Karg, aber sauber wirken die Zellen. Allenfalls die Enge darin lässt unangenehme Gefühle aufkommen. Insbesondere in jener unteren Bürgerstube des Markdorfer Hexenturms, die noch bis zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts als Arrestlokal gedient hat. Vom Elend früherer Jahrhunderte ist heute kaum etwas zu ahnen. Gekalkt, geweißelt, mit sauberen Schüsseln und frischem Geschirr, schreien diese Zellen nicht gerade nach Barmherzigkeit.

Und doch muss es noch vor wenigen Jahrzehnten anders gewesen sein – bevor der Denkmalförderverein den Hexenturm renoviert hat. Denn Vikar Johannes Treffert erzählt vor dem historischen Gemäuer, einst Teil der steinernen Stadtumfassung, vom Schauder, der eine alte Markdorferin stets beschlich, wenn sie am Hexenturm vorbei ging. Ihr war's, als ob der Ort Beklemmendes, „etwas Schweres“ ausströmte. Man scheute den Ort, ging womöglich einen Umweg.

Gerade das war der Kernpunkt der dritten Begegnung in der Reihe „Orte der Barmherzigkeit“. Zu der lädt die katholische Seelsorgeeinheit in dieser Fastenzeit ein. Hier werden fünf verschiedene Werke der Barmherzigkeit mit einer Institution, mit einem Schauplatz verbunden. Das Stillen von Hunger und Durst wurde in der Markdorfer Tafel demonstriert, wo Bedürftige Lebensmittel erhalten. Der Freundeskreis Flucht und Asyl stand für das Beherbergen von Fremden. Den Krankenbesuch ließ man sich in der Sozialstation erläutern. Und am Dienstagabend berichtete Pastoralreferent Konrad Widmann, Seelsorger in der Justizvollzugsanstalt Ravensburg, von seiner Arbeit mit Untersuchungshäftlingen und Strafgefangenen. Dies tat er, nachdem die mit fast 40 Personen ungewöhnlich große Gruppe die steilen Stiegen zu den Bürgerstuben im Hexenturm genommen hatte.

„Es sind ganz normale Menschen – und keine Monster“, sagte der Pastoralreferent. In der so gut hinter dem Wald bei Hinzistobel versteckten, durch hohe Mauern und Stacheldraht gesicherten Strafanstalt leben derzeit etwa 480 Häftlinge. Nur wenige Langzeithäftlinge seien darunter. Es überwiegen die mittelschweren Fälle – wegen Einbruchdiebstahls, wegen Körperverletzung, wegen Betrugs oder Drogendelikten. Freilich gebe es auch Mörder und Sexualstraftäter.

Seinen Arbeitsplatz und dessen nähere Umgebung, die Justizvollzugsanstalt, schilderte Konrad Widmann im großen Saal der Mittleren Kaplanei. Er zeigte Dias vom Gelände in Hinzistobel, von den Fluren vor den Zellen und den beengten Verhältnissen darin. Was es bedeutet, wenn die Tür ohne Klinke ins Schloss fällt, das schilderte der Gefängnisseelsorger anhand der eigenen Empfindungen. Überhaupt hielt er nicht zurück mit seiner Befindlichkeit. Widmann erzählte von den Gesprächen mit den Gefangenen, von deren Ängsten, von deren Kümmernissen. „Um mich müssen sie sich keine Sorge machen“, zitierte er einen jungen Häftling, „ich komm hier schon zurecht – aber meine Mutter…“ Der breche es schier das Herz, dass ihr Sohn in Haft sei.

Die Zuhörer in der Mittleren Kaplanei fragten nach. Sie erkundigten sich nach den Beichtmöglichkeiten für Häftlinge, nach den Bedingungen für den Häftlingsbesuch. Eine Dame schilderte ihre eigenen Erlebnisse als Begleiterin bei einem Häftlingsbesuch. Und es gab auch Fragen zu den Opfern der Verbrechen. Ob die Verurteilten auch an die dächten, sich um Wiedergutmachung bemühten.

„Es ist wie ein eigenes kleines Dorf mit einem Laden, mit Betrieben, zwei Pfarrern“, hatte Widmann über das Areal der Justizvollzugsanstalt gesagt. Dass es dort wie überall auch sehr unterschiedliche, sehr unterschiedlich reagierende und empfindende Menschen gebe, daran ließ er keinen Zweifel. Eines war allen klar nach den Schilderungen des Gefängnisseelsorgers: Zwischen straffällig gewordenen und sogenannten unbescholtenen Bürgern herrscht keine große Kluft. Und eine erbarmungswürdige Menschlichkeit, Widmann nannte die „Gottessohnschaft“, eint sie beide. Dass diese Botschaft bei seinen Zuhörern Denkanstöße gab, zeigten Fragen nach der Möglichkeit von Patenschaften.


Justizvollzugsanstalt

Die Justizvollzugsanstalt (JVA) Ravensburg wurde 1982 fertig. Sie verfügt über 80 Ausbildungsplätze. Raum ist für 519 Häftlinge, davon sind derzeit 139 Freigänger, die außerhalb der Gefängnismauern untergebracht sind. Aktuell leben rund 480 Häftlinge in der JVA Ravensburg. Von den 224 Mitarbeitern gehören 140 zum Vollzugsdienst. 42 sind Werkmeister. Für den Unterricht gibt es vier Lehrer, weitere 25 Berufsschullehrer von außerhalb betreuen die Auszubildenden. Es gibt einen Arzt, drei Psychologen und zwei Seelsorger. 24 Angestellte arbeiten in der Verwaltung.