Wenn Andrea Diersch von "denen da oben" und "die da unten" spricht, hat das keinerlei Wertigkeit. Es ist einzig ein lokaler Anhaltspunkt. Mit "da oben" seien der Lehenhof gemeint und die Menschen, die in dieser Dorfgemeinschaft mit einer Behinderung leben. "Da unten" bezeichne diejenigen, die den Weg zum Lehenhof womöglich niemals fänden, wenn es das gemeinsame Musizieren mit der Veeh-Harfe nicht gäbe.

Was eine Veeh-Harf ist? Mit einer märchenhaften Fee hat sie nichts zu tun. Die Geschichte der Veeh-Harfe beginnt mitten im wirklichen Leben und hielt auch vor einigen Jahren an der Musikschule Markdorf Einzug. Es ist die Geschichte eines Musikinstrumentes, das in seiner Form und Einfachheit ursprünglich gedacht war, um behinderten Menschen das Musizieren mit einem Instrument zu ermöglichen, das anhand von Notenschablonen gespielt wird. Also ohne jegliche Notenkenntnisse. Im eigentlichen Sinne handelt es sich hierbei um kein Projekt, denn es ist eher als Kooperation von Musikschule Markdorf und Lehenhof zu verstehen. Dabei soll das gemeinsame Musizieren mit der Veeh-Harfe zur Inklusion von Menschen mit Behinderung beitragen. "Da nehmen Menschen sowohl aus dem normalen Leben teil als auch Menschen mit Behinderung", erklärt die diplomierte Musiklehrerin Andrea Diersch. Zusammen wird dann einmal wöchentlich oben auf dem Lehenhof musiziert und Veeh-Harfe gespielt.

Gleichberechtigtes Miteinander

Erzählt Andrea Diersch von "denen da oben", erzählt sie auch von beseelten Menschen und der Tatsache, "dass diese Menschen vom Lehenhof kaum einer kennt, wenn er nicht selbst ein behindertes Kind hat". Was denn Behinderte überhaupt seien?, fragt sie und fügt gleich die Antwort bei: "Das sind Menschen, an die sich keiner so recht ran traut, weil es Berührungsängste und eine gewisse Hemmschwelle gibt." Diese Hemmschwelle nun abzubauen und ein gleichberechtigtes Miteinander zu schaffen, das hat sich vor rund zwei Jahren die Musikschule Markdorf zur Aufgabe gemacht. Als ein Gebot der Stunde sei dies zu verstehen, bewirke doch so eine Kooperation eine Öffnung hin zu allen sozialen Bereichen und nicht zuletzt zur Öffnung der Herzen.

Oliver trifft die richtigen Töne und Ina hört zu.
Oliver trifft die richtigen Töne und Ina hört zu.

"Diese Menschen sind so offen in jeder Hinsicht, sie müssen mit dem Leben tagtäglich zurecht kommen", sagt Andrea Diersch. Jeder würde hier in dieser Gemeinschaft aufgenommen werden und ins Herz geschlossen, der zu ihnen hoch käme. "Es ist ganz einfach erklärt: Die Menschen von hier unten sind regelrecht aufgeblüht, wenn sie von dort oben zurück kommen."

Es geht Andrea Diersch mit dieser Institutionen übergreifenden Kooperation darum, sich durch die Musik einander anzunähern, "weil das menschlich so unglaublich wertvoll ist und denen da oben ein neues Selbstbewusstsein gibt". Dass dadurch das Gefühl der Isolation wegfiele, sei das eine. Das andere sei eine neue Menschlichkeit. Hört man Andrea Diersch zu, möchte man sich aufmachen zum Lehenhof, möchte selbst Teil sein von diesem Miteinander.

Wunsch: Zwei weitere Harfen

Noch ist der Bedarf an Veeh-Harfen nicht gedeckt. "Viele können sich diese Anschaffung einfach nicht leisten", betont sie. Jetzt wäre ihr großer Wunsch, zwei weitere Veeh-Harfen kaufen zu können, um noch mehr Menschen zueinander zu bringen: "Denn im gemeinsamen Musizieren gibt es keine Menschen mit Behinderung mehr. Es sind einfach alles nur Menschen."