Frau Etzold, Ihnen liegen besonders die Senioren am Herzen. Woher kommt das?

Ich bin in einem Mehrgenerationenhaus auf einem Bauernhof in Hagnau aufgewachsen. Da war es selbstverständlich, dass Oma und Opa zuhause gelebt haben und der Rest der Familie sich um sie gekümmert hat. Ich habe einen guten Draht zu älteren Menschen und kümmere mich gerne um sie.

Sie setzen sich dafür an, dass Senioren zuhause betreut werden und nicht in ein Pflegeheim müssen. Auch das hat einen familiären Hintergrund.

Das ist richtig. Mein Onkel, der keine eigenen Kinder hatte, lebte in einem Pflegeheim in Stuttgart. Er hätte auch zuhause betreut werden können, aber es gab keine personellen Kapazitäten – weder vonseiten der Familie noch von sozialen Einrichtungen. Ihm blieb keine Alternative als in ein Pflegeheim zu gehen. Das hat mich aufhorchen lassen.

Was ist der Nachteil an einem Pflegeheim?

Das Problem wird sein, dass es in Zukunft immer mehr ältere Menschen gibt und weniger Pflegeheime aufgrund des Pflegenotstandes. Es wird schlichtweg kein geeignetes Personal mehr geben. Pflege fängt nicht mit der Pflege an. Es gibt viele ältere Menschen, die in ihrer Lebensqualität eingeschränkt, aber noch nicht pflegebedürftig sind. Es gilt nun den Fokus darauf zu legen, dass diese Menschen ihre Lebensqualität erhalten können und gut zuhause leben, wenn sie das möchten.

Wie schaffen Sie es, den Fokus genau darauf zu legen?

Durch meine Ausbildung und meine langjährige Tätigkeit in einer Arztpraxis bringe ich das nötige Wissen mit. Ich war in München und habe ein Seminar zur Assistenzausbildung besucht. Mir geht es nicht darum, die Senioren medizinisch zu betreuen, dafür gibt es entsprechende Dienste, zu denen ich keine Konkurrenz bin. Ich möchte einfach mein Umfeld entsprechend unterstützen, wenn Hilfe benötigt wird.

Wie sieht diese Unterstützung aus?

Zum einen geht es darum, Angehörigen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, wenn beispielsweise die Eltern pflegebedürftig werden. Viele rutschen plötzlich in die Situation hinein und sind erst mal überfordert, ob der vielen Sachen, die beantragt und erledigt werden müssen. Ich mache das schon privat, nun möchte ich das auch beruflich anbieten, da die Nachfrage steigt. Ich besuche die Menschen zuhause und begleite sie in ihrer Freizeit. Das soll ein Nebenerwerb sein, denn mit fast 50 Jahren geht man da nicht mehr ganz so unbedarft heran. Aber für mich ist das eine neue Chance, die sich bietet und die ich gerne ergreifen möchte.

Sie kümmern sich bereits um ältere Mitmenschen. Was fällt Ihnen dabei auf?

Wichtig ist, dass der Alltag organisiert ist – und ich kann organisieren. Zum Beispiel kaufen Jugendliche für Senioren ein, das ist für beide Seiten eine Bereicherung. Auch geht es darum, Menschen zusammen zu führen, denn die meisten möchten nicht alleine zuhause sein. Auch habe ich schon einen älteren Mann in den Urlaub begleitet und so hatte er noch die Gelegenheit nach Mallorca zu reisen.

Ist Markdorf eine seniorenfreundliche Stadt?

Es kommt darauf an, in welcher Hinsicht. Das städtische Pflegeheim ist in die Jahre gekommen und alt. Da muss viel passieren und die Stadt sehe ich hier klar in der Verantwortung. Wenn zuwenig Personal vorhanden ist, können auch keine Senioren aufgenommen und das Haus nicht voll belegt werden. Dann kann es auch nicht wirtschaftlich profitabel sein. Mittlerweile hat sich durch die gute neue Leitung die Personalsituation wieder etwas entspannt.

Wie könnte Ihrer Meinung nach eine Lösung aussehen?

Das ist schwierig. Hinzu kommt ja auch die Herausforderung mit der Einzelzimmerverordnung. Ich habe oft den Eindruck, dass Verwaltung und Gemeinderat wenig Ahnung von der Pflegesituation haben. Hier muss viel mehr Kommunikation und Informationsaustausch stattfinden. Außerdem muss der Beruf des Pflegers aufgewertet und entsprechend vergütet werden. Sonst gibt es in der Branche bald keinen Nachwuchs mehr.

Was läuft gut in der Stadt?

Ich finde, dass in Markdorf sehr offene und interessierte Menschen leben. Das merke ich bei meiner Arbeit mit Menschen mit Behinderung. Die leben hier vollkommen integriert und gehören dazu. Das ist in anderen Gemeinden nicht der Fall. Auch gibt es viele Angebote für Senioren, zum Beispiel im Mehrgenerationenhaus. Ich würde gerne mehr Verbindungen schaffen. So planen wir zum Beispiel bei der Teilhabe Liebenau eine Zusammenführung unserer Bewohner mit den Bewohnern des Markdorfer Pflegeheimes. Wie genau so ein Treffen gestaltet sein kann, daran arbeiten wir momentan.

Haben Sie Angst vor dem Alter?

Nicht wenn ich gesund bleibe. Aber wenn ich die Entwicklung im Pflegebereich sehe, dann schon. Problematisch wird es, wenn man im Alter auf Hilfe angewiesen ist, diese aber nicht greifbar ist. Ein Pflegeheim, das im Monat mindestens 3000 Euro kostet, muss man sich auch erst mal leisten können.