischmiller: Nicht nur in Markdorf.

Holstein: Jüngst wurden ja in der Wagner GmbH hier in Markdorf die Ergebnisse der IHK-Studie zur Standort-Zufriedenheit vorgestellt. Bei aller grundsätzlichen Zufriedenheit der Unternehmen in der Region Bodensee-Oberschwaben gibt es da doch eine große Unzufriedenheit mit der Verkehrssituation. Insbesondere bei der überregionalen Straßenanbindung werden Riesendefizite gesehen.

Deiters Wälischmiller: Kein Wunder, der Ausbau der B 311 Stuttgart-Ulm ist beschlossen. Das soll den Süden entlasten, man spürt es nur nicht.

Irene Holstein (links) und Susanne Deiters Wälischmiller äußerten sich zur Verkehrssituation in und um Markdorf.
Irene Holstein (links) und Susanne Deiters Wälischmiller äußerten sich zur Verkehrssituation in und um Markdorf. | Bild: Bilder: Jörg Büsche

Holstein: Wir leben in einem verkehrstechnischen Bermudadreieck, könnte man glauben.

Deiters Wälischmiller: Eine Art Niemandsland scheint die Bodenseeregion auch aus Sicht der Deutschen Bahn zu sein.

Holstein: Genau. Dem dringend benötigten Ausbau der Bodenseegürtelbahn wird jedenfalls keine Priorität eingeräumt. Wir liegen einfach abseits von den Hauptstrecken – etwa von der Linie Karlsruhe-Basel.

Deiters Wälischmiller: Stattdessen rauscht auf der Rheintalstrecke alle zwei Minuten ein Zug durch. Mit der Folge, dass in den Anliegergemeinden allmählich die Urlauber ausbleiben.

Wo steht der öffentliche Nahverkehr? Wann kommt die schnellere Taktung der Bahnverbindungen? Braucht Markdorf einen Stadtbus?
Wo steht der öffentliche Nahverkehr? Wann kommt die schnellere Taktung der Bahnverbindungen? Braucht Markdorf einen Stadtbus? | Bild: Bilder: Jörg Büsche

Zurück in den Bodenseekreis, Zurück nach Markdorf. Wo krankt es hier?

Deiters Wälischmiller: Zum Beispiel an der Langsamkeit der Verfahren. Schauen sie sich die Ampel am Bahnübergang an. Die Verhandlungen zwischen Verwaltung und Bahn gestalten sich extrem langwierig.

Holstein: Überhaupt geht es bei der Straßenplanung extrem zäh voran. Was ja wohl auch daran liegt, dass bei den Landesbehörden Stellen unbesetzt bleiben – aus welchen Gründen auch immer.

Deiters Wälischmiller: Und es fehlt die große, die Gesamtlösung.

Holstein: Wir ringen um die B 31, aber jede Gemeinde will das Beste für sich selber herausholen. Wodurch Ittendorf auf der Strecke bleibt. Das ist nicht zu akzeptieren.

Deiters Wälischmiller: Sinnvoll wäre doch eine große Ost-West-Lösung für den Güterverkehr, keine Umfahrung für einzelne Ortschaften.

Holstein: Da bin ich anderer Meinung. Weil der Durchgangsverkehr unbedingt heraus muss aus der Stadt. Außerdem sind ja auch die Grundstücke gekauft und die Pläne längst fertig. Es ist alles vorbereitet. Nun muss man nur noch wollen. Bleibt die B 33, dann wäre das eine Katastrophe für unsere Stadt. Die Bundesstraße stellt einen tiefen Einschnitt dar. Sie behindert unsere Stadtentwicklung.

Deiters Wälischmiller: Auch die Deutsche Bahn durchschneidet unsere Gemeinde – und stellt keine so große Beeinträchtigung dar.

Holstein: Da fahren aber auch nicht ständig schwere Lkw drüber.

Braucht Markdorf eine Umfahrung – oder kann darauf verzichtet werden?
Braucht Markdorf eine Umfahrung – oder kann darauf verzichtet werden? | Bild: Bilder: Jörg Büsche

Deiters Wälischmiller: Ich finde, wir brauchen keine weiteren Straßen. Wir haben jetzt schon genug Straßen. Der Flächenverbrauch ist enorm und es wird wertvolle Landschaft zerstört.

Holstein: Und wie wollen Sie unsere Verkehrsprobleme lösen?

Deiters Wälischmiller: Von der Menge her haben wir genug Straßen, verbessert werden müsste aber deren Qualität. Außerdem dürfen wir uns nicht so sehr auf die Straßen fixieren. Mittel- und langfristig gilt es, auf Alternativen zu setzen.

Holstein: Aber das braucht doch Jahre, bis da etwas entwickelt ist. Die Probleme haben wir doch heute. Schauen sie sich doch den Schwerlastverkehr an. Der umgeht unsere Tempo-30-Zone, indem er durch Untersiggingen fährt. Ich halte fest daran: Zum einen muss der Durchgangsverkehr raus aus unserer Stadt. Außerdem brauchen wir die Umgehungsstraße, um das Gewerbegebiet Negelsee anzubinden.

Deiters Wälischmiller: Für mich wäre der Ausbau der B 31 die sinnvollere Alternative.

Holstein: Da werden die Seegemeinden sich aber beklagen.

Was beschäftigt Sie noch beim großen Thema Verkehr?

Deiters Wälischmiller: Unter anderem die Parkplatzsituation in Markdorf. Bisher hat die Stadt regelmäßig Flächen in den Tiefgaragen gekauft, die nie ausgereicht haben. Mit Einführung der Blauen Zone sind wir einen Schritt weitergekommen, aber für die in der Stadtmitte Beschäftigten sind die Plätze nicht ausreichend.

Holstein: Deshalb finde ich ein großes Parkhaus beim Bahnhof richtig.

Was fordern Sie für den Öffentlichen Personennahverkehr in Markdorf?

Deiters Wälischmiller: Ganz wichtig: eine schnellere Taktung für den Städteschnellbus zwischen Ravensburg und Konstanz.

Holstein: Ich finde es gut, dass der Kreis sich bei der Planung für den Ausbau beziehungsweise die Schneller-Taktung der Bodenseegürtelbahn engagiert.

Deiters Wälischmiller: Ja, und Markdorf ist mit rund 100 000 Euro an den Planungskosten beteiligt.

Wie kann der Fahrrad- und Fußgänger-Verkehr in der Stadt attraktiver gemacht werden?
Wie kann der Fahrrad- und Fußgänger-Verkehr in der Stadt attraktiver gemacht werden? | Bild: Bilder: Jörg Büsche

Eine engere Taktung der Bodenseegürtelbahn ist hilfreich, um Alternativen für den Individualverkehr zu schaffen. Wie sieht es mit dem innerstädtischen ÖPNV aus?

DeitersWälischmiller: Aus dem Vorarlbergischen kenne ich ein gut funktionierendes Bussystem, das auch angenommen wird von der Bevölkerung. Etwas Ähnliches könnten wir uns auch gut für Markdorf vorstellen. Das wäre der Idealfall.

Holstein: Wir haben ja schon das Anruf-Sammel-Taxi.

Deiters Wälischmiller: Sicher, aber das Anruf-Sammel-Taxi braucht einige Vorausplanung und ist, was ich immer mal höre, nicht unbedingt zuverlässig. Ein Bus, der alle 20 Minuten fährt, wäre da aus meiner Sicht eine gute Alternative. Das Emma-Taxi hat leider auch nicht richtig funktioniert. Es war einfach nicht sorgfältig genug durchdacht. Man musste zum Bahnhof, es abholen, konnte fahren, musste es von Zuhause dann aber wieder zurückbringen zum Bahnhof. Unsere topografische Lage am Hang war nicht genügend berücksichtigt.

Holstein: Die Stadt sagt ja: Wir können das Anruf-Sammel-Taxi optimieren. Was aus meiner Sicht sinnvoller ist als ein Bürgerbus, der womöglich ehrenamtlich betrieben wird...

Deiters Wälischmiller: Nein, bitte nicht auf ehrenamtlicher Basis. Da gibt es zu viele Unwägbarkeiten.

Holstein: Der Vorteil vom Anruf-Sammel-Taxi ist seine Flexibilität.

Deiters Wälischmiller: Zum Teil muss man aber sehr lange darauf warten.

Holstein: Es gilt also nachzubessern. Wer schlechte Erfahrungen gemacht hat, soll das sagen.

Deiters Wälischmiller: Und abends? Abends fällt das Anruf-Sammel-Taxi flach.

Holstein: Immerhin gibt es jetzt die Nachtlinien, die von den jungen Erwachsenen stark angenommen werden. Insgesamt aber ist unser ÖPNV nicht gut vernetzt. Nachgebessert muss an vielen Stellen werden. Immer noch ist das Auto beinahe unverzichtbar.

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Auch in der Innenstadt? Oder könnte die Innenstadt nicht auch autofrei sein?

Holstein: Regine Franz, die Vorsitzende des VdK, sagt ganz klar, dass die Senioren darauf angewiesen sind, mit dem Auto in die Innenstadt fahren zu können. Ohne geht es einfach nicht.

Deiters Wälischmiller: Das ist auch die Erfahrung, die in einigen Ruhrgebietsstädten gemacht worden ist. Wird der Autoverkehr aus den Innenstädten verbannt, bleiben die Besucher und damit auch Kunden aus.

Holstein: Und so sehr scheint der Verkehr die Leute ja auch gar nicht zu stören. Vor dem neuen Eiscafé in der Hauptstraße sitzen die Leute in Scharen, obwohl dort Autos vorbeifahren.

Fragen: Jörg Büsche